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Leben 9. Dezember 2009

Der Schrecken der Regenwürmer

Charles Darwin war nicht nur auf den Galápagos-Inseln unterwegs, sondern auch in seinem eigenen Garten. Steve Jones erzählt von Darwins vielfältigen Forschungen zu Hause.

Darwin segelte um die Welt, besuchte die Galápagos-Inseln und stieß bei der Betrachtung der dort ansässigen Finken und ihrer stark unterschiedlichen Schnäbel auf die Gesetzmäßigkeiten der Evolution. So oder so ähnlich geistert die Vorstellung von der Entwicklung der darwinschen Evolutionstheorie durch viele Köpfe – und ist so mehr oder weniger falsch.

 

Tatsächlich scheint das Wort „Evolution“ in der Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl kein einziges Mal auf. Der Gedanke an eine Veränderlichkeit der Arten wiederum stammt nicht ursprünglich von Charles Darwin, sondern beschäftigte schon etliche Gelehrte vor ihm, unter anderem auch seinen Großvater Erasmus. Der Beitrag von Charles Darwin zu unserem modernen Verständnis der Evolution ist trotzdem umfassender, als auf den ersten Blick erkennbar ist. Denn in den über vier Jahrzehnten seines Lebens nach der Reise auf der „Beagle“ verließ er Großbritannien zwar nie mehr, aber er war keineswegs untätig.

In der Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl finden sich zahlreiche Hinweise auf Darwins emsiges Schaffen. So schreibt er etwa: „Durch Versuche fand ich ..., dass der Besuch der Bienen für einige Kleearten nötig ist. So lieferten mir z. B. zwanzig Blütenköpfe des weißen Klees (Trifolium repens) 2.290 Samen, während zwanzig andere, von denen die Bienen abgewehrt wurden, nichts lieferten. Hundert Köpfe Rotklee (T. pratense) erbrachten 2.700 Samen, dieselbe Anzahl vor Bienen geschützter Pflanzen dagegen keinen einzigen.“

Nichts in seinem Garten in Down House war vor ihm sicher. Nicht die Tauben, die Sträucher, die Blumen, nicht einmal die Regenwürmer, denen er nachts ins Gesicht leuchtete, zusah, wie sie Papierdreiecke in ihre Löcher zogen, und deren Sinnesorgane er auch testete, indem er ihnen Musik vorspielte: Rufe und der dumpfe Klang eines Fagotts ließen die Würmer kalt, aber sie reagierten auf die Schwingungen, wenn man sie auf ein Klavier setzte. Er sprach zu Pflanzen und zeichnete die Abwesenheit von Reaktionen auf. Kurz: Darwin widmete sich jahrzehntelang akribisch der Erforschung der Natur vor seiner Haustür.

Mit diesen Untersuchungen beschäftigt sich der Genetiker und Darwin-Spezialist Steve Jones, der in Darwins Garten die vielen weniger medienwirksamen Arbeiten des bekannten Naturforschers aufgreift. Jones erzählt, welche Studien Darwin unternahm, zu welchen Ergebnissen er gelangte, welche Vermutungen er anstellte und was die Wissenschaft in der Zwischenzeit zusätzlich herausgefunden hat. Dabei zeigt sich, dass Darwin trotz vergleichsweise begrenzter Untersuchungsmöglichkeiten sehr oft ganz richtig lag.

Dahinter steckte aber auch eine Menge Fleiß. So erzählt Jones, dass Darwin über seine Arbeit an den Rankenfüßern, denen er immerhin ein Sechstel seiner wissenschaftlichen Karriere widmete, einmal so erschöpft war, dass er schrieb: „ Ich hasse die Seepocke mehr als je ein Mensch zuvor.“ Neben der Erforschung der Rankenfüßer greift Steve Jones auch Darwins Arbeiten zum Bewegungsvermögen der Pflanzen, der Bildung der Ackererde, dem Ausdruck der Gemütsbewegungen und vieles andere auf. Und er schreibt ein Kapitel zu den Auswirkungen der Domestikation auf den Menschen, das Darwin selbst gerne geschrieben hätte. Wer Darwin nicht gelesen hat, sollte Jones nicht versäumen.

Von Mag. Tanja Fabsits, Ärzte Woche 50 /2009

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