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 Michel
Foto: privat

Prof. Dr. Rolf Michel
Leiter des Zentrums für Strahlenschutz und Radioökologie, Leibniz Universität Hannover
Vorsitzender der Strahlenschutzkommission Deutschland

 

Bodyscanner2

Foto: flickr.com/jurvetson
Bodyscanner Flughafen Chiang Mai

Jurvetson: "At the Chiang Mai airport, we walked through this modern alternative to X-ray machines (which are notoriously inaccurate and detect only metal weapons). I chuckled when I noticed it was a Safeview Scanner, and turned to my friend: Hey Sam, some dude has just seen your wife naked. For this is a millimeter-wave Holographic Body Scanner."

 
Leben 11. Jänner 2010

Interview: Scanner "nicht empfehlenswert"

Selbst den Forschern fehlt noch der Einblick, was Strahlungen im Terahertzbereich im Organismus möglicherweise anrichten können. Im Interview mit der Ärzte Woche erklärt Prof. Dr. Rolf Michel,  Vorsitzender der Strahlenschutzkommission in Deutschland, warum er vergangene Woche vor einem flächendeckenden Generaleinsatz warnte.

Die Terrorismusbekämpfung setzt auf eine Lücke im bisher kaum genutzten elektromagnetischen Frequenzbereich: auf "Nackt-Scanner". Was von den einen als revolutionär gefeiert wird, wird von anderen überaus skeptisch beäugt. Wie verträgt sich die Terahertzstrahlung, die vielleicht bald in vielen europäischen Flughäfen eingesetzt werden wird,  mit unserer Gesundheit?

Hand aufs Herz: Fühlen Sie sich im Flugzeug nicht auch wohler, wenn Sie wissen, dass Ihre Mitflieger zuvor genau unter die Lupe genommen wurden?

MICHEL: Die Notwendigkeit von intensiven Sicherheitschecks – auch Scannern – kann ich sehr wohl nachvollziehen. Wir brauchen aber Technologien, die aussagekräftig und daneben auch gesundheitsverträglich sind. Es wäre falsch, aus reiner Ängstlichkeit zum erstbesten Verfahren zu greifen, ohne es genau zu prüfen.

Welche Strahlung wird beim "Nackt-Scanner" angewendet und wie schädlich ist sie im Vergleich zur Röntgenstrahlung im medizinischen Bereich bzw. der natürlichen, kosmischen Strahlung im Flugzeug?

MICHEL: Tatsächlich unterscheidet man in diesem Bereich drei verschiedene Scannertypen: Röntgenstrahlen sowie die aktive und passive Terahertzmethode. Die ionisierenden Röntgenstrahlen sind hier natürlich die aggressivste Form. Freilich ist die Gesamtstrahlenbelastung deutlich niedriger als im medizinischem Bereich, jedoch sind gesundheitliche Nachteile nicht auszuschließen. Doch wird diese Untersuchung in der Regel nicht bei den Passagieren, sondern nur beim Gepäck angewendet.

Im Vergleich dazu ist die passive Form des Terahertzscanners völlig unbedenklich. Hier erfasst eine hoch sensitive Terahertz-Kamera die natürliche Strahlung des menschlichen Körpers und erzeugt binnen Sekunden ein Wärmebild, wobei unterhalb der Kleider getragene Gegenstände verräterische Anomalien im Wärmebild verursachen. Die Vorteile: zum einen erfolgt der Vorgang ohne Bestrahlung und zum anderen entblößt der Scan keine anatomischen Details.

Dem steht die aktive Terahertzmethode gegenüber. Hier werden die Körper aktiv den Strahlen im Terahertzbereich ausgesetzt und die Rückstreuung mithilfe eines fokussierten Strahles gemessen. Die elektromagnetische Strahlung liegt dabei im Grenzbereich zwischen Infrarotlicht und Mikrowellenstrahlung. Das Prinzip ähnelt also der Röntgenuntersuchung – mit dem Unterschied der wesentlich geringeren Energie.

Heißt dies, dass die Gefahr überschätzt wird?

MICHEL: Nein! Der Punkt ist, dass wir von der Röntgenstrahlung wissen, dass sie karzinogen ist und wir sie nur dann einsetzen, wenn eine medizinische Indikation gegeben ist. Ein Gesetz, das eine andere Art von Gebrauch ermöglicht, gibt es derzeit – zumindest in Deutschland – nicht. Selbiges gilt für andere Arten von Bestrahlung, also auch für die aktive Terahertzmethode, von der wir derzeit noch zu wenig wissen – gerade was die Langzeitfolgen betrifft.

Was wissen wir überhaupt von der biologischen Wirkung der aktiven Terahertztechnologie?

MICHEL: Wir haben das Problem, dass das Terahertzfenster, also die Bandbreite von 300 Gigahertz bis etwa drei Terahertz, von der Forschung stark vernachlässigt wurde. Wir wissen zwar, dass diese Strahlung von den ersten drei Millimetern der Haut absorbiert wird und tiefer liegende Organe nicht erreicht, jedoch genügt diese Eindringtiefe, um Zellen der Haut und des peripheren Blutkreislaufes zu erreichen. Dort führt die absorbierte Strahlung zu thermisch-biologischen Wechselwirkungen, die wir heute noch nicht abschätzen können. Es gibt zwar das engagierte EU-Projekt THz-BRIDGE, aber insgesamt bleibt unser Wissen auf einem traurigen Stand.

Nun gibt es diese Technologie ja nicht erst seit wenigen Wochen und die Forschung daran muss Unsummen verschlungen haben. Haben Sie Zugang zu den Basisstudien?

MICHEL: Die Entwicklung der Geräte ist vonseiten der Industrie in der Tat rasch vonstatten gegangen, auf jeden Fall schneller, als wir in der Bewertung aus Sicht des Strahlenschutzes nachkommen konnten.

Es gibt aber wissenschaftliche Untersuchungen, die darauf hindeuten, dass eine Exposition bei Terahertzstrahlung unter einer Stunde keine gesundheitlichen Nachteile mit sich bringt. Eine israelische Gruppe (Anm.: Korenstein et al. 2008 Radiation Research 170, 224-234) fand allerdings nach zwei Stunden bei 100 GHz in teilungsfähigen Lymphozyten Hinweise auf eine Störung der Chromosomenverteilung. Das Ergebnis wurde aber noch nicht repliziert.

Zudem haben wir im Strahlenschutz ja das Modell, dass wir von einer linearen Dosis-Wirkungsbeziehung ausgehen. Daher brauchen wir für eine seriöse Risikoabschätzung die genauen Dosen. Hier liegen Untersuchungen der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig vor (Anm.: Hupe et al.; Radiation Protection Dosimetry 2006 121(4):429-437), in denen man Körperscanner mit Rückstreu- und Durchstrahlungstechnik unter die Lupe nahm. Die Dosen lagen bei den Rückstreuscannern unter einem Microsievert pro Scan, während bei den Durchstrahlungsscannern bereits fünf bis sechs Microsievert pro Scan zu Buche schlugen. Im Vergleich dazu: Die kosmische Strahlenbelastung auf einem Nordatlantikflug liegt pro Stunde bei rund sechs Microsievert. Und hier müssen wir uns schon fragen, was mit Vielfliegern oder mit Flughafenpersonal passiert, die vielleicht mehrmals in der Woche durch den Scan müssen. Da akkumulieren sich die Dosen, die dann aus Sicht des Strahlenschutzes nicht mehr außer Acht gelassen werden können. Daher können wir aus heutiger Sicht den Einsatz der neuen Scanner nicht empfehlen.

Sie sprechen auch das Personal an. Kann man abschätzen, welcher Strahlungsmenge die Menschen ausgesetzt sind, die an den Geräten arbeiten? Können diese Menschen adäquat geschützt werden, wie es im medizinischen Bereich mithilfe strenger Vorschriften geschieht?

MICHEL: Dieses Problem betrifft ja fast die gesamte Branche. Es ist nicht üblich, dass etwa fliegendes Personal mit einem Dosimeter versehen wird. Deren Strahlungsexposition wird nicht gemessen, sondern nur mithilfe von Flugdaten und Programmen errechnet. Was das Bodenpersonal betrifft, so hätten wir bei den Röntgenscannern zumindest eine Grundlage zur raschen Einführung von bindenden Bestimmungen und Qualitätskontrollrichtlinien. Bei den Terahertzscannern sind wir davon weit entfernt, weil das Wissen zu dünn ist. 

Sie haben vorhin die passive Terahertztechnologie als unbedenklich eingestuft. Warum setzt die Terrorismusbekämpfung nicht darauf?

MICHEL: Das ist ein Intensitätsproblem. Hier werden Strukturen viel unschärfer dargestellt und bestimmte Sprengstoffe – vor allem dann, wenn sie Körpertemperatur angenommen haben – werden wesentlich schwerer erfasst. Zum Auffinden von Waffen reicht es aber aus. Hier kommt jedoch noch eine weitere Frage ins Spiel: Was, wenn man die aktive Form auch außerhalb der Flughäfen etablieren will? Was, wenn der Gesetzgeber in Zukunft auch Gerichte, Ämter oder Kaufhäuser überwachen will? Und dann wird die Frage der Dosis zu einem eminenten Problem. Daher müssen wir vermehrt forschen und Acht geben, dass wir nicht in eine Falle laufen.

 

Das Gespräch führte Raoul Mazhar

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