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Fotos (3):  Nanut/Regal
Der furchtlose Operateur Josef Weinlechner im Diphtheriepavillon des St. Anna Kinderspitals in Wien.

Star seiner Zeit: Chirurg Josef Weinlechner.

Erinnerungsmedaille mit Weinlechner.

 
Leben 27. Jänner 2010

Weinlechner: Einst einer der kühnsten Chirurgen

Auch der Ruhm berühmter Ärzte ist vergänglich.

Seine Operationen waren Thema in den „Seitenblicken“ des 19. Jahrhunderts. Die Gesellschaftsblätter lobten hymnisch seine „Eleganz der Hantirung“, seine Schüler verehrten ihn und seine Patienten beteten ihn an. Sein Ruf, ein „furchtloser Chirurg mit ausgezeichneter Technik und einer Ruhe, die ihn auch in heikelsten Fällen nie in Verlegenheit brachte“, zu sein, machten ihn in seiner Zeit – sogar neben dem weltweit berühmten Wiener Chirurgen Theodor Billroth – zu einem der populärsten und gesuchtesten Chirurgen Wiens. Die Rede ist von Josef Weinlechner (1829 – 1906).

Einst einer der bekanntesten Chirurgen Wiens, ist er heute von der Medizingeschichte praktisch vergessen. Im Narrenturm erinnert eine Medaille der „Medicina in Nummis“-Sammlung an den begnadeten Chirurgen, Pionier der Kinderchirurgie und Wohltäter seiner Heimatgemeinde Altheim im Innviertel.

Der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Weinlechner studierte in Wien Medizin. Finanziell unterstützte ihn Josef Dirnhofer, der Gemeindearzt seines Geburtsortes. Zu seinen Lehrern gehörten die Koryphäen der heute sogenannten Zweiten Wiener Medizinischen Schule: Hyrtl, Brücke, Rokitansky, Hebra und Skoda.

Die Ferien verbrachte Weinlechner stets bei der Familie seines Förderers in Altheim. Hier hatte er Gelegenheit, das auf der Universität Gelernte – unter Aufsicht des routinierten Arztes – praktisch anzuwenden. Er durfte auch in der Hausapotheke helfen und nur allzu oft musste er feststellen, dass die Heilkraft der damals verfügbaren Medikamente insgesamt recht bescheiden war und auch die besten und teuersten Arzneimittel oft keinen Erfolg hatten.

Sein Förderer und Gönner Dirnhofer gab Weinlechner damals den Rat, Chirurg zu werden. So promovierte er am 13. Juni 1854 zum „Doctor der Medicin“. Sein chirurgisches Praktikum, das er ein Jahr später mit der Promotion zum „Doctor der Chirurgie“ abschloss, absolvierte er unter anderem im Allgemeinen Krankenhaus bei Franz Schuh (1804 – 1865), dem Amtsvorgänger Billroths an der Chirurgischen Klinik.

Nach seiner Zeit als Operationszögling und Assistent Schuhs erhielt Weinlechner eine Anstellung als Primarchirurg am St. Anna Kinderspital. Sein Ansuchen um Zulassung zur „Docentur für Chirurgie mit besonderer Berücksichtigung des kindlichen Alters“ gilt heute als Meilenstein in der Geschichte des Faches Kinderchirurgie. Es war damals höchst ungewöhnlich, sich für Chirurgie des kindlichen Alters zu habilitieren. Am 10. Oktober 1865 erwarb er die Lehrberechtigung an der Universität mit einer Arbeit über „Hasenscharten“.

Spezialisierung auf Kinder

Sein Interesse in der Kinderchirurgie galt vor allem Missbildungen, onkologischen Operationen und – damals eines der wichtigsten Kapitel der Kinderchirurgie – der Verbesserung der Tracheotomie bei der Kehlkopfdiphtherie. Der Luftröhrenschnitt war damals ja die einzige lebensrettende Behandlungsmöglichkeit. Erst durch die Einführung der Intubation mit Bronzekanülen durch Joseph O´Dweyer im Jahr 1885 wurden Tracheotomien bei Diphtherie allmählich seltener. Weinlechner hatte bereits 1872 eine Arbeit über den „Katheterismus des Larynx“ veröffentlicht, in der er die damals noch neue Technik der Intubation genau beschrieb.

Der Chirurg als Wohltäter

Für seinen Heimatort Altheim war Weinlechner stets „der“ Wohltäter. Er stiftete Geld zur Errichtung einer Kinderbewahranstalt und unterstützte den Bau eines Krankenhauses, das allerdings 1931 wegen schlechter Auslastung verkauft werden musste. Seit 1898 gibt es in Altheim den „Doktor Weinlechner-Platz“ und zu seinem 70. Geburtstag pflanzten die Bürger 1899 auf diesem Platz eine Eiche. Sie steht immer noch dort. Zur Erinnerung an den großen Sohn und Wohltäter der Stadt errichtete die Gemeinde Altheim 1971 ein neues Denkmal am Platz, der seinen Namen trägt.

Neben seinen kinderchirurgischen Aktivitäten – über die er auch interessante Arbeiten publizierte – setzte Weinlechner seine allgemeinchirurgische Tätigkeit fort. Als kühner – manchmal vielleicht auch tollkühner und rücksichtsloser –, aber überaus geschickter Operateur wagte er sich auch an Fälle, die von anderen Chirurgen als inoperabel eingestuft und abgelehnt wurden. Manchmal hatte er – oder noch besser gesagt: seine Patienten – Glück und selbst die aussichtslosesten und verzweifeltsten Fälle lebten noch einige Jahre lang. Böse Zungen behaupteten, wenn auch scherzhaft, „man wisse manchmal nicht, was man von dem Operierten wieder in das Bett zurückbringen sollte.“

Durch seinen Ruf als begnadeter Chirurg war Weinlechner auch in höchsten und allerhöchsten Kreisen bekannt und gesucht. Selbst Kaiser Franz Josef ließ sich von ihm ein Atherom am Kopf entfernen. Aber weder dies noch seine wissenschaftlichen Arbeiten haben ihm einen Platz in der Geschichte der österreichischen Chirurgie gesichert. In kaum einem medizinhistorischen Werk findet man heute noch seinen Namen erwähnt.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche 4 /2010

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