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Leben 9. Dezember 2009

Darwins Leiden und die heutige Medizin

Charles Darwin hat uns die Perspektive eröffnet, zu verstehen, wie wir wurden und was wir sind. Diese historische Tiefendimension muss auch die Medizin berücksichtigen.

Charles Darwin, der Begründer der modernen Evolutionstheorie, hat auch der Medizin wichtige Wege gewiesen, die erst heute erkannt werden. Er selbst litt sein ganzes Leben lang unter Beschwerden, die vor dem Hintergrund seiner Theorie besser verstanden werden können.

 

Am 27. Dezember 1831 verließ das Vermessungsschiff „Beagle“ nach einigen gescheiterten Versuchen den Hafen von Plymouth, England, und sollte – später als ursprünglich geplant – am 2. Oktober 1836 wieder in England landen. An Bord befand sich ein knapp dreiundzwanzigjähriger Mann mit einem abgebrochenen Studium der Medizin und einem abgeschlossenen Studium der Theologie. Seine Aufgabe war, dem Kapitän Gesellschaft zu leisten und, da er seit seiner Kindheit ein lebhaftes Interesse an der Natur hatte und über umfassende naturgeschichtliche Kenntnisse verfügte, die Augen offen zu halten für naturkundlich interessante Objekte.

Dieser Mann war Charles Darwin (1809–1882), der unser Welt- und Menschenbild revolutionieren sollte wie kein zweiter. Er ersetzte das lang gehegte statische Weltbild durch ein dynamisches und erkannte die Vielfalt der Lebewesen (einschließlich des Menschen) als Resultat der Evolution durch natürliche Auslese oder Selektion. Dass die Arten nicht konstant, sondern veränderlich seien, war schon von Naturforschern vor Darwin vermutet – und teils auch deutlich ausgesprochen – worden, doch mit der natürlichen Auslese fand der Engländer einen Mechanismus, der den evolutionären Artenwandel kausal hinreichend erklären konnte.

Was machte Darwin krank?

Als er mit der „Beagle“ England verließ, lag all das für ihn aber noch in weiter Ferne. Wie die allermeisten seiner Zeitgenossen war Darwin von der Richtigkeit des biblischen Schöpfungsberichtes überzeugt – als Theologe hegte er sowieso keine Zweifel daran – , und erst im Laufe der kommenden Jahre sollte es ihm dämmern, dass die Lebewesen auf ganz andere (natürliche!) Weise entstanden sind. Zunächst plagte ihn etwas ganz anderes: Herzklopfen und Schmerzen in der Herzgegend. Darwin konsultierte vor Reiseantritt keinen Arzt, weil er wohl fürchtete, für die Reise – die er später als das bedeutendste Ereignis seines Lebens bezeichnete – untauglich zu sein. Eine gewisse Aufregung vor einem solchen Abenteuer – eine Schiffsreise damals war wirklich eines – ist durchaus verständlich, aber Herzschmerzen stellten sich bei Darwin auch im Laufe seines weiteren Lebens immer wieder ein. Überhaupt fühlte er sich oft unpässlich und sein Gesundheitszustand war die meiste Zeit seines Lebens labil.

Was machte Darwin krank? Wie sind seine häufigen Beschwerden (darunter auch Magenleiden) zu erklären? Über Darwins Krankheit ist viel nachgedacht, spekuliert und geschrieben worden. Die ihn behandelnden Ärzte konnten nie so recht herausfinden, was ihm wirklich fehlte. War er vielleicht bloß Hypochonder? Er versuchte stets, gesellschaftlichen Verpflichtungen aus dem Weg zu gehen, und möglicherweise waren seine Unpässlichkeiten daher nur vorgetäuscht. Dazu kommt, dass er stets – und mit zunehmendem Alter verstärkt – um seine Gesundheit besorgt war. Mag sein, dass Darwins Krankheit hypochondrische Züge hatte, ihn aber als bloßen Hypochonder abzutun, wäre doch zu billig. Man würde Darwins Krankheit heute eher in den Komplex psychosomatischer Leiden einordnen. Früh hatte er seine Mutter verloren und sein Vater, ein wohlhabender und angesehener Arzt, hielt nicht viel auf ihn und war, fast zwei Meter groß und hundertfünfzig Kilo schwer, eine Ehrfurcht gebietende Erscheinung. Er war gegen die Schiffsreise seines Sohnes gewesen, und es könnte sein, dass Darwins Schmerzen zumindest vorübergehend die organische Manifestation seines seelischen Konflikts waren, der dadurch verursacht wurde, dass er gegen den Willen seines strengen Vaters gehandelt hatte.

Darwins Leiden wird man wahrscheinlich nur gerecht, wenn man das Zusammenwirken mehrerer Faktoren berücksichtigt. Dabei sind auch genetische Komponenten nicht unerheblich, weil sich in Darwins Familie sowohl mütterlicher- als auch väterlicherseits schwierige und exzentrische Personen mit labilen Nervensystemen häuften. Nicht zuletzt aber machte Darwin sein Wissen zu schaffen, dass er mit seiner Evolutionstheorie viele Menschen, darunter gute Freunde und insbesondere seine sehr fromme Frau, verletzen würde. Man muss sich dazu vergegenwärtigen, dass Darwin ein sehr gutartiger Mensch war, der niemanden belästigen oder beleidigen wollte. Und er wusste wohl, dass seine Evolutionstheorie bei vielen Leuten geradezu einen Schock auslösen würde. Denn die Tragweite dieser Theorie besteht darin, dass es in der Natur keine Absichten, keinen Plan und kein Ziel gibt, dass die Organismenarten keiner „höheren“ (göttlichen) Ordnung entsprungen, sondern Resultate eines ständigen Wettbewerbs um Ressourcen sind, bei dem nur die jeweils Tauglichsten überleben (das heißt, sich erfolgreich fortpflanzen können). Damit erschütterte Darwin eine seit dem Altertum gehegte Idee, nämlich die der Teleologie oder eines universellen Weltenzwecks.

Revolutionär war seine Theorie aber nicht zuletzt deshalb, weil er sie konsequent auf den Menschen ausdehnte. Auch wir sind nichts weiter als ein Ergebnis der Evolution durch natürliche Auslese, bloß eine unter vielen Millionen Arten von Lebewesen, und dürfen die „Sonderstellung“, die wir uns selbst in der Natur die längste Zeit zugeschrieben haben, getrost vergessen. Abgesehen von diesen schwerwiegenden anthropologischen und philosophischen Konsequenzen, hat Darwins Sichtweise auch in der Medizin ihre unbestreitbare Bedeutung.

Evolutionäre Medizin

Erst in neuerer und jüngster Zeit zeichnet sich eine „evolutionäre Medizin“ in deutlichen Konturen ab. Ihr Ausgangspunkt ist die Tatsache, dass der Mensch auf eine lange Evolutionsgeschichte zurückblickt, die in seinem Körperbau, seinem Verhalten, Denken und Fühlen nach wie vor präsent ist und nicht weggewischt werden kann. Die Frage, warum Menschen krank werden, kann ohne Berücksichtigung der Dispositionen, die der Mensch in seiner Evolution erworben hat, nicht befriedigend beantwortet werden.

Ein noch recht einfaches Beispiel dafür sind unser Bewegungsapparat und unsere Wirbelsäule, die ja für unterschiedliche Krankheiten anfällig sind. Hier muss man sich vergegenwärtigen, dass der aufrechte Gang, der unsere Gattung kennzeichnet, ein Wagnis war. Die typische Säugetierkonstruktion ist eine Brücke, der Mensch aber hat sich zu einem Turm aufgerichtet. Es ist ja bemerkenswert, dass das überhaupt halbwegs gut ging. „Perfekt“ ist unsere Konstruktion freilich nicht – die Evolution kennt nichts Perfektes, sondern nur Kompromisslösungen und ist eigentlich ein gewaltiges Pfuschwerk. So haben wir für die Fortbewegung auf zwei Beinen auch einen Preis zu bezahlen. Fortgesetzt sind wir der Gefahr ausgesetzt, zu fallen und uns – teils gravierende – Verletzungen zuzuziehen. Außerdem ist die Belastung der Wirbelsäule bei einem Zweibeiner sehr spezifisch, so dass Bandscheibenschäden die Folge sind. Im Gegensatz zu unseren prähistorischen Ahnen bewegen wir uns im Allgemeinen auch zu wenig. Auf eine sitzende Lebensweise, wie sie für unsere Zivilisation typisch ist, wurden wir von der Evolution nicht vorbereitet. Die Folge dieser Lebensweise aber sind – das wissen heute freilich alle Ärztinnen und Ärzte – Beschwerden gar unterschiedlicher Form, keineswegs allein Erkrankungen der Wirbelsäule. Auf der anderen Seite gibt es Leute, die sich gleichsam eine Überdosis an Bewegung verordnen, wie manche Marathonläufer, Jogger und so weiter, die dann wiederum negative gesundheitliche Konsequenzen in Kauf nehmen. Unsere steinzeitlichen Vorfahren mussten sich zwar im Dienste der Nahrungsbeschaffung viel bewegen, aber übertrieben haben sie es damit sicher nicht. Die richtige Dosis von Sitzen und Fortbewegung zu finden, will in unserer Zivilisation noch gelernt werden.

Zivilisation macht krank

Apropos Zivilisation. Hier öffnet sich der evolutionären Medizin ein sehr weites Feld.

Über Jahrmillionen lebten Menschen als Jäger und Sammler in kleinen Gruppen von dreißig, vierzig oder vielleicht fünfzig Individuen. Heute leben die meisten von uns in anonymen Massengesellschaften, Städten und Großstädten, Ballungsräumen, die den einzelnen vor ungeahnte psychische und soziale Herausforderungen stellen. Unentwegt haben wir es mit Menschen zu tun, die uns persönlich unbekannt sind, deren jeweiligen Neigungen und Absichten wir nicht kennen. Für das „Kleingruppenwesen“ Mensch sind gerade in dieser Situation familiäre und freundschaftliche Beziehungen sehr wichtig. Es ist keine bloße Phrase, dass uns unsere Zivilisation krank macht. Unsere Massengesellschaften fördern eine Entfremdung in nie gekanntem Ausmaß. Wir verfügen heute zwar über ungeahnte Kommunikationsmittel, aber die Gefahr einer sozialen Vereinsamung wird immer größer. Kommunikationstechnologien sind kein Garant für menschliche Verständigung, die Virtualität von chatrooms ist kein Ersatz für reale zwischenmenschliche Beziehungen, sondern läuft diesen zuwider.

Jeder vierte Österreicher sei psychisch krank – so war schon vor einigen Jahren zu hören und zu lesen. Aber das ist keine österreichische Eigenart. Das nachgerade mörderische Tempo, das die modernen Industriegesellschaften dem Einzelnen abverlangen, ist generell höchst ungesund. Beispiele aus der Arbeitswelt anzuführen erübrigt sich eigentlich, weil die meisten Leute ihr eigenes Lied davon singen können. Eine ausschließlich auf Steigerung der Effizienz ausgerichtete, von Leistung, Profit und Kapital bestimmte „Lebenswelt“ steht im krassen Widerspruch zu einem Lebewesen, das zu einem Umherstreifen als Jäger und Sammler „programmiert“ war. Es wäre ein grobes Missverständnis, zu glauben, dass unsere prähistorischen Vorfahren einfach gemütlich dahinlebten. Sie hatten täglich um ihr Überleben zu kämpfen, und so hatten sie – wie selbstverständlich auch andere Lebewesen – ihren Stress. Der Dauerstress, den unsere Zivilisation vielen von uns heute verursacht, ist aber ein neues Phänomen.

Darwin hat uns die Perspektive dazu eröffnet, uns in unseren historischen Tiefendimensionen zu verstehen. Die moderne Medizin darf nicht mehr daran vorbeigehen. Die Frage, wie wir wurden, was wir sind, ist elementar auch für die medizinische Diagnostik und Therapie, die stets den ganzen Menschen mit der Geschichte seiner Gattung berücksichtigen muss. Darwins Leiden selbst ist ein gutes Beispiel dafür, wie bestimmte Lebensumstände sich in spezifischen Krankheitsbildern manifestieren können. Seine Theorie hilft uns, solche Krankheitsbilder zu verstehen.

 

Prof. Wuketits ist Evolutionstheoretiker. Er lehrt unter anderem an der Universität Wien Wissenschaftstheorie mit dem Schwerpunkt Biowissenschaften.

Von Prof. Franz M. Wuketits, Ärzte Woche 50/2009

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