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Foto: Privat
Dr. Margit Leuthold, Evangelische Pfarrerin am Allgemeinen Krankenhaus Wien
 
Leben 27. November 2008

Seelische Krisenhilfe und Puffer

Was ist Gesundheit? Eine von vielen grundlegenden Fragen in der Seelsorge.

Das Bild des modernen Menschen ist geprägt durch Gesundheit und Funktionieren. Evangelische Spitalseelsorge unterstützt im Krisenfall Krankheit.

 

Das AKH Wien – „Stadt in der Stadt, in der täglich an die 150.000 Menschen ein und aus gehen“ – ist Arbeitsort der evangelischen Pfarrerin Dr. Margit Leuthold. Bereits seit 2001 am AKH tätig, hat Leuthold mit 1. Oktober 2008 einen Amtsauftrag zur Krankenhauspfarrerin erhalten. Die rechtliche Basis dazu, so die ausgebildete Theologin und Pädagogin, sei neben Vereinbarungen mit der Stadt Wien und dem Protestantengesetz dadurch gegeben, dass sie im Auftrag ihrer Kirche die evangelischen Patienten im AKH besuche. „Damit entsprechen wir dem Recht jedes Patienten auf seelsorgerische Begleitung. Wir bekommen von der Krankenhaus-Aufnahme eine Liste all jener Patienten, die bei ihrer Aufnahme selber angeben, dass sie evangelisch sind. Damit können wir eine ‚nachlaufende’ Seelsorge anbieten.“

Spitalseelsorge greift dort, wo sie gewünscht wird. Leuthold: „Haben Sie den Wunsch nach seelsorgerischer Begleitung? Die Beantwortung der Frage ist bei vielen Patienten auch davon abhängig, wie groß ihre Angst vor Krankheit ist. Viele sagen, sie möchten keine Seelsorge, weil so krank sind sie nicht.“

Neben ablehnenden Patienten gebe es aber auch solche, die erwarten, im Spital, in dieser speziellen Situation, von ihrer Kirche begleitet zu werden: „Es ist eine der wichtigsten Sicherheiten, die eine Glaubensgemeinschaft bieten kann: dass sie in Krisensituationen da ist.“

Zwanghaft vorgeschriebene Gesundheit

Existenzielle Krisensituationen passen nicht so recht in den gängigen und medientauglichen „way of life“. Der Umgang mit Krankheit ist heute, auch bedingt durch kontinuierliche Ent-Bindung familiärer Strukturen und durch moderne berufliche und persönliche Lebensmodelle, gekennzeichnet durch Verdrängung. Zur Sinn-Frage von Krankheit aus Sicht der evangelischen Kirche meint Dr. Michael Bünker, Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich: „Krankheit wird als Krise erlebt. Gerade in einer Gesellschaft, deren höchstes Gut die Gesundheit ist, trifft das in verstärktem Maß zu. Die WHO hat Gesundheit in direkt religiöser Überhöhung definiert als den ‚Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur als Freisein von Krankheit und Gebrechen’. Wer in diesem Sinn ‚gesund’ ist, befindet sich in den Augen des christlichen Glaubens beinahe schon im Paradies. Krankheit macht Menschen oft schmerzhaft darauf aufmerksam, dass menschliches Leben endlich und begrenzt ist, dass der Mensch von Gott geschaffen und dennoch nicht perfekt ist und dass sein Leben immer bruchstückhaft bleibt. Letztlich kann auf diesem Hintergrund nur der oder die Betroffene selbst einen Sinn in der eigenen Krankheit entdecken. Der Glaube hilft, das Maß des Menschlichen und damit seine Begrenztheit zu akzeptieren. Wenn das gelingt, kann Krankheit auch eine Chance sein.“

Gesundheit nicht das Wichtigste

Eine große Zahl von Untersuchungen der letzten Jahre, so Bünker, lege einen Zusammenhang von Religion, Gesundheit und Krankheit nahe: „Weil gläubige Menschen davon überzeugt sind, dass sie von Gott geschaffen sind, betrachten sie sich in Ganzheitlichkeit und Leiblichkeit als gewollt. Sie werden besonders verantwortungsvoll mit dem eigenen Leib als einer Schöpfungsgabe umgehen. Sie werden aber auch skeptisch sein, wo der menschliche Körper zum formbaren Objekt, das aus austauschbaren Einzelbestandteilen zusammengesetzt ist, verdinglicht wird. Daher meine ich, dass Glaube hilft, mit dem Körper und der eigenen ganzheitlichen leiblich-seelischen Existenz gelassener und vertrauensvoller umzugehen. Es gibt heilvolles Leben, das nicht gesund sein muss. Gesundheit, wie es das gesellschaftliche Ideal beinahe zwanghaft vorschreibt, ist für den Glauben nicht das höchste Gut.“

Wichtige Spitalseelsorge

Aufgabe der Spitäler ist es, Gesundheit dort wiederherzustellen, wo es möglich ist, sonst Linderung oder Hebung der Lebensqualität bei nichtheilbaren Krankheiten zu schaffen. Den Faktor Spitalseelsorge betrachtet Bünker dabei als zunehmend wichtig: „Dabei geht es nicht mehr nur um das Recht der Patienten auf seelsorgerliche Betreuung, sondern um eine Einbindung der religiös-spirituellen Dimension in den gesamten Therapieverlauf, also in das Gesamtgefüge von Ärzten, Pflegenden und Angehörigen. Der positive Einfluss von Religion und Spiritualität auf die individuelle Bewältigung von Krankheit und damit den Heilungsverlauf wird durch eine Reihe von Untersuchungen nahegelegt.“

Die evangelische Krankenhausseelsorge arbeitet mit haupt- und ehrenamtlichen Seelsorgern nach international gültigen Qualitätsstandards. Wichtig ist, so Bünker, auch die Rolle von Seelsorge auf der Ebene der Organisationsethik. Konkretes Beispiel: Repräsentanz der Krankenhausseelsorge in Ethikkommissionen. Spiritualität oder Religion sind nicht nur ein Thema auf der Ebene der Individuen, sondern es geht auch darum, welcher „Geist“ in den Einrichtungen unseres Gesundheitswesens herrscht, so Bünker, und dazu kann die Krankenhausseelsorge einen entscheidenden Beitrag leisten.

Dokumentation für alle vorteilhaft

Die Qualitätssicherung der seelsorgerischen Arbeit am AKH wird derzeit mithilfe einer „Seelsorgedokumentation“ sichergestellt, die sich laut Leuthold an einem amerikanischen Vorbild (Jewish Hospital, Boston) orientiert. Aufgabe dieser Dokumentation sei nicht, exakte Gesprächsinhalte wiederzugeben, vielmehr sei sie allgemein, aber doch so konkret gehalten, dass sich „zumindest das Pflegepersonal oder die Ärzte eine Vorstellung davon machen können, welcher Bereich durch die Seelsorge abgedeckt wird.“ In den USA würden derartige Dokumentationen üblicherweise den Patienten-Protokollen beigelegt, in Österreich sei dies noch nicht der Fall. Leuthold: „In diesen Bögen finden sich auch Empfehlungen zur Behandlung und Betreuung des Patienten/der Angehörigen in dem Sinne, wie gut zum Beispiel eine ethische Beratung oder ein interdisziplinäres Teamgespräch sein könnte, oder dass dem Patienten Zeit und Raum für ein Alleinsein ermöglicht oder für den Patienten beispielsweise eine religiöse Feier organisiert würde, damit können auch Ärzte und Pflegepersonal besser auf die Bedürfnisse von Patienten eingehen.“ Die Seelsorge im Krankenhaus sieht Leuthold „auch als entlastend für den Mediziner, weil jemand da ist, mit dem der Patient Themen wie etwa Angst oder Sterben besprechen kann.“

Seelsorger als Troubleshooter?

Gefragt, ob Seelsorger (gleich, ob nun angestellt oder wie zumeist ehrenamtlich) auch die Funktion von psychischen Troubleshootern hätten, meint Leuthold, dass dies prinzipiell durch Fachleute aus dem psychiatrischen Bereich abzudecken sei, aber in der Praxis auch von Seelsorgern wahrgenommen wird. Ein konkretes Fall-Beispiel: „Eine ganz alte Dame, die – wohl begründet durch große Ängste – sehr randaliert hat. Es waren die Ärzte bei ihr gewesen, auch die Tochter, und sie sollte einen Revers unterschreiben. Sie wollte das aber nicht, weil sie die Vorstellung hatte, sie wird rausgeschmissen. Es ging aber darum, dass sie über das Wochenende das Krankenhaus verlassen könnte, was man ihr aber nicht klar machen konnte, da sie das aus ihrer Panik heraus nicht zuordnen konnte. Alte Damen, die randalieren, sind nun für andere Menschen schwer verunsichernd. Zufälliger Weise kam der ehrenamtliche Seelsorger, der nun gebeten wurde, mit der alten Dame zu sprechen. Diese hatte aus lauter Ärger und Wut noch dazu ihr Hörgerät weggeschmissen, und so gab sich der Seelsorger ihr als solcher zu erkennen. Die alte Dame hat sich dann bei diesem ausgeweint, und der Irrtum (über Inhalt des Revers, Anm.) konnte aufgeklärt werden. Der Seelsorger hat bewirkt, dass ein Beruhigungsfaktor da war, eine Vertrauensebene – jemand von ihrer Kirche war für sie da, und das war gut für sie.“

Durch Hinzuziehen von Krankenhaus-Seelsorgern kann in Situationen, wenn Patienten Ärzte in Bezug auf z.B. Behandlungsoptionen nicht verstehen, eine Mediation oder ein besseres Verständnis bewirkt werden. Man ist, so Leuthold, quasi „als ein Puffer dabei, wodurch Konflikte aufgelöst werden, die immer wieder zwischen Arzt und Patienten eintreten können.“

Foto: Privat

Dr. Margit Leuthold, Evangelische Pfarrerin am Allgemeinen Krankenhaus Wien

Foto: Evang. Pressedienst/Simone Wagner

Dr. Michael Bünker, Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich

Von Mag. Peter Bernthaler, Ärzte Woche

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