zur Navigation zum Inhalt
Fotos (2):  Nanut/Regal
Baifa-Krieger singen in den Phonographen. Aufnahme von Rudolf Pöch in Port Moresby auf Papua Neuguinea 1906. Pöch war der erste Forscher, der menschliches Verhalten wissenschaftlich filmte und phonographische Aufnahmen machte.

Rudolf Pöch (1870 – 1921). Arzt, Anthropologe und Forschungsreisender. Er gilt heute als Bahnbrecher auf vielen Gebieten. Er war ein Pionier der Kinematographie, Photographie und Tondokumentation und ist außerdem der Begründer des Institutes für Anthropologie und Ethnographie an der Universität Wien.

 
Leben 7. Jänner 2010

Arzt, Anthropologe und „Meister des Lichtbildes“

Rudolf Pöch ist der Erfinder des Dokumentarfilms.

In die Geschichte der österreichischen Medizin ist Rudolf Pöch (1870 – 1921) als jener Arzt eingegangen, der im Jahr 1898 freiwillig die Behandlung der letzten Pestkranken in Wien übernahm. Zu einer Zeit, in der es noch keine Antibiotika gab, war das ein Spiel mit dem Tod. Weltweiten wissenschaftlichen Ruhm und Ehre erntete er aber auf einem anderen Gebiet: Als Anthropologe und rastloser Forschungsreisender gilt er heute als Wegbereiter der naturwissenschaftlichen Erforschung der Menschheit, Pionier der Feldforschung, Vorreiter der wissenschaftlichen Film- und Tondokumentation sowie „Erfinder“ des Dokumentarfilmes.

 

Im Jahr 1896 wütete in Indien eine von China über Hongkong eingeschleppte Pestepidemie. Als die verheerende Seuche in Bombay – damals ein Zentrum des Welthandels – ausbrach, wurden auch die Europäer unruhig. Im Februar 1897 entsandte schließlich auch die Kaiserliche Akademie der Wissenschaften in Wien eine Expedition nach Bombay. Ihre Aufgabe war es, die Pest zu studieren und Strategien zur Bekämpfung der Seuche zu entwickeln. Teilnehmer an der Pestkommission waren die beiden Pathologen Heinrich Albrecht und Anton Ghon. Als Leiter der Expedition wurde der Internist Hermann Franz Müller bestimmt. Als ärztliche Hilfskraft kamen Rudolf Pöch – damals ein junger Assistent an der I. Medizinischen Klinik im Allgemeinen Krankenhaus in Wien – und als Laborant der Prosekturdiener Matthias Ströbich mit. Pöchs Hauptaufgabe bei dieser Expedition war es, die Erscheinungsformen der gefährlichen Seuche fotografisch zu dokumentieren. Zwei seiner „Photographischen Aufnahmen“ aus dem „66. Band der Denkschriften der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Classe der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften“, in dem die medizinischen Ergebnisse der Pestkommission veröffentlicht wurden, sind im Besitz des Pathologisch-anatomischen Bundesmuseums.

„Laborunfall“

Mit den in Bombay gesammelten und nach Wien „importierten“ Pestkulturen wurden am Pathologisch-anatomischen Institut der Universität Wien tierexperimentelle Untersuchungen durchgeführt, um Verlauf und Infektionswege zu studieren und natürlich einen Impfstoff gegen die Pest zu entwickeln. Dabei steckte sich der Prosekturgehilfe Franz Barisch (seine Dienstwohnung befand sich übrigens im Narrenturm) mit Pestbakterien an, erkrankte prompt an der Lungenpest und verstarb bereits wenige Tage nach Krankheitsbeginn. Da Müller als behandelnder Arzt bei Barisch bloß eine „normale“ Lungenentzündung vermutete und zunächst nicht an Pest glaubte, schätzte er den Ernst der Lage völlig falsch ein. Prompt erkrankten er und zwei Krankenwärterinnen, die Kontakt mit Barisch hatten.

Ein Himmelfahrtskommando

Die Betreuung der Pestkranken in einer hermetisch abgeriegelten Isolierbaracke im Kaiser-Franz-Josef-Spital in Wien übernahm Pöch freiwillig. Es war freilich trotz aller Vorsichtsmaßnahmen ein Himmelfahrtskommando. Müller und die junge Krankenwärterin Albine Pecha starben qualvoll, die zweite Pflegerin, Johanna Hohenecker, und Pöch selbst überlebten. Für seinen mutigen Einsatz bekam Pöch später das Ritterkreuz des Franz-Josef-Ordens und von der Stadt Wien die „Doppeltgroße goldene Salvatormedaille“ verliehen.

Schon während der Expedition nach Bombay begann Pöch sich neben den ärztlichen Aufgaben auch für anthropologische und ethnographische Dinge zu interessieren. Zwei Jahre später begann er in Berlin Anthropologie und Ethnographie zu studieren und unternahm 1904 bis 1906 seine erste große Forschungsreise nach Neuguinea und Australien. Bei dieser zum großen Teil selbst finanzierten Einmann-Expedition führte er bereits ein revolutionäres technisches Equipment mit sich: drei schwere Plattenkameras, einen Phonographen und sogar einen Kinematographen. Der technisch unglaublich versierte Pöch wollte damit, wie er selbst schrieb, „ein möglichst vollständiges, getreues und lebendiges Bild der Menschen und ihrer Kultur“ zeichnen. Er war damit der erste Forscher, der menschliches Verhalten wissenschaftlich filmte und darüber hinaus phonographische Aufnahmen machte. Im Jahr 1906 eine vielbeachtete Sensation. Die Aufnahmen von Sprache, Instrumentalmusik und Gesängen der Papua – von Pöch auf Wachsplatten archiviert und heute im Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften aufbewahrt und beforscht – ist nicht nur eine Fundgrube für Musikethnologen. Seine zweite interdisziplinär angelegte Expedition führte Pöch von 1907 bis 1909 ins südliche Afrika, wo er die Kultur der „Buschmänner“ studierte. Sein Interesse an den „Zwergvölkern“ Neuguineas und Afrikas beruhte auf der damals weit verbreiteten – mittlerweile überholten – These, dass „Zwergvölker“ zu den entwicklungsgeschichtlich ältesten Vertretern der Menschheit zählen. Auch von dieser Expedition brachte Pöch eine unglaubliche Menge an anthropologischen Objekten, Photographien, Filmen und phonographischen Aufnahmen nach Wien.

Mit seinen Berichten über die Expedition nach Neuguinea und Australien habilitierte er sich im Jahr 1910 für Anthropologie und Ethnographie, wurde 1913 Professor und gründete – verzögert durch den Ersten Weltkrieg – 1919 das „Institut für Anthropologie und Ethnographie“ an der Universität Wien. Sein früher Tod, er starb 1921 in Innsbruck, hinterließ einen umfangreichen Nachlass und ein nicht aufgearbeitetes Lebenswerk. Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt bearbeitet seit einigen Jahren kritisch seinen Nachlass, der über verschiedene österreichische Institutionen verstreut ist.

Ein Universalist mit einigen Schattenseiten

Pöch war vielleicht einer der letzten Universalgelehrten, der seine Forschungen über die klassische Anthropologie hinaus auf Medizin, Botanik, Zoologie, Völkerkunde, Linguistik und Urgeschichte ausdehnte und dazu die neuesten Medien verwendete. Natürlich war auch für ihn – durchaus dem Zeitgeist entsprechend – die europäische Zivilisation die höchste Kulturstufe. Trotz seiner aus heutiger Sicht nicht unproblematischen Sammelmethoden und seinen – obwohl damals von der Akademie der Wissenschaften unterstützt – heute politisch sicherlich nicht korrekten anthropologischen Forschungen an Kriegsgefangenen im Ersten Weltkrieg ist der Wert seiner Arbeiten für die Anthropologie und einer Vielzahl von anderen Disziplinen unumstritten. Aber auch dieser österreichische Pionier ist in Fachkreisen heute fast vergessen.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche 1 /2010

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben