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Fotos (3):  Nanut/Regal
Aderlassmännchen: Beliebte Illustration aus Zeiten, als Tierkreiszeichen noch verschiedenen Teilen der menschlichen Anatomie zugeordnet wurden.

Arzt, Alchemist, Astrologe, Mystiker, Laientheologe und Philosoph In Personaluion: Paracelsus (1493–1541).

Aderlassmesser 1830: Das Heil wurde in der – nicht unerheblichen – Blutentnahme gesucht.

 
Leben 2. Februar 2010

Ein Arzt soll ein Astronomus sein

„... mehr als der halbe Teil der Krankheiten wird vom Firmament regieret.“

In einem seiner berüchtigten Handbillets gab Kaiser Joseph II. die Anweisung, am Montag, dem 19. April 1784, in einer Neumondnacht die 43 „Irrwitzigen“ aus dem spanischen Spital und die 66 aus St. Marx in das neu gebaute Tollhaus im Allgemeinen Krankenhaus zu überstellen. Die Überstellung an diesem Tag war ihm besonders wichtig, da die Kranken bei Neumond – so dachte damals nicht nur der Kaiser – am ruhigsten sind.

 

Seit Jahrtausenden werden Gestirne nicht nur für das Schicksal, sondern auch für Gesundheit, Krankheit und sogar für die Funktion einzelner Organe verantwortlich gemacht. Aber auch die sogenannte Kosmobiologie, die sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als naturwissenschaftlich orientierte medizinische Astrologie von der Vulgärastrologie abzugrenzen versuchte und nicht mehr Horoskope, sondern Kosmogramme erstellte, konnte keinerlei Beweise für derartige Zusammenhänge liefern. Bei Fragen des Glaubens war und ist dies aber bekanntlich noch nie von größerer Bedeutung gewesen.

Geburtsstunde der Astronomie

Begonnen hat die Sternguckerei und Sterndeuterei mit ziemlicher Sicherheit zwischen 4.000 bis 2.000 v. Chr. im Land zwischen Euphrat und Tigris, in Mesopotamien – heute geographisch etwa der Irak, östliches Syrien und südliche Türkei. Hier wurden nicht nur die Astronomie und Astrologie, sondern auch die Schrift, die Stunde zu 60 Minuten, der 360° Kreis und das Bier erfunden. Hier in Babylon wurden erstmals die scheinbar unendlich vielen hellen Feuer am Himmel zu Bildern zusammengefasst, damit Mythen und kosmologische Legenden in den Himmel geschrieben und so nach und nach der Tierkreis erfunden. Von Babylon breitete sich das astronomische und astrologische Wissen über Ägypten nach Griechenland und zu den Römern aus. Die Literatur auf Tontafeln, Papyrusrollen und später auf wertvollen Handschriften fand naturgemäß aber nur eine geringe Verbreitung. Erst mit der Erfindung des Buchdruckes um 1450 änderte sich dies, und astrologisches Wissen durchdrang fast alle Bevölkerungsschichten. Großformatige Einblattdrucke warnten markschreierisch vor Katastrophen und Weltuntergängen, die sich durch Kometen, Sonnen- und Mondfinsternisse und gefährliche Planetenkonstellationen ankündigten.

Stellung der Himmelskörper

Viele Kalender mit genauen Angaben der Mondphasen waren speziell auf die astrologische Medizin abgestimmt. Der Tierkreis und die Stellung der Gestirne waren nicht nur für Astronomen, Astrologen, Magier und Alchemisten immens wichtig. Auch die Ärzte – die ja oft all diese Tätigkeiten in Personalunion ausübten – glaubten fest an einen Zusammenhang zwischen Erkrankung und Stellung der Himmelskörper. Wenn ungünstige Sternkonstellationen schon nicht zum Weltuntergang oder anderen angekündigten Katastrophen führten, so konnte man ihnen doch zumindest die Ausbreitung von Seuchen zur Last legen. So wird auf dem berühmten – Albrecht Dürer zugeschriebenen – „Syphilisblatt“ des Arztes Dietrich Ulsenius aus dem Jahr 1496 die immense Luftverpestung durch die unheilvolle Konjunktion von Sonne, Mond und Planeten im Sternbild Skorpion und Mars im Sternbild Widder im Jahr 1484 für die Entstehung und Ausbreitung der Syphilis verantwortlich gemacht. Man beachte – immerhin sind 12 Jahre zwischen Konstellation und Seuche vergangen!

Die Heilkundigen hielten die zwölf Tierkreisbilder aber auch für bestimmte Organe des menschlichen Körpers zuständig: vom Widder für den Kopf bis zu den Fischen, die für die Füße zuständig waren. Aus Kalendern mit den sogenannten „Aderlass- oder Tierkreiszeichenmännlein“ konnten die zuständigen Organe und der günstigste Zeitpunkt für einen Aderlass ermittelt werden. Diese „Laßzettel“ wurden von der Medizinischen Fakultät mit den auf Ptolemäus und Galen zurückgehenden komplizierten Vorschriften zur Ermittlung der günstigsten Zeiten berechnet und dann für die Bader und Wundärzte freigegeben. Wenn sich Sonne oder Mond in einem der Tierkreiszeichen befand, durfte unter keinen Umständen am zuständigen Körperteil zur Ader gelassen werden. „Hüte Dich, ein Glied des Körpers mit dem Eisen zu treffen, so lange der Mond in dem Zeichen steht, dem das Glied zugehört“, lautet eine alte astrologische Regel. Eine Regel, an die sich auch heute noch moderne kosmisch orientierte „Heiler“ bei der Berechnung des günstigsten Operationstermins halten.

Der richtige astrale Zeitpunkt

Auch der heute als ein Wegbereiter der naturwissenschaftlich orientierten Medizin gesehene Paracelsus (1493–1541) hatte noch eine intensiv magische Beziehung zur Astrologie und Alchemie. „Ein Arzt soll am ersten ein Astronomus sein, denn der Arzt, der die Astronomey nicht kann, der mag nicht ein vollkommener Arzt genannt werden: denn mehr als der halbe Teil der Krankheiten wird vom Firmament regieret“, schrieb er. Seine Arzneien suchte Paracelsus nach der sogenannten Signaturenlehre aus. Das heißt, er verwendete Substanzen, die in Gestalt und Farbe den zu behandelnden Organen ähnlich waren.

So sollte etwa das Lungenkraut wegen seiner getupften Blätter gegen Lungenkrankheiten helfen, das Schöllkraut mit seinem gelben Saft gegen die Gelbsucht und Walnüsse wegen ihres hirnartigen Aussehens gegen Kopfschmerzen. Die zur Behandlung notwendigen Mittel mussten auch nach ihrer Gestirnzugehörigkeit ausgesucht werden, geerntet mussten die Heilkräuter natürlich zum richtigen astralen Zeitpunkt werden und die Einnahme hatte beim richtigen Mond- oder Sonnenstand, das heißt im für die Krankheit zuständigen Tierkreiszeichen, zu geschehen.

Astrologen und Kosmobiologen sind auch heute noch davon überzeugt, dass alle Lebewesen auf kosmische Rhythmen reagieren. Zahlreiche Studien haben jedoch ergeben, dass es keinerlei Korrelation zwischen Mondphasen und diversen Einflüssen auf den Menschen oder das Alltagsleben gibt. Mondphasengläubigen sei eine Regel aus dem Jahr 1571 zur Erprobung empfohlen: „Wann man keine kinder zeugen will, sol gescheen das Beyschlaffen, wann der Mond ist im Zwilling, Lewen, Jungfrau, Fisch“.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche 5 /2010

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