zur Navigation zum Inhalt
Fotos (3):  Nanut/Regal
Kokain und Zerstäuber für Oberflächenanaesthesie: Sie sind mittlerweile von der Klinik ins Museum gewandert.

Zweig des Cocastrauches: Die Bedeutung der Pflanze für die Medizin ging immer mehr zurück – unberührt davon und ungebrochen ist ihr Status als Modedroge.

Carl Koller gelang es, die Augenoberfläche mit Kokain zu betäuben.

 
Leben 10. November 2009

Das heilige Blatt oder das Aspirin der Anden

Vom Aufputschmittel zum ersten Lokalanästhetikum.

Die Indios kennen und verwenden Coca seit 5.000 Jahren, die Europäer erst seit 150. Sigmund Freud wollte damit reich und berühmt werden. Er scheiterte. Erst der Ophthalmologe Carl Koller (1857–1944) in Wien erkannte die einzig wirklich segensreiche Wirkung des „heiligen Blattes“ und wendete erstmals die lokalanästhetische Wirkung von Kokain in der Augenchirurgie an. Bis zur Leitungsanästhesie war es dann nur mehr ein kleiner Schritt.

 

Eines der wichtigsten medizinischen Mitbringsel, das die österreichische Fregatte „Novara“ von ihrer wissenschaftlichen Weltumsegelung im Jahr 1859 aus Südamerika nach Europa mitbrachte, waren ein Ballen „echter, unverdorbener Blätter“ eines Krautes, „welches den Hungrigen sättigt, dem Müden und Erschöpften neue Kräfte verleiht und dem Unglücklichen seinen Kummer vergessen macht“. Die in Lima erworbenen Blätter übergab Karl von Scherzer – der bedeutendste Wissenschaftler an Bord der Novara – dem Göttinger Mediziner und Chemiker Friederich Wöhler (1800–1882), der endlich die geheimnisvolle Substanz in den Blättern finden wollte, über dessen wunderbare, fast unglaubliche Wirkungen Reisende schon lange erzählten. Wöhler beauftragte seinen Assistenten Albert Niemann (1834–1861), aus den Blättern das wirksame Prinzip zu isolieren. Dem geschickten Doktoranden Niemann gelang das auch relativ rasch. In seiner 1860 erschienen Dissertationsschrift nannte er das von ihm isolierte Alkaloid „Kokain“.

Der Cocastrauch – botanisch Erythroxylum coca – wird in den südamerikanischen Anden seit Jahrtausenden als Kulturpflanze angebaut. Archäologen fanden dort Belege für das Kauen von Cocablättern, die bis in das Jahr 3000 v. Chr. zurückgehen. Es wurden nicht nur Cocablätter in zahlreichen Gräbern gefunden, sondern spuren davon auch in den Haaren chilenischer Mumien. War Coca wahrscheinlich ursprünglich ein rituelles Rauschmittel, zu dem nur Schamanen, Priester, aber meist auch die herrschende Schicht Zugriff hatte, wurde es später auch gezielt an schwer arbeitende Menschen – Krieger, Postläufer und Minenarbeiter – verteilt, damit sie in der sauerstoffarmen Luft des Hochgebirges ihre Arbeit besser und länger leisten konnten.

In vielen dieser präkolumbianischen Kulturen war Coca aber nicht nur Aufputschmittel, sondern auch eine Art Universalheilmittel der Volksmedizin und später außerdem Zahlungsmittel für die Arbeitssklaven. Der Gebrauch war und ist zum Teil auch heute noch derart vielfältig, dass das Kauen von Cocablättern sogar als „Aspirin der Anden“ bezeichnet wird. Von Höhenkrankheit, verdorbenem Magen, Koliken, Ermüdung und Schwächezuständen bis zu Asthma, Syphilis, Schnupfen und Heiserkeit reicht die Palette der Indikationen. Auch die lokal betäubende Wirkung war den Indios angeblich schon lange bekannt. In Europa sollte sich diese Erkenntnis erst ein paar Jahrtausende später durchsetzen.

Scherzer selbst bemerkte schon, dass die Cocablätter auf die Zungennerven „die merkwürdige Wirkung ausüben, dass die Berührungsstelle nach wenigen Augenblicken wie betäubt, fast gefühllos ist.“ Auch Niemann schrieb dies bereits in seiner Dissertation. Es war also 1884 in Europa schon mindestens 25 Jahre lang bekannt, dass „Kokain Lippen und Zunge taub macht“.

Auch Sigmund Freud, auf der Suche nach einer Aufsehen erregenden Entdeckung, experimentierte damals mit Kokain, einer Substanz, von der er sich Ruhm und vor allem Geld erwartete. Bei seinen Selbstversuchen bemerkte er, dass er die Schmerzen seiner Zahnfleischentzündung mit Kokainlösung bessern konnte. Auch beobachtete er ein „Taubheitsgefühl auf Lippen und Zunge“ und „dass die Berührungsstelle vorübergehend wie betäubt, fast gefühllos wird“. Freud wusste also um diese Wirkung des Kokains, konzentrierte sich aber auf die, wie er meinte, wichtigere Wirkung auf das Zentralnervensystem. Um aus dieser Beobachtung die richtigen Schlüsse zu ziehen, fehlte ihm aber – wie übrigens auch allen Vorgängern – der Bezug zur praktischen Medizin und vor allem zur Chirurgie. Keiner erkannte, dass diese wenig beachtete „Nebenwirkung“ des Kokains letztlich die einzige wirklich nutzbare medizinische Wirkung war.

Erfolgreiche Lokalanästhesie

Erst der Österreicher Carl Koller (1857–1944), der nach eigenen Angaben seit 1882 im Allgemeinen Krankenhaus in Wien nach einer brauchbaren Methode der Lokalanästhesie für Operationen am Auge suchte, zog die richtigen Schlüsse. Freud hatte ihn an seinen Experimenten über die Wirkung seiner „Wunderdroge“ auf das Nervensystem beteiligt. Bei den immer wiederkehrenden Bemerkungen über das vom Kokain verursachte „Taubheitsgefühl“ in verschiedenen Arbeiten wurde Koller hellhörig. War es die Substanz „mit den Wirkungen, nach denen ich vorher vergeblich gesucht hatte?“, fragte sich Koller. Sofort begann er mit Versuchen im Institut für allgemeine und experimentelle Pathologie. Er träufelte Kokainlösung in das Auge eines Frosches. Das so behandelte Auge erwies sich als unempfindlich gegen jegliche Art von Berührung und Reiz. Das andere Auge reagierte wie immer äußerst empfindlich. Selbstversuche und Versuche an Kollegen folgten. Es funktionierte immer. Koller hatte die lange gesuchte Substanz gefunden. Kokain war das Mittel, mit dem die Augenoberfläche vollständig betäubt werden konnte. Am 11. September 1884 gelang ihm die erste Staroperation ohne das übliche Schreien, Stöhnen und Zappeln des Patienten. Sein Vortrag – den ein Ophthalmologe aus Triest für ihn vorlesen musste – am 15. September 1884 beim Kongress der Augenärzte in Heidelberg schlug ein wie eine Bombe. Ein Traum der Augenärzte war in Erfüllung gegangen. Sie konnten ab nun schmerzfrei am Auge operieren. Koller hatte einen Meilenstein in der Geschichte der Medizin gesetzt. Er hatte erstmals eine brauchbare Lokalanästhesie entdeckt. Die sensationelle Nachricht verbreitete sich weltweit über die Presse. Wenig später führte der amerikanische Chirurg William Steward Halsted (1852–1922) am Roosevelt Hospital in New York die erste Leitungsanästhesie mit Kokain durch.

Die Modedroge

Während diese Segen bringende Eigenschaft des Kokains in der Medizin heute kaum mehr eingesetzt wird – weniger giftige und länger wirksame synthetische Substanzen haben Kokain fast völlig ersetzt –, ist das weiße Pulver heute wieder einmal „Modedroge“, nicht nur in der Schickeria.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche 46 /2009

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben