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Fotos (3): Lillian Birnbaum, aus dem besprochenen Buch.
Typisch Kinder: Selbstvergessen und verspielt im Wasser. Später kommen die Konflikte dazu: Je frühreifer ein Mädchen, desto heftiger in der Regel die Auseinandersetzungen insbesondere mit der Mutter.
 
Leben 20. November 2008

An der Schwelle zum Erwachsenwerden

Lillian Birnbaum porträtierte Mädchen in der Pubertät.

Der Blick, die Gesten, die Haltung – all das ändert sich in der Pubertät. Diese Entwicklungsphase hat die Fotografin Lillian Birnbaum in Fotos festgehalten, die sie auf ihren Reisen quer durch die USA und Europa von jungen Mädchen gemacht hat.

 

Sie sind keine Kinder mehr, aber auch noch keine Erwachsenen. Sie befinden sich in einer Übergangsphase. Nun gibt es keine Weiterentwicklung ohne Krise. Was bislang galt, hat seine Verbindlichkeit eingebüßt. Wie die Lücke gefüllt werden wird, wissen sie selbst noch nicht.

Wir sprechen von Jugendlichen in der Pubertät. Ein Lebensabschnitt geht zu Ende und ein neuer beginnt. Der Körper der jungen Menschen ändert sich und sie erfahren die Macht der Sexualität. Die Mädchen verbringen nun mehr Zeit vor dem Spiegel. Sie wollen Eindruck machen, schöner sein, als sie tatsächlich sind, zu diesem Zweck helfen sie mit Nagellack, Lippenstift und Wimperntusche nach.

Bis zu 30.000 unbenötigte Nervenverbindungen sterben im Jugendalter pro Sekunde ab. Gleichzeitig vernetzen sich die übrigen Neuronen immer stärker. Dies geschieht vor allem im vorderen Hirnbereich, der wichtig für die Entscheidungsfindung, für Planung und Motivation ist; aber auch im Gefühlszentrum, in dem Situationen als positiv oder negativ bewertet werden. Diese Veränderungen sind – gemeinsam mit der hormonellen Umstellung – für die typischen Stimmungsschwankungen bei Pubertierenden mitverantwortlich, für die oft geringe Motivation und das Interesse an riskantem Verhalten.

Pubertät setzt immer früher ein

Vor 150 Jahren setzte die Pubertät bei Mädchen im Schnitt mit 17 Jahren ein, heute schon mit zwölf bis 13 Jahren (bei Burschen heute mit 14 bis 15 Jahren, allerdings gibt es keine Vergleichsdaten zu früher). Eine wichtige Ursache dafür ist die bessere Ernährung, denn Mädchen benötigen einen Körperfettanteil von etwa 17 Prozent, damit eine Schwangerschaft erfolgreich verlaufen kann; daher setzt vorher die Regel nicht ein. Bei untergewichtigen Mädchen oder Leistungssportlerinnen verschiebt sich der Zeitpunkt der ersten Regel entsprechend nach hinten, bei Übergewichtigen mitunter nach vorn. Die heute bessere medizinische Versorgung vermindert darüber hinaus die Wahrscheinlichkeit von Entwicklungsverzögerungen bei Burschen und Mädchen, was ebenfalls zu einer früheren Pubertät führt.

Emanzipation ist angesagt, die Loslösung von den Eltern. Die Pubertierenden wollen sich nichts mehr sagen lassen, sie wollen auf eigenen Beinen stehen. Manchmal geschieht dieser Prozess ohne größere Konflikte, vor allem dann, wenn die Eltern Verständnis zeigen.

Je frühreifer ein Mädchen ist, desto heftiger sind in der Regel die Auseinandersetzungen, auf die es sich einlässt, insbesondere die mit der Mutter; meist kann ein hoher Anteil an Stresshormonen bei solchen Mädchen nachgewiesen werden. Sie fühlen sich emotional oft vergleichsweise wenig mit den Eltern verbunden, rauchen und trinken früher und sind auch eher sexuell aktiv.

Der Prozess im einzelnen Bild

Die Evolution hat diesen Entwicklungsphase eingerichtet. Die Fotografin Lillian Birnbaum, in New York geboren, in Wien aufgewachsen und nun vorwiegend in Paris lebend, hat nun die Pubertät im Bild festzuhalten versucht. Ein schwieriges Unterfangen, denn wie möchte man einen Prozess mittels eines Mediums einfangen, das nur den einzelnen Moment kennt? Es kommt für den Fotografen einmal mehr darauf, jenen entscheidenden Augenblick festzuhalten, der alles sagt, der also in diesem Fall zeigt, dass sich diese Menschen gerade an der Schwelle zum Erwachsenenwerden befinden. Und das ist Birnbaum in ihrem Band Transition sehr gut gelungen, in diesem Langzeitprojekt, das im Zeitraum von fünf Jahren auf ihren Reisen durch die USA und Europa entstanden ist. „Mir ging es nicht darum, Milieustudien zu machen. Mich hat wirklich interessiert, ob man diesen Zustand des Übergangs bildhaft einfangen könnte. Dieses langsame, fast unmerkliche Wechseln von einem Seinszustand in einen anderen, diese Verwandlung eines Kokons, aus dem mit einem Mal ein ganz anderes Wesen schlüpft – das hat mich beschäftigt, als Zwischenbereich, als Phänomen“, sagt die Fotografin. Transition ist, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung mit Recht schreibt, „eine behutsame Annäherung an Augenblicke vor dem Erwachen“.

 

Lillian Birnbaum: Transition. Mit einem Vorwort von Doris von Drathen. Dt./engl., ca. 128 Seiten, 77 Farbabb., 22 x 26 cm, gebunden mit Schutzumschlag, Hatje Cantz, Ostfildern, 2008, € 29,80, ISBN 9783775722858

Fotos (3): Lillian Birnbaum, aus dem besprochenen Buch.

Typisch Kinder: Selbstvergessen und verspielt im Wasser. Später kommen die Konflikte dazu: Je frühreifer ein Mädchen, desto heftiger in der Regel die Auseinandersetzungen insbesondere mit der Mutter.

Birnbaum fotografierte auf ihren Reisen durch die USA und Europa junge Mädchen zwischen
Kindheit und Jugend.

Vor 150 Jahren setzte die Pubertät bei Mädchen im Schnitt mit 17 Jahren ein, heute schon mit zwölf bis dreizehn Jahren.

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche

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