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Foto: Mag. Wenzel Müller
Die Einwohner von Weikendorf waren bei der Ausstellung Besucher und Protagonisten zugleich. Es ging um sie. Sie waren es, die auf den unzähligen Porträtsfotos an der Wand zu sehen waren.
 
Leben 26. November 2008

Gruppenbild mit Krankenschwester

Weikendorf in Niederösterreich: Ein Ort lässt sich fotografieren.

Wien steht im Augenblick mit etwa achthundert Veranstaltungen ganz im Zeichen des „Europäischen Monats der Fotografie“. In Niederösterreich fand schon vorher ein interessantes „Kunst im öffentlichen Raum“-Projekt zum gelungenen Abschluss: Jorit Aust holte die Weikendorfer Einwohner vor die Kamera.

 

Die Einwohner des niederösterreichischen Dorfs gelten nicht unbedingt als überaus kulturbeflissen. Doch vor kurzem kamen sie in Massen in ihren „Kunstraum“ gleich neben dem Rathaus. Der Grund: Es handelte sich um eine Ausstellung, bei der sie gewissermaßen Besucher und Protagonisten in einem waren. Es ging um sie. Sie waren es, die auf den unzähligen Porträtfotos an der Wand zu sehen waren.

Sage noch einer, Kunst hätte keinen gesellschaftlichen Wert. Hat sie doch, sie kann, wie der späte Nachmittag in Weikendorf zeigt, Freude und Gemeinschaft stiften. Selten sah man bei einer Vernissage so viele strahlende Gesichter, und selten dürfte auch so oft auf Kunstwerke, hier nicht größer als eine Postkarte, mit dem Zeigefinger gedeutet worden sein. Ein Projekt fand zu einem gelungenen Abschluss, das zu Beginn keineswegs unumstritten war.

Im „Kunstraum“

Brauchen wir das? Was soll das überhaupt? So maulten nicht wenige Einwohner, als sie von dem „Kunst im öffentlichen Raum“-Projekt in ihrem Ort erfuhren: der Wiener Fotograf Jorit Aust bat die Weikendorfer zu sich in den „Kunstraum“, um sie ablichten zu können. Alle Freiwilligen würden auch als Dank eine Serie von 30 Postkarten ihres Porträts erhalten.

Die Aktion lief schleppend an, kein Wunder, wer lässt sich schon gerne fotografieren – Thomas Bernhard verglich die auf einen gerichtete Kamera einmal mit einem Schießgewehr, und damit sprach der Dichter wohl vielen aus der Seele. Doch irgendwann war der Bann gebrochen, die Aktion kam ins Rollen und erreichte schließlich das Ausmaß einer regelrechten Lawine. Alle kamen, der Bürgermeister und die Krankenschwester, Jung und Alt, manche auch in Gruppen, wie beispielsweise die Fußballmannschaft des Orts. In der Kunst verhält es sich eben gerade so wie beim Wein, erklärte Bürgermeister Hans Zimmermann in seiner Eröffnungsansprache: Erst gärt und brodelt es, ist der Sturm aber erst einmal zum Wein gereift, macht sich größte Zufriedenheit breit.

Fotografiert wurde an zwei aufeinander folgenden Wochenenden. Für Aust war es wahre Schwerarbeit, in dieser Zeit nahm er, wie er erzählt, sieben Kilogramm ab. Genau 1.082 Einzelporträts machte er und lichtete damit das halbe Dorf ab. Die Druckerei kam mit dem Auftrag kaum nach, schließlich hatte sie mehr als 30.000 Fotos zu produzieren.

In Arbeitsmontur oder einfach so

So ungewöhnlich und unvorhersehbar wie für die Dorfbewohner war das Projekt auch für den Initiator selbst: Aust, 45, ist es zwar gewohnt, mit Menschen zu arbeiten, allerdings mit Profis, denn er ist Werbefotograf. Hier hatte er es mit Menschen wie du und ich zu tun, die, Auge in Auge mit der Kamera, nicht wissen, wohin mit ihren Händen. Wie im Studio bestand seine Aufgabe vor allem darin, den Menschen ihre Scheu und Selbstkontrolle zu nehmen. Ansonsten konnte und sollte sich jeder so präsentieren, wie er wollte, ob in feinem Anzug oder in Arbeitsmontur, ob singend, tanzend oder einfach nur so. Und das taten sie auch. Der Feuerwehrmann posierte in Uniform, die Schülerin machte für das Foto einen Luftsprung.

Aust griff die Tradition der Wanderfotografen vor hundert Jahren auf, die von Ort zu Ort zogen und vor einem aufgehängten Leintuch Leute ablichteten, die das wollten und dafür auch zahlten. Man ist auch an August Sander erinnert, den deutschen Fotografen, der mit seiner bedeutenden Serie „Menschen des 20. Jahrhunderts“ ein umfassendes Porträt seiner Zeit lieferte.

Die Fotos von Aust idealisieren nicht das Dorfleben, sie machen sich darüber aber auch nicht etwa lustig. Keine weitere Serie in der Art „Depression auf dem Lande“. Eine solche Serie wäre ganz einfach zusammenzustellen gewesen, sagt der Fotograf, er hätte dazu nur jene Bilder auswählen müssen, auf denen die Porträtierten gerade die Augen geschlossen haben oder auf andere Weise unvorteilhaft getroffen sind. Aber gerade das wollte er nicht. Er hat die Würde der Menschen gewahrt. Für Aust hat das auch mit der Wertschätzung zu tun, die der Fotograf selbstverständlich denen entgegenbringen sollte, die sich vor ihm öffnen.

Ein historisches Dokument

Weikendorf kann sich rühmen, dass es nun das hat, was kein anderer Ort weit und breit noch einmal hat: ein Gruppenporträt. Ein Selbstporträt der Gemeinde. Eine soziale Skulptur. Ein historisches Dokument, das auch für Nachfolgegenerationen noch interessant sein wird.

 

Die Weikendorfer Porträts sind noch bis Ende dieses Jahres im „Kunstraum Weikendorf“ zu sehen, gleich neben dem Rathaus, 2253 Weikendorf.

Foto: Mag. Wenzel Müller

Die Einwohner von Weikendorf waren bei der Ausstellung Besucher und Protagonisten zugleich. Es ging um sie. Sie waren es, die auf den unzähligen Porträtsfotos an der Wand zu sehen waren.

Jorit Aust: Werbefotograf in Wien. Für sein „Kunst im öffentlichen Raum“-Projekt holte er einmal keine Profis vor die Kamera, sondern einfache Leute.

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche

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