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Fotos (2): Mag. Wenzel Müller
Die Tochter auf dem Arm, die Werke im Hintergrund: Eva Pliem, die ausstellende Künstlerin in der Wiener Gemeinschaftspraxis top-med.

Für jeden Raum das passende Werk: Pliem zeigt Malerei, Grafik und Objekte.

 
Leben 17. November 2009

Goldene Bäuche

Wie man in einer Arztpraxis mit Kunst Schwerpunkte setzt.

Der Besuch einer Arztpraxis kann zu reichhaltigem Kunstgenuss führen. Ein schönes Beispiel ist die Ordinationsgemeinschaft top-med in der Wiener Kinderspitalgasse. Die Künstlerin Eva Pliem zeigt dort in einer Dauerausstellung eine Auswahl aus ihrem vielseitigen Schaffen und führt auf diese Weise zwei Welten zusammen.

 

Schon als Kind wusste Eva Pliem, dass sie Künstlerin werden wollte. Das mag daran gelegen haben, dass sie aus einer Künstlerfamilie stammte. Doch sie hatte es aus diesem Grunde nicht etwa leichter, im Gegenteil, die Eltern waren dagegen, als sie den Berufswunsch der Künstlerin ins Auge fasste. Und diesen artikulierte sie schon sehr früh. Als ein Repräsentant der Salzburger Landesregierung eines Tages eine Ausstellung ihrer Eltern besuchte, nutzte die damals erst sechsjährige Eva Pliem die Gelegenheit. Sie nahm den hohen Besuch an der Hand und führte ihn durch die Ausstellungsräumlichkeiten, vorbei an den Arbeiten der Eltern, die in ihren Augen bloß „Kritzikratzi“ waren, und präsentierte ihm stattdessen lieber ihre eigenen Werke.

Die Eltern blieben unbeeindruckt, und so ging Eva Pliem nach Wien, um trotz väterlichen Verbots an der Universität für Angewandte Kunst Malerei und Grafik zu studieren. Stipendien und Auszeichnungen ermöglichten es ihr, an der Karriere zu arbeiten, und sogar das Rupertinum Salzburg und die Albertina Wien haben bereits Arbeiten von ihr angekauft.

Ausstellungen in Arztpraxen mögen an sich nichts Neues sein, auch wenn sie von der Kunstwelt im Allgemeinen eher zögerlich in Anspruch genommen werden, selten aber ist die Zusammenstellung und Auswahl der Arbeiten so gut gelungen wie hier.

In der Gemeinschaftspraxis top-med für Traumatologie, Orthopädie und Plastische Chirurgie finden sich Arbeiten in Form von Malerei, Grafik und Objekten, die im Übrigen auch käuflich erworben werden können. Pliems Kunstwerke umgeben und wirken auf den Wartenden am Empfang, genauso wie auf den Arzt und seine Mitarbeiter an deren Arbeitsplatz und den Patienten am Behandlungstisch.

Alle gewinnen

Im Warteraum der Gemeinschaftspraxis prallen daher zwei Welten zusammen, die sonst nur wenige Berührungspunkte haben. Die Ruhe im Wartezimmer einer Arztpraxis ist meist trügerisch. Die Patienten besuchen diese Örtlichkeit meist aufgrund von körperlichen oder geistigen Beschwerden. Was sich in den Köpfen der Wartenden abspielt, lässt sich nur erahnen.

Umso besser, wenn der sorgenvolle Blick eines Patienten an einem Bild hängen bleibt und zu sehnsüchtigem Schwelgen reifen kann, der die Sorgen zumindest für einen Moment abmildert. Für Künstler, Patienten und die Klinikbetreiber ist dann viel gewonnen. Oder wie man in der Wirtschaft so schön sagt: eine Win-win-Situation.

Hier werden die Wände der Arztpraxis ganz bewusst als Kommunikationsmittel mit dem Patienten eingesetzt. Und es gibt kaum eine direktere Art als jene der Verständigung über Bilderwelten, die es verstehen, Emotionen zu wecken. Die Künstlerin wirkt gewissermaßen als Mittlerin zwischen Arzt und Patient und leistet damit einen Beitrag zur Entspannung.

Die Vielfalt der ausgestellten Werke von Pliem fügt sich gut in die Räume ein und ergänzt die Räume. Die Exponate sind körperbetont und greifen ein Thema auf, das in einer Arztpraxis allgegenwärtig ist: Die Bilder und Objekte erzählen von sinnlichen Formen und ermöglichen es dem wartenden Patienten, sich auf sich selbst und seinen Körper zu konzentrieren. Diese Bilder und Objekte sind nicht Dekor, das bloß kahle Wände füllen soll, sondern werden gezielt eingesetzt.

Um die Bilderwelten Eva Pliems besser zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf ihren Lebensweg. Anfang der Neunzigerjahre tauchte in ihrem Freundeskreis immer öfter das Thema Mutterschaft auf. Inspiriert von einem längeren Aufenthalt in Indien, entstanden daher Arbeiten mit dem Titel „Milch und Mutterkühe“, in der sie diese Thematik verarbeitete. Die Kaltnadelradierungen dieser Serie schmücken jetzt den Wartebereich. Darauf räkeln sich Mutterkühe, manchmal in aufreizenden, beinahe anrüchigen Posen, die aber auch zum Schmunzeln anregen. In einem anderen Raum finden sich überarbeitete Versionen dieser Radierungen, in denen Pliem Fragmente hervorhob, indem sie Partien übermalte.

Künstlerin mit „Bauchgefühl“

Nach dem Aufenthalt in Indien wandelten sich die Darstellungen auf Papier und Leinwand vom Figurativen immer mehr ins abstrakt Körperhafte. Trotz der Abstraktion bleibt aber auch in diesen Arbeiten, etwa bei der Serie „Close Ups“, der sensible Umgang mit lebenskräftigen Körperformen spürbar. Die Arbeiten geben Körperfragmente wieder, die sich begegnen. Man meint Fingerspitzen erkennen zu können, weiche Haut und sanfte Berührungen. Das Meiste bleibt der Emotion überlassen, man ergänzt im Kopf und durch das Kribbeln am Körper, was die Künstlerin in ihren Bildern nur andeutet.

Diese sinnliche Auseinandersetzung mit dem Körper zeigt sich auch an den Objekten der Künstlerin. Goldene Bäuche an der Wand, dargestellt als zarte Ausbuchtungen, oder abstrakte Brustformen in Silberfarbe schmücken das Behandlungszimmer der Spezialistin für Brustchirurgie und zeugen vom sensiblen Umgang mit intimen Körperteilen.

Täglich versammeln sich in einer Arztpraxis kranke und verunsicherte Menschen, die manchmal auch ein bisschen länger auf ihre Behandlung warten. Wäre es dann nicht schön, statt einer nackten Wand Kunst ins Blickfeld zu rücken, die den Patienten für ein Weile in eine andere Welt entfliehen lässt? Diese Kunst ist aber nicht bloß „schön“ anzusehen. In dieser Praxis kann man liebreizende, interessante, aufgeweckte, beruhigende, aufrichtige und sinnliche Bilderwelten entdecken, Attribute, die man in einer medizinischen Einrichtung sonst nicht vermuten würde. Und das ist schön.

 

 Weiterführende Links: www.pliem.com

Von DI. Niel Mazhar, Ärzte Woche 47 /2009

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