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Fotos (3):  Nanut/Regal
Eine architektonische Perle aus der Blütezeit des Jugendstils ist das „Otto-Wagner-Spital“ am Südhang des Gallitzinberges.

Der Grundriss der einstigen NÖ-Heil- und Pflegeanstalt für Nervenkranke.

Die von Otto Wagner geplante Anstaltskirche ist das sakrale Hauptwerk des österreichischen Jugendstils.

 
Leben 14. Jänner 2010

„Am Steinhof“

Heilanstalt und Sanatorium in „gesunder und heilsamer“ Lage.

In Wien hat das „Geriatriezentrum am Wienerwald“ das gleiche Problem wie das „Otto-Wagner-Spital“ am Südhang des Gallitzinberges. Trotz mehrfacher malerischer und verschönender Umbenennungen bleibt das eine für den gelernten Wiener „Lainz“ und das andere „Steinhof“. Auch wenn Letzteres etwas negativ besetzt ist: die Niederösterreichische Landes-, Heil- und Pflegeanstalt „Am Steinhof“ war zum Zeitpunkt ihrer Eröffnung 1907 die größte und modernste psychiatrische Einrichtung Europas. Fachleute aus der ganzen Welt kamen nach Wien, um diese Anstalt zu besichtigen und dort zu studieren.

 

Nicht allein die Platznot machte es um das Jahr 1900 dringend notwendig, eine neue Irrenanstalt in Wien zu errichten. Es kam dazu, dass die 1853 – der damaligen Psychiatrie-Ideologie entsprechend an der Peripherie – errichtete Landesirrenanstalt am Michelbeuerngrund (dort, wo heute die beiden Türme des neuen AKH emporragen) mittlerweile mitten in einem dichtbevölkerten Stadtteil lag. Im Jahr 1902 beschloss der Niederösterreichische Landtag – Wien war noch kein eigenes Bundesland, sondern Niederösterreichs Hauptstadt – die Errichtung einer neuen Heilanstalt, einer Pflegeanstalt und eines „Sanatoriums für vermögende Kranke“. Auf den Steinhofgründen, in „gesunder und heilsamer“ Lage, sollte die neue Irrenanstalt entstehen. Danach ging es Schlag auf Schlag. Um Grundstückspekulationen zu verhindern, kaufte das Land Niederösterreich innerhalb von nur einer Woche etwa 145 Hektar Land von 110 verschiedenen Besitzern. Diesen Megadeal, wie wir ihn heute wohl bezeichnen würden, bewältigten damals nur zwei Beamte. Mit dem Bebauungsplan wurde Otto Wagner, damals der führende Architekt Wiens, beauftragt. Zu diesem Zeitpunkt gab es aber bereits einen Plan von dem heute fast vergessenen Vorstand des niederösterreichischen Landesbauamtes, Carlo von Boog. Boog hatte bereits die damals für Österreich revolutionär neuen und humanen Ideen der Behandlung und Pflege von Geisteskranken in der Landes-, Heil- und Pflegeanstalt Mauer-Öhling bei Amstetten architektonisch umgesetzt, was ihm auch viel internationale Beachtung brachte. Selbst Kaiser Franz Joseph war von dieser Irrenanstalt beeindruckt: Es müsse geradezu eine Freude sein, dort eingesperrt zu sein, schrieb er 1902 nach der Eröffnung der Anstalt an die Schauspielerin Katharina Schratt. Otto Wagner übernahm den sogenannten „Beamtenentwurf“ von Boog, brachte aber eine weit strengere Symmetrie in die ausgedehnte Anlage. Zu beiden Seiten der Hauptachse mit Direktion, Theatersaal und Kirche waren 34 Pavillons und etwas abseits im Nordosten Wirtschaftsgebäude, Schweineställe, Gärtnereien und sogar eine eigene Müllverbrennungsanlage geplant. Um die „Vermehrung der Irrenanstalt aus sich selbst“ zu verhindern – wie der kaiserliche Beamte sich korrekt auszudrücken wusste – war der „Steinhof“ entlang der Mittelachse in Frauen- und Männerabteilungen geteilt.

Beachtliche bauliche Umsetzung eines engagierten Projektes

Am 27. September 1904 wurde mit dem Bau begonnen, und bereits am 8. Oktober 1907 fand in der Kirche die feierliche Schlusssteinlegung statt. In nur drei Jahren konnte damals diese riesige Anstalt ohne Kräne und ohne Lastkraftwagen fertiggestellt werden. Bis zu 5.000 Arbeiter waren gleichzeitig auf der Baustelle beschäftigt. Da man sich auf dem steilen Gallitzinberg nicht auf Pferdefuhrwerke verlassen wollte, wurde eine eigene Bahnlinie von der Vorortelinie in Ottakring bis zur Riesenbaustelle eingerichtet. Getrennt von der eigentlichen Heil- und Pflegeanstalt entstand das luxuriöse Sanatorium für zahlende Kranke. Wintergärten, Kegelbahnen, ein Schwimmbecken, eine Schlittschuhbahn und ein Tennisplatz standen den vornehmen und vor allem zahlungskräftigen psychisch Leidenden im damals schönsten und elegantesten Sanatorium Europas zur Verfügung. „Mit Rücksicht auf die größere Empfindlichkeit der wohlhabenden Schichten gegen Wind und Wetter sind einige Pavillons durch gedeckte Gänge verbunden“, vermerkt das Bauprogramm von 1903.

Der Erste Weltkrieg beendete das noble Krankentreffen

Nach dem Ersten Weltkrieg blieben dann die zahlungskräftigen Patienten aus. 1923 wurden die eleganten Pavillons unter Gesundheitsstadtrat Julius Tandler in eine Lungenheilstätte für Tuberkulosekranke umgewandelt. Nach dem 2. Weltkrieg war die Anstalt die größte Lungenheilstätte Mitteleuropas. Seit 1977 befindet sich in diesem Teil der Anstalt das „Pulmologische Zentrum“. Der architektonische und ästhetische Höhepunkt ist gleichzeitig auch der höchste Punkt des Geländes: die weltberühmte Steinhofkirche. Die Anstaltskirche ist das sakrale Hauptwerk des österreichischen Jugendstils. Otto Wagner schuf hier eine geniale Neuerung im Kirchenbau. Der mit äußerster Zweckmäßigkeit geplante Bau ist bis ins letzte Detail reinster Jugendstil.

„Stahof, Stahof, mach‘s Türl auf“

„Stahof, Stahof, mach’s Türl auf, der ...“, hier ist der Name des zu Veräppelnden einzusetzen... „kommt im Dauerlauf“, sangen die Wiener Gassenbuben noch in den 1950er Jahren. Heute braucht kein „Türl“ mehr aufgemacht werden. Die Tore sind von beiden Seiten weit offen. Und nicht nur Kunstliebhaber aus der ganzen Welt kommen in das Psychiatrische Krankenhaus, das zwar offiziell „Otto-Wagner-Spital“ heißt, aber jeder Wiener vor allem unter „Steinhof“ kennt.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche 2 /2010

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