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Foto: Georg Soulek, Burgtheater
Der Struwwelpeter ist derzeit auch auf der Bühne des Burgtheaters, in einer Musikbearbeitung mit Birgit Minichmayr.
 
Leben 17. November 2009

Sanftes Beruhigungsmittel

Vor 200 Jahren wurde Heinrich Hoffmann geboren, Arzt und Autor des berühmten Struwwelpeter.

Den Struwwelpeter kennt jedes Kind. Schon weniger bekannt ist, dass ein Arzt dieses Kinderbuch geschrieben hat, Heinrich Hoffmann. Und noch weniger, dass der Assistent von Hoffmann seinerzeit ein gewisser Alois Alzheimer war.

 

Unsere Großeltern kannten ihn schon, unsere Eltern genauso, und wir lesen ihn immer noch unseren Kindern vor: den Struwwelpeter. Kaum ein anderes Buch ist quer durch die Generationen und sozialen Schichten und Länder so weit verbreitet. Die erste gedruckte Ausgabe erschien 1845. Der Autor Heinrich Hoffmann (1809–1894) wurde vor 200 Jahren in Frankfurt am Main geboren. Anlässlich dieses Jubiläums wird er derzeit mit einer großen Ausstellung in seiner Heimatstadt geehrt. Auch in Wien tut sich was: Die Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteraturforschung präsentiert in der Universitätsbibliothek die Schau „Kunstfiguren des Struwwelpeter“, und das Burgtheater zeigt ein nach der berühmten Vorlage bearbeitetes Musiktheaterstück.

Voller drastischer Szenen

Ein Autor wird gefeiert. Dabei stand Hoffmanns Werk nicht immer im besten Ruf. Gerade in der studentenbewegten Zeit um 1968 galt es als typisches Beispiel „schwarzer Pädagogik“, einer Pädagogik, die nur auf Bestrafung und Unterdrückung der Kleinen zielt.

In der Tat ist der Struwwelpeter nicht frei von einer gewissen Drastik. Einmal nicht gehorchen, und es fließt Blut. Einmal neugierig sein, und man geht in Flammen auf, einmal in die Luft gucken, schon treibt man kopfüber im tiefen Wasser. Oder wird, wie Robert, ins All hinausgefegt. Dieser Art sind die Geschichten, die den jungen Leuten zeigen wollen, was sie alles nicht machen dürfen. Machen sie es trotzdem, folgt die Strafe unvermeidlich auf dem Fuß. Und immer ist es eine sehr harte Strafe. Auf Unbotmäßigkeit steht üblicherweise die Todesstrafe. Verhaltensregeln werden nicht, wie es die heutige Pädagogik fordert, diskutiert, sondern kurzerhand diktiert.

Die Meinungen zum Struwwelpeter gehen denn auch diametral auseinander: Die einen sagen, dass das Bilderbuch ihnen in ihrer Kindheit regelrecht Angst gemacht habe, die anderen, dass es ihnen vor allem wegen der gereimten Verse viel Vergnügen bereitet habe. Zwei Positionen stehen sich gegenüber. Man hasst den Struwwelpeter, oder man liebt ihn. Es scheint nur ein Entweder-oder zu geben.

Und der Autor? Welche Absicht verfolgte er mit seinem Werk? Seinen Struwwelpeter hatte Hoffmann ursprünglich gar nicht für ein größeres Publikum geschrieben, sondern für seinen Sohn Carl, als Weihnachtsgeschenk. Und das auch eher aus einer Not heraus. Bei seinen Streifzügen durch die Buchhandlungen konnte Hoffmann kein Kinderbuch finden, das ihm gefiel. Also kaufte er ein Heft, in das er seine eigenen Struwwelpeter-Geschichten eintrug. Diese Geschichten sorgten für Aufsehen, für so großes, dass Hoffmann schließlich gedrängt wurde, sie in Buchform zu veröffentlichen.

So wurde Hoffmann zum Autor, gar zu einem der meistgelesenen in der Welt. Dabei hatte er, wie er sagte, „nicht im Entferntesten daran gedacht, als Kinderschriftsteller oder Bilderbüchler aufzutreten“. Er hatte ja auch einen ordentlichen Beruf, der ihn ausfüllte. Hoffmann war Arzt, Leiter einer „Irrenanstalt“, wie dieser Ort für psychisch Kranke damals noch genannt wurde, und daneben führte er eine kleine Praxis in der Stadt. Sein Assistent war im Übrigen ein gewisser Alois Alzheimer (1864–1915). Mit dem Arztsein, schreibt Hoffmann in der Zeitschrift Gartenlaube (Nr. 46, 1871), war es zu jener Zeit ein „eigen Ding“: „In gesunden Tagen wird der Arzt und Schornsteinfeger gar oft als Erziehungsmittel gebraucht. ,Kind, wenn Du nicht brav bist, kommt der Schornsteinfeger und holt Dich‘ oder ,Kind, wenn Du nicht viel davon isst, so kommt der Doktor und gibt Dir bittere Arzneien oder setzt Dir gar Blutegel an‘. Die Folge davon ist, dass, wenn in schlimmen Tagen der Doktor gerufen in das Zimmer tritt, der kleine kranke Engel zu heulen, sich zu wehren und um sich zu treten anfängt.“

Unser Herr Doktor löste dieses Problem, indem er ein Blatt Papier nahm und darauf Geschichten zeichnete, gerade solche Geschichten, wie er sie später in seinem berühmten Werk verewigte. Denn siehe da, alsbald beruhigte sich das Kind. „Der wilde Oppositionsmann wird ruhig, die Thränen trocknen, und der Arzt kann spielend seine Pflichten tun.“ Der Struwwelpeter wurde also ursprünglich als eine Art Beruhigungsmittel eingesetzt, ein sehr sanftes, nämlich frei von allen synthetischen Zusätzen.

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 47 /2009

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