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Das Leben geht weiter – mit Prothesen.
 
Leben 10. November 2009

Kranke mit gesunder Kraft

„Trotzdem“: Ein neues Buch, das Mut macht.

Sie alle haben harte Schicksalsschläge zu ertragen – und trotzdem (oder gerade deswegen) nehmen sie mit Tatkraft ihr Leben in die Hand. Christine Haiden und Petra Rainer porträtieren in ihrem Band „Menschen mit besonderem Lebensmut“.

 

Da ist beispielsweise Wiltrut Stefanek, 39. Eine Frau in der Mitte ihres Lebens. Vor wenigen Jahren der große Schock: Ärzte hatten bei ihr im Zuge einer Routineuntersuchung eine HIV-Infektion festgestellt. Dieser Befund kam für sie völlig überraschend, hatte sie doch über keine gesundheitlichen Probleme zu klagen und gehört sie doch auch keiner der klassischen Risikogruppen an. Angesteckt wurde sie von ihrem damaligen Ehemann. „Für mich war es im ersten Augenblick ein Todesurteil“, sagt sie. Es kam maßlose Enttäuschung dazu: Ihr Mann wusste, dass er HIV-infiziert ist, sagte ihr das aber nicht. Reue oder eine Entschuldigung von seiner Seite? Nein. Ihr Mann, von dem sie sich bald darauf scheiden ließ, ist inzwischen gestorben.

Stefanek ist weiter am Leben. Und es geht ihr nicht einmal schlecht, denn sie hat gelernt, sich mit ihrem Schicksal zu arrangieren. Und mehr noch: In gewisser Weise zieht sie sogar Nutzen aus ihm. „Ich sehe nicht nur das Negative an der Infektion. Für mich war die Diagnose die Wende in ein besseres und intensiveres Leben“, sagt sie. Nun versucht Stefanek nach Möglichkeit jeden Tag zu genießen. Und ist dankbar für jeden Moment, den sie frei von Schmerzen ist.

Kein Klagen, kein Hadern

Nicht versagen, nicht den Lebensmut verlieren! Das lehrt diese Lebensgeschichte, und das lehren auch die anderen Lebensgeschichten, die in dem Band Trotzdem. Menschen mit besonderem Lebensmut versammelt sind. Die Herausgeberin Christine Haiden, Chefredakteurin von Welt der Frau, führte die Interviews und Petra Rainer machte die Fotos.

Wir begegnen Menschen mit besonderen Schicksalsschlägen. So etwa auch Christian Kandlhofer, der bei einem Unfall beide Arme verloren hat und heute trotzdem wieder in einer Autowerkstätte arbeitet. Oder Elisabeth Marx, die an Parkinson leidet und trotzdem malt. Sie alle klagen und hadern nicht, sondern nehmen ihr Leben tatkräftig in die Hand.

Die Porträtierten leiden an einer Krankheit – und verspüren doch allen Lebensmut, eine Eigenschaft, die gerade für Gesunde typisch ist. Unser herkömmliches Klassifikationsschema gerät hier etwas ins Wanken, zumindest das, das auf der WHO-Definition von Gesundheit als „vollkommenem körperlichem, geistigem und sozialem Wohlbefinden“ fußt. Aber propagiert die WHO nicht ohnehin einen Idealzustand, der kaum zu erreichen ist? Leiden wir nicht alle mehr oder minder häufig an Zahnschmerzen, Kopfweh, Angst oder Langeweile? Von „vollkommenem Wohlbefinden keine Spur“ – demnach wären wir alle krank. Betrachten wir eine andere Definition, die des Psychoanalytikers (und Vaters des Begriffs „Helfersyndrom“) Wolfgang Schmidbauer: „Das Gefühl, gesund zu sein, stellt sich ein, wo ein Mensch fähig ist, mit seinen inneren Zuständen und äußeren Anforderungen fertig zu werden.“ Folgen wir dieser Wesensbestimmung, könnten wir die im Buch vorgestellten Patienten geradewegs als gesund bezeichnen.

 

Haiden, Christine; Rainer, Petra: Trotzdem, Residenz Verlag, Salzburg 2009, 160 Seiten.

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 46 /2009

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