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Vor seiner Beschäftigung mit dem Unbewussten untersuchte Freud unter anderem die Geschlechtsorgane von Aalen.
Foto: Prof. Dr. Christfried Tögel

Abbildung 1: Freuds erste wissenschaftliche Veröffentlichung.

Foto: Privat

Prof. Dr. Christfried Tögel Direktor des SALUS-Instituts für Trendforschung und Therapieevaluation in Mental Health und Leiter des Sigmund-Freud-Zentrums in Magdeburg

 
Leben 9. Dezember 2009

Darwins Einfluss auf Freud

Von den Geschlechtsorganen des Aals zur Psychoanalyse.

Freud war fasziniert von Darwins Mut, mit einer Theorie an die Öffentlichkeit zu treten, von der er wusste, dass sie provozieren würde. Er hielt es zudem für wünschenswert, dass möglichst viele Leute erfahren, dass diese Theorie ganz dem Gottesglauben widersprach.

 

Als Sigmund Freud Die Traumdeutung, sein erstes großes psychoanalytisches Werk, veröffentlichte, war er 44 Jahre alt und hatte die Mitte seines Lebens bereits überschritten. Während der beiden Jahrzehnte davor – zwischen 1877 und 1897 – änderte sich der Gegenstand seines Interesses immer wieder: Eben noch auf die Geschlechtsorgane des Aals gerichtet, wandte es sich der Untersuchung des Baus von Nervenfasern und Nervenzellen zu. Es folgten Selbstversuche mit Kokain, dann schienen Hysterie und Hypnose interessanter. Erst Ende der Neunzigerjahre hatte die Suche ihr endgültiges Ziel gefunden – die Psychologie des Unbewussten.

Freud und der Aal

Während seines Studiums belegte Freud mehrere Vorlesungen bei Carl Claus, darunter „Allgemeine Zoologie in Verbindung mit einer kritischen Darstellung des Darwinismus“. Ein Stipendium des Unterrichtsministeriums nutzte Freud für zwei Forschungsaufenthalte an der k. k. Zoologischen Station in Triest. Dort untersuchte er im Laufe von insgesamt acht Wochen die Geschlechtsorgane des Aals und fasste das Ergebnis in seiner ersten wissenschaftlichen Veröffentlichung unter dem Titel „Beobachtungen über Gestaltung und feineren Bau der als Hoden beschriebenen Lappenorgane des Aals“ zusammen (siehe Abbildung 1).

In den folgenden Jahren konzentrierte sich Freud auf Arbeiten zum Bau des Nervensystems. Daneben beschäftigte er sich mit der Speichelsekretion bei Hunden und mit chemischen Gasanalysen. 1885/86 verbrachte Freud einige Monate bei Jean-Martin Charcot in Paris, dessen „Neue Vorlesungen über die Krankheiten des Nervensystems, insbesondere über Hysterie“ Freud später als den Ausgangspunkt der Psychoanalyse bezeichnen sollte. Im Jahre 1895 veröffentlichte Freud gemeinsam mit Josef Breuer die Studien über Hysterie und im November 1899 – vordatiert auf 1900 – erschien sein psychoanalytisches Hauptwerk Die Traumdeutung.

Wissenschaftliche Anfänge

Es scheint, als sei Darwins Einfluss temporär gewesen und auf Freuds wissenschaftlichen Anfänge beschränkt geblieben, sieht man davon ab, dass Freud im Jahre 1912 in seiner Schrift Totem und Tabu Darwins Vermutung aufgenommen hat, dass die Urform der menschlichen Gesellschaft die von einem starken Männchen unumschränkt beherrschte Horde war. Jedenfalls ist Freud kein Evolutionspsychologe geworden und evolutionstheoretische Überlegungen spielen bei Freud keine zentrale Rolle.

Besseres Weltverständnis

Doch für Freud ging die Bedeutung von Darwins Lehre weit über die Zoologie und Stammesgeschichte hinaus. Über die Rolle, die sie während seiner Studienzeit spielte, schreibt er viele Jahre später: „ ... die damals aktuelle Lehre Darwins zog mich mächtig an, weil sie eine außerordentliche Förderung des Weltverständnisses versprach ...“.

In Wien hatte die Abstammungslehre einen ähnlichen Schock hervorgerufen wie im viktorianischen England. Beredter Ausdruck dieses Entsetzens ist der immer wieder kolportierte, aber nicht nachweisbare, Ausruf der Frau des Bishops von Worcester: „My dear, wir wollen hoffen, dass es nicht wahr ist und wenn es doch wahr ist, dass es wenigstens niemand erfährt!“

Freud war da natürlich ganz anderer Meinung. Er hielt es durchaus für wünschenswert, dass möglichst viele Leute erfahren, dass Darwins Theorie ganz dem Gottesglauben widersprach.

Religion als Zwangsneurose

Freud veröffentlichte später einige Schriften, in denen die Religion einen zentralen Platz einnahm. So erklärt er 1907 in einem Artikel über Zwangshandlungen und Religionsübungen die Zwangsneurose zum pathologischen Gegenstück zur Religionsübung, das heißt er fasste die Neurose als eine individuelle Religion und die Religion als eine universelle Zwangsneurose auf.

In seinem religionskritischen Hauptwerk Die Zukunft einer Illusion behandelte Freud im Gegensatz zu seinen bisherigen Arbeiten zum Thema weniger den Ursprung der Religion als ihr Wesen und ihre Zukunft. Er äußerte die Hoffnung, die Vernunft könne über die Religion siegen und schrieb: „… die Stimme des Intellekts ist leise, aber sie ruht nicht, ehe sie sich Gehör [ver]schafft hat.“

Diesen Optimismus leitete Freud unter anderem aus der Wissenschaftsgeschichte ab und hoffte, dass sich auch in Bezug auf seine eigene Schöpfung – die Psychoanalyse – die Stimme des Intellekts durchsetzen würde. Denn seit der Jahrhundertwende waren Freud und seine Lehre Kritik und Anfeindungen von allen Seiten ausgesetzt – von der katholischen Kirche bis zur akademischen Psychologie und Psychiatrie.

Das Unbewusste

In seinen Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse schrieb Freud dazu: „Mit dieser Hervorhebung des Unbewußten im Seelenleben haben wir aber die bösesten Geister der Kritik gegen die Psychoanalyse aufgerufen. Wundern Sie sich darüber nicht und glauben Sie auch nicht, daß der Widerstand gegen uns nur an der begreiflichen Schwierigkeit des Unbewußten oder an der relativen Unzugänglichkeit der Erfahrungen gelegen ist, die es erweisen. Ich meine, er kommt von tiefer her. Zwei große Kränkungen ihrer naiven Eigenliebe hat die Menschheit im Laufe der Zeiten von der Wissenschaft erdulden müssen. Die erste, als sie erfuhr, daß unsere Erde nicht der Mittelpunkt des Weltalls ist, sondern ein winziges Teilchen eines in seiner Größe kaum vorstellbaren Weltsystems. Sie knüpft sich für uns an den Namen Kopernikus ... Die zweite dann, als die biologische Forschung das angebliche Schöpfungsvorrecht des Menschen zunichte machte, ihn auf die Abstammung aus dem Tierreich und die Unvertilgbarkeit seiner animalischen Natur verwies. Diese Umwertung hat sich in unseren Tagen unter dem Einfluß von Ch. Darwin ... nicht ohne das heftigste Sträuben der Zeitgenossen vollzogen. Die dritte und empfindlichste Kränkung aber soll die menschliche Größensucht durch die heutige psychologische Forschung erfahren, welche dem Ich nachweisen will, daß es nicht einmal Herr ist im eigenen Hause ...“

Sigmund Freud zählte sich also zu den drei größten Provokateuren der Menschheitsgeschichte und war stolz darauf. Stolz war er deshalb auch ganz besonders auf die Tatsache, dass er als Foreign Member der Royal Society seine Unterschrift in das Charter Book eintragen konnte, in das auch Darwin seinen Namenszug gesetzt hatte.

So lässt sich als Fazit festhalten: Sicherlich hat Darwin auf Freud keinen stärkeren Einfluss ausgeübt als auf andere junge Naturwissenschaftler in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Was ihn aber in besonderer Weise fasziniert hat, war der Mut des Engländers, mit einer Theorie an die Öffentlichkeit zu treten, von der er wusste, dass sie provozieren würde. Und dieses Beispiel hat Freud zeit seines Lebens die Kraft gegeben, seine eigene Lehre, die Psychoanalyse, trotz aller Kritiken und Anfeindungen offensiv zu vertreten, zu institutionalisieren und weiterzuentwickeln.

 

Literatur beim Verfasser

Von Prof. Dr. Christfried Tögel , Ärzte Woche 50 /2009

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