zur Navigation zum Inhalt
 
Leben 12. Jänner 2010

Entwürdigend bei Prothesen, Urinbeutel oder Stoma

Seit dem gescheiterten Flugzeug-Attentat am ersten Weihnachtsfeiertag über Detroit ist die Debatte über den Einsatz von Körperscannern bei der Kontrolle von Flugpassagieren wieder aufgeflammt. Neben der Frage nach ihrem Nutzen stehen ethische Probleme im Mittelpunkt der Debatte, etwa für Menschen mit Brustprothesen, Urinbeutel oder Stoma.
 
   


"Schambesetzte körperliche Behinderungen und chronische Krankheiten werden mit Körperscannern identifiziert, und die betroffenen Menschen werden leicht zu Terror-Verdächtigen und müssen sich erklären. Damit werden kranken und behinderten Menschen entwürdigende Situationen zugemutet." Darauf wies Professor Regina Ammicht Quinn vom Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IZEW) der Universität Tübingen in einer Mitteilung der Uni hin.


Auch wenn – wie in der momentanen politischen Diskussion vorausgesetzt wird – die Bilder so anonymisiert werden, dass nicht mehr der nackte Körper dargestellt wird (sondern nur noch die Umrisse des Körpers oder ein abstraktes Piktogramm), sind nicht alle ethischen Probleme gelöst. Die Scanner müssen zwischen Menschlichem und Nicht-Menschlichem, das sich unter der Kleidung befindet, unterscheiden. Damit ist eine Bevölkerungsgruppe in besonderer Weise betroffen: Menschen mit verdeckten Behinderungen. Das Nicht-Menschliche mag ein Keramikmesser oder Plastiksprengstoff sein - es kann aber auch eine Brustprothese, ein Insulinport, ein Urinbeutel oder ein künstlicher Darmausgang sein.


Die ethischen Probleme der Körperscanner werden bereits seit 2007 in dem Forschungsprojekt THEBEN unter Leitung von Ammicht Quinn untersucht. „THEBEN“ steht für „Terahertz-Detektionssysteme: Ethische Begleitung, Evaluation und Normenfindung“. Das Projekt wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert.
Im Rahmen des Projektes wird derzeit für das Ministerium eine Handreichung zur ethischen Bewertung von Sicherheitstechnologien insgesamt erarbeitet. Diese Handreichung soll zur Erstorientierung für Forschungspolitik, Anwender, Betroffene und den gesellschaftlichen Diskurs dienen.


Das Projekt THEBEN beobachtet die Körperscanner dort, wo sie auf den Menschen angewendet werden, in ihrer Entwicklung, bewertet Umsetzungs-Szenarien und arbeitet Bedingungen für die ethisch vertretbare Anwendung der Scanner aus. Darüber hinaus analysiert und bewertet es gesellschaftliche Konzepte von Sicherheit im Zusammenhang mit Sicherheitstechniken. Dabei wird Technikgestaltung immer als Gesellschaftsgestaltung betrachtet. THEBEN verbindet die ethischen Reflexionen direkt mit der Technikentwicklung, sodass Ethik zu einem Partner in der Technikgestaltung wird.


Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des THEBEN-Projekts begleiten mehrere vom Bundesforschungsministerium geförderte Terahertz-Forschergruppen. Dazu wurde im Jahr 2009 bereits ein Workshop mit dem Titel „Vorsicht, Durchsicht, Weitsicht - Ethische Aspekte von Terahertz-Detektionssystemen“ veranstaltet.


Das 1990 gegründete IZEW ist ein interdisziplinär und international ausgerichtetes Forschungszentrum der Universität Tübingen, das ethische Fragen untersucht, die sich in und aus den Wissenschaften ergeben. Neben der Forschung widmet sich das IZEW der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses und dem Transfer von Forschungsergebnissen der Ethik in die Universität und die Öffentlichkeit.
Weitere Infos zum Projekt THEBEN

Ärzte Zeitung/eb, springermedizin.at

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben