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Doz. Mag. DDr. Alexander Lapin, Laborleiter am Sozialmedizinischen Zentrum Sophienspital in Wien
 
Leben 15. November 2008

Leben als Weg der Heilung

Im orthodoxen Mess-Ritus wird noch heute der „Ärzte ohne Lohn“ als eigener Kategorie der Heiligen gedacht. Zumindest in der Tradition bedeutet die „Arbeit für Gottes Lohn“ eine Prüfung, die den Arzt spirituell reifen lässt.

Etwa 33 Prozent der Weltbevölkerung bezeichnen sich als Christen. Knapp die Hälfte von ihnen sind Katholiken, ein Drittel zählen sich zu anderen westlichen Konfessionen wie Evangelische, Reformierte, Anglikaner, Baptisten, Methodisten sowie Angehörige diverser protestantischer Freikirchen. Das restliche Sechstel des Weltchristentums, immerhin an die 250 Millionen Menschen, bilden die östlichen Christen, von denen die meisten sich wiederum als Orthodoxe bezeichnen.

 

Dass es griechisch-orthodoxe, russisch-orthodoxe, rumänisch-orthodoxe Gläubige gibt, ist allgemein bekannt, dass es sich dabei um ein und dieselbe Konfession handelt, schon weniger. So gehören Orthodoxe 15 eigenständigen Landeskirchen an, die jeweils ihre eigene liturgische Sprache sowie eigenständige Verwaltung einschließlich des Oberhauptes – Patriarch oder Metropolit – aufweisen. Gemeinsam ist den Orthodoxen jedoch ihre Glaubenslehre und liturgische Tradition, die auf die erste Zeit der christlichen Geschichte zurückgeht und durch die sie in gegenseitiger Kommunionsgemeinschaft stehen. So gesehen stellen sie die zweitgrößte homogene Gruppe des Weltchristentums dar.

Die orthodoxen Christen stammen aus Ländern der alten christlichen Geschichte: Aus den Regionen rund um das östliche Mittelmeer und aus den Ländern des südöstlichen und östlichen Europa. Es sind einerseits die „alten“ und griechisch geprägten Patriarchate von Konstantinopel, Alexandria, Antiochien und Jerusalem, die bis zum Großen Schisma 1054 mit Rom das gesamte Christentum schlechthin bildeten und heute etwa 15 Millionen Angehörige zählen. Größer, gemessen an der Zahl der Gläubigen, sind die Patriarchate, die sich erst im 2. Jahrtausend konstituiert haben: Das Patriarchat von Moskau mit geschätzten 150 Millionen, gefolgt von den Patriarchaten von Rumänien (23 Mio.), Serbien (15 Mio.), Bulgarien (10 Mio.). Darüber hinaus gibt es noch weitere kleinere Landeskirchen, wobei der Orthodoxen Kirche von Amerika sowie von Polen fast je eine Million Gläubige angehören.

In Österreich weisen die meisten orthodoxen Landeskirchen zum Teil recht lange Traditionen auf, wobei die Zahl ihrer Gläubigen, insbesondere jene der serbischen, aber auch anderer orthodoxer Landeskirchen, stetig ansteigt. So stellen heute die Orthodoxen in Wien die zweitstärkste christliche Konfession dar und sind somit zahlreicher als die bisher traditionellen Protestanten.

Byzanz – der Ursprung der mitteleuropäischen Medizin

Das orthodoxe Christentum zeichnet sich durch reichhaltige liturgische Tradition aus, die sich vor allem auf das kulturelle Erbe von Byzanz beruft. Die Theologie ist von Kirchenvätern der ersten Jahrhunderte der christlichen Geschichte geprägt, von denen zumindest Basilios der Große, Johannes Chrysostomos und Gregor von Nazianz zu nennen sind. Diese lebten im 4. Jahrhundert, d.h. am Anfang der byzantinischen Epoche – und mit Byzanz stehen wir schon mitten in einem Thema, das für die heutige Praxis der Spitalsmedizin grundlegend ist: Die große Tradition der mitteleuropäischen Medizin, der Spitals- und Pflegemedizin im Speziellen, hat sich von Byzanz aus entwickelt. Wie weit die hellenistische Medizin dazu angeregt hat, soll nun nicht erörtert werden. Vielmehr ist von Bedeutung, dass die Gründung des ersten Krankenhauses durch Basilius den Großen im Jahre 370 in Cäsarea, Kappadokien, in der heutigen Zentraltürkei, erfolgte. Diese Einrichtung war zunächst für die Betreuung von Lepra-Kranken gedacht, kam aber in der Folge auch anderen Patienten und Pflegefällen zugute. Dem cäsareischen Beispiel folgte binnen kurzem ein gewisser „Boom“, Krankenhäuser zu stiften. Es wurde zur Prestigesache, und so wurden bis zum Fall von Byzanz 1453 viele spitalsähnliche Einrichtungen etwa von Politikern oder hohen Militärs gestiftet.

Orthodoxie als Heilsmethode

Wie nähert sich die Orthodoxe Kirche dem Krankheitsfall, wie sieht sie den kranken bzw. den krank werdenden Menschen?

Doz. Mag. DDr. Alexander Lapin, Labormediziner und Laborleiter am Sozialmedizinischen Zentrum Sophienspital in Wien, der sich seit längerem mit den Aspekten der Medizin aus der Sicht der orthodoxen Theologie befasst, sieht als Charakteristikum des östlichen Christentums die Tatsache, dass es sich vorwiegend der Sprache der Medizin und nicht der Sprache der Rechtsprechung bedient. So sind auch heute einige orthodoxe Theologen der Meinung, dass das orthodoxe Christentum weniger eine Philosophie, Ideologie, ja Religion im kultischen Sinne ist, sondern vor allem eine Methode zur Heilung von Seele und Körper.

Dem theologisch-anthropologischen Verständnis des Menschen nach ist der Mensch vor allem als Abbild Gottes zu betrachten. Die orthodoxe Theologie sieht den Menschen optimistisch: Jeder Mensch hat das Potenzial, besser zu werden und Gutes zu tun. Lapin: „Oder wie Prof. Scouteris in Athen meint, der Mensch hat ein göttliches Potenzial: Der Mensch ist einzigartig, er kann selbständig handeln und ist ein kreatives Wesen. Das heißt, er kann Dinge nach seinem eigenen Geist schaffen, wobei es zwei Wege gibt: Gutes oder Schlechtes zu tun. Erst durch den Missbrauch seiner Freiheit kam es zu Sünde und zu Folgen der Sünde – man spricht nicht unbedingt von Erbsünde, sondern von Folgen der Ursünde. Diese sind der Grund für die Anfälligkeit des Menschen für Pathos: Leidenschaft und Leid, Krankheiten und letztlich den Tod.“

Die moderne Medizin nun ist bemüht, den Patienten beispielsweise durch Operationen somatisch zu heilen. Das Problem ist, dass er unter Umständen seelisch in schlechtem Zustand ist, dass er nicht weiß, welchen Sinn sein Leben mit der Krankheit weiter haben soll. Man kann ihm Antidepressiva geben, womit aber nur Symptome behandelt werden. In diesem Zusammenhang ist auch die Selbstpositionierung des Menschen als eine Suche nach sich selbst wichtig, die jedoch immer mit Mühe verbunden ist.

Heilung durch Orthopraxie im Sinne der „Psychotherapia“

Die Religion, so Lapin, sollte eine gewisse Rückbesinnung bewirken, die vom Menschen selbst ausgeht, wobei sein Glaube und der Ritus ihn dabei unterstützen. Dieser Rückbesinnung dient nicht nur das Gebet, sondern auch die Orthopraxie: Das Fasten, die langen Gottesdienste, das Wahrnehmen des mystischen Inhalts der Religion sollen auch fühlbare und sichtbare Eindrücke sein. Deswegen ist die Ikone so wichtig, aber auch das Ambiente mit Weihrauch, Kerzen etc. Orthopraxie bedeutet damit richtiges Handeln, wo die Komponenten des Ritus diese fördernde und heilende Wirkung im Sinne der „Psychotherapia“ entfalten sollen.

Der Weg der „Psychotherapia“ besteht nun darin, den Menschen dazu zu bringen, dass er den richtigen, konstruktiven Weg sucht. Der Weg führt zu spirituellem Reifen und dazu, dass er Erfahrungen sammelt. Jemand, der eine schwierige Situation positiv überwunden hat, ist reifer. Das Ziel der orthodoxen Religion ist, den Menschen zurück zu Gott zu führen, was mit dem Terminus der „Theosis“ umschrieben wird.

Anargyroi – Ärzte und Heilige ohne Lohn

Der Mess-Ritus selbst ist uralt, geht auf den bereits erwähnten Basilius den Großen sowie auf Johannes Chrysostomos zurück und weist damit eine 1600-jährige, in ihrem Kern byzantinische Tradition auf. Bei der Vorbereitung des Ritus, wenn das Brot geschnitten wird, erfolgt das Gedenken an Christus, Maria, Heilige, Obrigkeiten des Staates und der Kirche, Gestorbene und Lebende. Die Heiligen werden in der Orthodoxie in neun Kategorien eingeteilt, und neben den Märtyrern wird auch beispielsweise der „anargyroi thaumaturgoi“ gedacht – der „silberlinglosen Wundertäter“, womit selbstlose Ärzte zu den Heiligen gerechnet werden.

Auch für die „anargyroi“ kann man eine spirituelle Motivation geltend machen: In diesem Leben kann ich etwas Gutes tun und habe dadurch die Chance auf Unsterblichkeit. Die Ausübung des (lohnlosen) Arztberufes als eine Prüfung zu größerer spiritueller Reife. Lapin: „Von der Kirche her wird damit dem Ideal der Ärzteschaft gedacht, umgekehrt ist das die Frage!“

Fasten als „Therapia“ für den Menschen

Fasten spielt in der Orthodoxie eine wichtige Rolle. Es gibt teilweise sehr lange und reglementierte Fastenzeiten im Jahreskreis. Unter der Woche sollte mittwochs und freitags kein Fleisch gegessen werden, daneben existieren noch strengere Vorschriften, denen zufolge keine Milchprodukte verzehrt werden sollten, somit steht vegane Ernährung im Vordergrund.

Ein Beispiel ist das Osterfasten: Man sollte mit einem dreitägigen Totalfasten, also nur mit Brot und Wasser, beginnen. Dann folgen 40 Tage veganes Fasten, die mit Ostern und dem Verzehr österlichen Fleisches, der Eier, Kulitsch und Pascha (des traditionellen Osterkuchens mit der Topfenspeise) etc. ihr Ende finden. Orthodoxe Mönche fasten durchgehend, für den übrigen Klerus, insbesondere Priester und Diakone, die meist schon vor ihrer Weihe verheiratet sind, gelten die gleichen Fasten-regeln wie für das übrige Volk. Vor allem das österliche Fasten sei laut Lapin eine „sehr spirituelle Zeit, wo man vielleicht häufiger in die Kirche geht, was auch der Selbstreflektion dient, sich aus dem Stress herauszunehmen und sich selber wieder zu erkennen: Seine Leidenschaften, Aggressionen und Arroganz unter Kontrolle zu bekommen“ – Fasten ist damit nicht die Unterdrückung der Persönlichkeit, sondern die Rückbesinnung auf das Positive.

Orthodoxe in Österreich

ReligionsbekenntnisBevölkerungStaatsangehörigkeit
ÖsterreichNicht- ÖsterreichAusländer- anteil in %
Ostkirchen 179.472 43.450 136.022 75,8
Griechisch orientalisch (orthodox) 174.385 39.836 134.549 77.2
orthodox (ohne nähere Angaben inkl. andere autokephale Kirchen 74.253 13.233 61.020 82.2
griechisch-orthodox 18.533 7.066 11.467 61.9
bulgarisch-orthodox 1.135 457 678 59.7
rumänisch-orthodox 2.819 1.064 1.755 62.3
serbisch-orthodox 74.198 16.976 57.222 77.1
ukrainisch-orthodox 107 11 96 89.7
Altorientalisch 5.087 3.614 1.473 29.0
syrisch-orthodox 1.589 1.400 189 11.9
koptisch-orthodox 1.633 1.181 452 27.7
armenisch-apostolisch 1.824 1.020 804 44.1
äthiopisch-orthodox 41 13 28 68.3
Quelle: Statistik Austria, Volkszählung 2001
Foto: Privat

Doz. Mag. DDr. Alexander Lapin, Laborleiter am Sozialmedizinischen Zentrum Sophienspital in Wien

Von Mag. Peter Bernthaler, Ärzte Woche

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