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Leben 7. Jänner 2010

Spaßbremse Guidelines

Der „State of the Art“ als Untergang der medizinischen Gesprächskultur oder wenn die Leitlinien jeden angeregten Diskurs im Keim ersticken, ist Schluss mit der ärztlichen Stammtischpolterei.

Seit das mobile Internet als Diskussionspartner Einzug in die Tischrunden der modernen Gesellschaft gefunden hat, wird die Kunst der feinen Gesprächsführung im Keim erstickt. Wo sind sie hin die Zeiten, als man beim Kaffeekränzchen noch mutig Dinge behaupten konnte, die die Gesprächsteilnehmer aufgrund mangelnder Kenntnis der Materie nicht entkräften konnten.

Da wurden kühne Theorien aufgestellt, heftig darüber philosophiert, ob Dialektik und Mundart dasselbe sei oder nicht nur Penicillin, sondern auch James Bond von Ian Fleming erfunden wurde. Ob nun Stuart Sutcliffe der fünfte Beatle gewesen sei oder doch Mireille Mathieu, ob es schon einmal einen österreichischen Papst gegeben hat oder der Song „The First Cut is the Deepest“ tatsächlich von einem Chirurgen stammt.

Das „gescheite“ Internet

Derart kühne Spekulationen in diesen Momenten zu widerlegen, ist schier unmöglich. Selbst die hastig herbeigebrachte ledergebundene Brockhaus-Gesamtausgabe wird als veraltet und unvollständig zur Klärung des Sachverhalts nicht zugelassen. Je abstruser die These, desto lauter die Stimme und besser die Stimmung.

Heute sitzt das Wissen der Welt mit am Tisch. Bei einem unklaren Sachverhalt zückt früher oder später ein Gesprächsteilnehmer sein Handy, surft kurz einmal zu Wikipedia und beendet mit der harschen Realität die hitzige Debatte. Der Beweis gilt als der Partykiller par excellence. Denn egal, ob das gescheite Internet tatsächlich die Wahrheit verrät. Wer will die hier schon wissen. Und was ist schon wahr. Es geht vielmehr um die Kultur der Gesprächsführung, die damit gnadenlos untergeht.

Die dazu analoge Spaßbremse im medizinischen Bereich sind die immer beliebter – und auch beleibter – werdenden Leitlinien. Kreative Lösungsvorschläge oder Mutmaßungen über die Effizienz von Therapien werden im Keim erstickt. Beim befruchtenden Diskurs über mögliche Therapieoptionen blättert irgendwann ein humorloser Kollege in den Leitlinien nach, um zu berichten, was zu tun ist. Die Gespräche verstummen und man tut das, was sich andere ausgedacht haben. Der „State of the Art“ mag zwar rational sein, aber welcher unserer Patienten ist schon rational.

Spätestens seit angedacht wird, Leitlinienverstöße mit finanziellen Restriktionen oder körperlichen Züchtigungen zu ahnden, schrauben viele Ärzte die eigene Kreativität zurück und unterwerfen sich den Guidelines. Und dies bedeutet das Ende der Ars Medicina und den Tod der medizinischen Gesprächskultur. Aber Medizin ist ja schließlich auch kein Kaffeekränzchen.

  • Herr Dr. Christian Husek, 09.01.2010 um 13:02:

    „ELGA macht dann die Überwachungsmöglichkeiten perfekt !
    Leitlinien sind für mich "good to know", deren engstirnige Umsetzung und Kontrolle halte ich aber tatsächlich für eine ernste Bedrohung der Behandlungsqualität
    Ist für einen Nichtmediziner vielleicht schwer nachzuvollziehen, aber die kompromißlose Befolgung von Leitlinien würde im Einzelfall die Behandlungsqualität oft massiv beeinträchtigen !

    Insoferne habe ich vielleicht doch ein bisschen Angst vor dem „Gläsernen Arzt“ 

    Hab dazu auch ein Diskussionsforum auf http://www.initiative-elga.at/forum/viewtopic.php?pid=20#p20 eingerichtet“

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