zur Navigation zum Inhalt
Dr. Raphael Ulreich mit Baby, in Gety.

Impfkampagne: Kinder warten darauf, geimpft zu werden.

Fotos: Raphael Ulreich / MSF

Ein schwer unterernährtes Baby, das durch eine Nasensonde ernährt wird.

 
Leben 17. November 2009

„Ärzte ohne Grenzen“ im Kongo

Dr. Raphael Ulreich war mit MSF auf Einsatz im Spital von Gety, Ituri (Demokratische Republik Kongo).

Ein idyllischer erster Eindruck, hinter dem sich eine Flüchtlingskatastrophe verbirgt – dies ist eine typische Situation, die Mediziner bei einem Einsatz für die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) erwartet.

 

Dr. Raphael Ulreich war auf Einsatz in einem Spital im Kongo. Im Interview skizziert der Grazer Allgemeinmediziner die Lage der Menschen und ihre medizinische Versorgung.

 

Wie kamen Sie zu der Entscheidung, mit MSF ins Ausland zu gehen?

Ulreich: Mein erster Einsatz mit MSF war die Realisierung einer lange gehegten Wunschvorstellung. Bereits während meines Studiums wollte ich nach Abschluss der Ausbildung humanitäre Nothilfe leisten. In dieser Zeit sammelte ich prägende Erfahrungen durch Reisen in Länder der Dritten Welt, und es entstand der Gedanke, mich auf die eine oder andere Art sozusagen zu revanchieren.

 

Wie erfolgt die Ärztezuteilung durch MSF zu den Einsatzgebieten?

Ulreich: Meine bisherigen Einsätze waren im frankophonen Afrika, im Tschad und der Demokratischen Republik Kongo (DRK). Bei der Auswahl des Einsatzes versuchte Ärzte ohne Grenzen einerseits, meine Wünsche und Vorstellungen als Einsatzmitarbeiter zu berücksichtigen. Nicht alle wollen in einem Gebiet, wo Gewalt oder Krieg herrscht, arbeiten. Andererseits geht es darum, den Bedarf in den Einsatzgebieten zu decken und Personen mit möglichst passenden Qualifikationen dafür auszuwählen.

 

War es Ihr erster Einsatz mit MSF?

Ulreich: Nein, ich hatte bereits einen Einsatz im Tschad hinter mir, wo wir Basisgesundheitsversorgung für Flüchtlinge und Vertriebene an der Grenze zur Region Darfur im Sudan geleistet haben. Außerdem war ich im Tschad an einem Noteinsatz beteiligt. Ich war Teil eines MSF-Teams, das eine Massenimpfkampagne durchgeführt hat, um eine Masern-Epidemie einzudämmen.

 

Was hat Sie am Einsatzort Gety zu Beginn am meisten beeindruckt?

Ulreich: Der idyllische erste Eindruck, hinter dem sich eine Flüchtlingskatastrophe verbarg, und die Möglichkeit, ein Ernährungszentrum für Kleinkinder sowie eine Pädiatrie von Null an aufzubauen. Im Ort waren einfach überall Vertriebene, die aufgrund der gewaltsamen Auseinandersetzungen in der Region nicht in ihre Heimatdörfer zurück konnten. Sogar in den Schulen und der Kirche suchten die Menschen Unterschlupf. In der Umgebung von Gety gab es noch weitere solche Ansammlungen. Das lokale Gesundheits-, Trinkwasser- und Abwassersystem war dem nicht gewachsen, und Lebensmittel waren knapp.

 

Mit welchen Schwierigkeiten hat ein österreichischer Pädiater im Kongo zu kämpfen?

Ulreich: Der Hauptunterschied liegt darin, dass man bei uns gerade in einem Spital immer ein Arzt unter vielen ist. Dort ist man DER Arzt, der einzige Arzt für tausende Menschen. Das ist eine große Verantwortung und Herausforderung und vor allem anfangs sehr gewöhnungsbedürftig.

Die Schwierigkeiten sind vielfältig. Das reicht von den Praktiken traditioneller Heiler über Mangel an qualifiziertem Personal und dem Umgang mit lokalen Mitarbeitern bis hin zu Bedrohungen durch plündernde Milizen.

Klappte die Kommunikation mit den Patienten und deren Eltern?

Ulreich: Im Kongo ist die Sprache an sich eine große Herausforderung, da es über 400 verschiedene Sprachen und Dialekte gibt. Gerade in einer Situation, in der man sich um Vertriebene und Flüchtende kümmert, ist die Kommunikation auch für die Ansässigen schwierig. Die meisten meiner nationalen Mitarbeiter waren mindestens dreisprachig: Französisch, Suaheli, Lingala. Letztere ist die am häufigsten gesprochene lokale Sprache in der Gegend. Ich redete mit meinen Mitarbeitern auf Französisch, sie übersetzten die Kommunikation mit Patienten und Eltern. Im Laufe der Zeit konnte ich Anamnese und Visite zumindest bei den häufigsten Symptomen in Lingala machen.

 

Welche pädiatrischen Probleme fanden Sie dort am häufigsten?

Ulreich: Die Häufigkeitsverteilung war folgende: schwere Malaria mit transfusionsbedürftiger Anämie, schwere Unterernährung (v.a. Kwarshiorkor), gefolgt von Diarrhoe, respiratorischen Infektionen und Verletzungen (vor allem Verbrennungen). Malaria betrifft in einem hyperendemischen Gebiet mit saisonal stabiler Übertragung wie dem Kongo v.a. Kinder unter fünf Jahren, da ältere über eine Semi-Immunität verfügen.

 

Welche wirtschaftlichen und sozialen Probleme haben Sie erlebt?

Ulreich: Vor allem die großteils brachliegende Landwirtschaft in einer an sich so fruchtbaren Region wie dem Ostkongo hatte direkten Einfluss auf meine Arbeit. Der jahrelange Bürgerkrieg und Plünderungen durch Milizen führten zum Verlust von Vieh, sodass man in der ganzen Region keine Rinderherden oder Schafe mehr findet. Außerdem werden auch größere Vorräte an Mais und Maniok-Mehl, welche die Grundnahrungsmittel darstellen, regelmäßig gestohlen. Aufgrund der Plünderungen und der andauernden Gewalt werden keine größeren Felder bestellt, jeder baut nur die absolut notwendigste Menge an. Die Folgen konnte man dann an der besonders hohen Rate an Kwashiorkor-Patienten sehen.

Gleichzeitig liegen in unmittelbarer Nähe Goldminen, und der Wunsch, diese zu kontrollieren, heizt den Konflikt an. Die sozialen Probleme ergeben sich eben aus diesen Umständen. Das tägliche Leben spielt sich ständig im Schatten von bewaffneten Zusammenstößen, Vergewaltigungen und Flüchtlingsbewegungen ab. Es gibt nicht genügend Nahrungsmittel, das Gesundheitssystem und die Infrastruktur liegen brach.

 

Vor dem Hintergrund politischer Unruhen gibt es im Kongo spezifische Probleme. Bei welchen ist die Medizin besonders gefordert?

Ulreich: Lassen Sie es mich so formulieren: In einem solchen Zusammenhang wie im Osten des Kongo braucht es vor allem einmal ein halbwegs funktionierendes Gesundheitssystem. Bevor Ärzte ohne Grenzen in die Region Ituri nach Gety kam, waren Behandlungen in Gesundheitszentren sowie im Krankenhaus zu bezahlen und daher einem Großteil der Bevölkerung, insbesondere den Vertriebenen, nicht zugänglich.

Zudem stellt jedes behandelte Kind mehr oder weniger nur die Spitze eines Eisberges dar. Zum Beispiel ein Kind mit schwerer Malaria: In einer Gegend wie Ituri geht man von 500 infizierten Moskitostichen pro Jahr und fünf bis sieben Malariaepisoden pro Kind unter fünf Jahren im Jahr aus. – Einem erkrankten Kind eine Behandlung zukommen zu lassen, ist also nur ein kleiner Teil der Problembekämpfung. Ein ganzer Rundumschlag von Prävention, Sensibilisation und Ausbildung kommt da hinzu. So kann auch ein gut funktionierendes Ernährungsprogramm vor dem Hintergrund fehlender landwirtschaftlicher Ressourcen nur akute Nothilfe leisten und eben unterernährte Kinder heilen – aber nicht die Ursache der ganzen Problematik bekämpfen.

 

Wie kommen die Patienten ins Krankenhaus?

Ulreich: Es gibt kein offizielles Rettungssystem in der Region. Die Straßen sind bei Regen kaum passierbar, und die Distanzen zwischen den Dörfern enorm, hinzu kommt die ständige Bedrohung durch Milizen und Militär. Viele Mütter kamen mit ihren Kindern zu Fuß, manche direkt als Überweisung von peripheren Gesundheitsposten.

Vom Konzept her war unser Projekt so angelegt, dass es ein Team für Aktivitäten abseits des Krankenhauses von Gety gab. Sie errichteten periphere Gesundheitszentren und versuchten so, der Bevölkerung entlang der Konfliktzone Hilfe zu leisten. Mit mobilen Kliniken wurden die Niederlassungen der Vertriebenen versorgt. Dieser externen Achse standen die Aktivitäten im Referenzkrankenhaus in Gety gegenüber, wo ich mich eben um die Pädiatrie und das stationäre Ernährungszentrum kümmerte und auch die von den mobilen Kliniken mitgebrachten Patienten übernahm. Leider kamen die Patienten in der Regel sehr spät, oft zu spät in unsere Gesundheitseinrichtungen, weil die Transportmöglichkeiten fehlen oder die Sicherheitslage es nicht zuließ.

 

Haben Sie einen Wunsch, was das Spital von Gety betrifft?

Ulreich: Der Region um Gety und dem Spital – beiden fehlt noch so viel, um einen Zustand von „Normalität“ in allen Bereichen erreichen. Ich weiß gar nicht, wo ich mit dem Wünschen anfangen soll.

 

Das Gespräch führte Dr. Renate Höhl

 

Der Originalartikel ist nachzulesen im Magazin Pädiatrie und Pädologie 5/2009.

© Springer-Verlag, Wien

Kasten:
Ärzte ohne Grenzen sucht Kinderärzte und Kinderärztinnen für Einsätze
In vielen Ländern der Erde brauchen Menschen dringend medizinische Hilfe. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen Österreich sucht derzeit insbesondere Kinderärzte, die bereit sind, auf Einsatz zu gehen, um Menschen in Krisengebieten zu helfen. Für einen Auslandseinsatz dieser Berufsgruppen gelten folgende Voraussetzungen: sehr gute Englisch-Kenntnisse, tropenmedizinische Ausbildung oder andere Zusatzkenntnisse (HIV, TBC, etc.), mindestens sechs Monate Zeit, Belastbarkeit und Teamfähigkeit. Vorteilhaft sind weitere Fremd- sprachen und Auslandserfahrung.

Weitere Informationen:
Ärzte ohne Grenzen,
Tel.: 01/409 72 76;
www.aerzteohnegrenzen.at

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben