zur Navigation zum Inhalt
Fotos (3): Tschechow Museum, Jalta
Anton Tschechow müde in seinem Arbeitszimmer. Als Arzt und Autor war er einer Doppelbelastung ausgesetzt.

Der russische Dramatiker heiratete spät, die Schauspielerin Olga Knipper.

 
Leben 9. Februar 2010

„Die Medizin ist meine gesetzliche Ehefrau, die Literatur meine Geliebte“

Vor 150 Jahren wurde der Arzt und Autor Anton Tschechow (1860–1904) geboren.

Anton Tschechow gehört zu den sympathischen Theaterautoren. Weil er nicht anklagt und nicht belehrt. Der russische Autor hat diese typische Tschechow-Figur kreiert: Sie ist stets müde und satt – und unzufrieden. Ganz im Gegensatz zu ihrem Schöpfer selbst.

 

Er hat nie einen großen Roman à la Tolstoj oder Dostojewski geschrieben, dafür ungefähr 250 Erzählungen und sieben abendfüllende Theaterstücke, die heute auf allen Bühnen der Welt gespielt werden. In diesen Stücken lässt Anton Tschechow (1860–1904) auffallend oft Ärzte auftreten. Wie sind sie gezeichnet? Wie stellt der russische Dramatiker die Berufsgruppe dar, der er selbst angehörte?

Der alte Arzt Tschebutykin in den „Drei Schwestern“ sagt am häufigsten: „… ist doch alles egal.“ Dieser Ausspruch zieht sich geradezu leitmotivisch durch das ganze Stück. Seine größte Passion ist die Zeitungslektüre. Nichts kann ihn wirklich noch erfreuen oder ärgern, nichts mehr wirklich berühren, selbst der Tod nicht. Müßig und gleichgültig lebt er in den Tag hinein und schaut auf ein vertanes Leben zurück: „Sie glauben, ich sei Arzt, ich könnte jede Krankheit heilen, dabei habe ich keine Ahnung, alles vergessen, erinnere mich an nichts, absolut nichts.“

Ähnliche Arztfiguren finden wir auch in den anderen Dramen. Dr. Dorn in „Die Möwe“ hat für jede Krankheit dasselbe Patentrezept: Baldriantropfen. Und einem alten Freund rät er: „Man soll das Leben ernst nehmen, aber sich mit sechzig behandeln lassen, bedauern, dass man in der Jugend zu wenig genossen hat, das, entschuldigen Sie, ist Unfug.“

Nun ist dieser stupende Gleichmut nicht nur für die Ärzte, sondern für alle Tschechow-Figuren charakteristisch. Es geht in den Stücken nicht um dramatische Auseinandersetzungen, vielmehr um den ganz gewöhnlichen Alltag, der für die Handelnden schon Herausforderung genug ist. Immer begegnen wir diesen typischen Tschechow-Figuren: Sie gehören dem gehobenen Stand an und leiden im Grunde keinen Mangel. Sie haben Geld und reichlich zu essen – und sind trotzdem stets unzufrieden. Sie liegen ausgestreckt in ihren Liegestühlen und beklagen die Hitze.

Die Zeit vertreiben sie sich die müßigen Menschen mit Plaudern und Philosophieren. Ihr Lieblingsthema: Das Leben müsste eigentlich ganz anders sein. Doch wie es zu ändern wäre, das wissen sie nicht. Dazu fehlt ihnen auch die Lust und die Kraft. Alles geschieht mit halbem Herzen. Sie möchten sich erschießen, schaffen es aber nicht, oder dann doch. Oder sie erschießen einen anderen, ohne viel Sinn. Sie leben von abgelebten Erinnerungen, schon im Voraus von abgelebten Hoffnungen. Ein müdes Dasein wird vorgeführt, kläglich und lächerlich zugleich: das Bild der russischen Intelligenz im 19. Jahrhundert.

Medizin-Studium in Moskau

Tschechow zeichnet seine Figuren mit mildem Spott, er desavouiert sie nicht. Der anklägerische Eifer eines Tolstoj war ihm fremd. Dafür war er viel zu bescheiden, wie Thomas Mann in seinem berühmten Tschechow-Essay schreibt. Nur merkwürdig: Tschechows eigenes Leben unterschied sich fundamental von dem seiner Figuren. Es war stets von Arbeit bestimmt.

Schon als Schüler verdiente sich Tschechow sein Geld mit humoristischen Kurzgeschichten, nicht zuletzt aus der Not heraus, weil sein Vater für die ganze Familie später nicht mehr aufkommen konnte. Von 1880 bis 1884 studierte Tschechow Medizin in Moskau. Danach war er Arzt und Autor. Er prägte die schöne Formel: „Die Medizin ist meine gesetzliche Ehefrau, die Literatur meine Geliebte. Wenn mir eine auf die Nerven fällt, nächtige ich bei der anderen. Das ist meinetwegen unanständig, aber dafür nicht langweilig.“

1890 fuhr Tschechow auf die damalige Gefangeneninsel Sachalin, um den Inhaftierten zu helfen und ihre Situation zu studieren. Sein Resümee: „Es war die Hölle.“ Seine Kenntnis der Naturwissenschaften und sein ärztlicher Blick verhalfen ihm zu den genauen und sachbezogenen Beobachtungen in seinen literarischen Werken. Aus seiner Biographie verstehen wir auch, warum er die Tatenlosigkeit und Trübsinnigkeit der satten russischen Intelligenz verspottete: er kannte das wahre Elend, mit ihm war er als Arzt Tag für Tag konfrontiert.

In seinen letzten Lebensjahren musste Tschechow seine Arztpraxis aufgeben, weil er unheilbar an Tuberkulose erkrankt war. Fern von Moskau und seiner spät geheirateten Frau, der Schauspielerin Olga Knipper, lebte er auf Jalta, des milden und lungenfreundlichen Klimas wegen. In der Nacht vor seinem Tod rief er zum ersten Mal in seinem Leben, im deutschen Kurort Badenweiler, einen Arzt. Und bestellte dazu, geradezu trotzig-lebenslustig, ein Glas Champagner.

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 6 /2010

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben