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Foto: Wenzel Müller
Ein Autowrack im Tiergehege. Diesen und anderen Zivilisationsmüll haben die Künstler Steinbrener und Dempf im Schönbrunner Tiergarten abgeladen – so, dass den Tieren natürlich nichts passieren kann.
 
Leben 14. Oktober 2009

„Reibebaum“ im Tiergarten-Idyll

„Trouble in Paradise“: Kunstaktion im Wiener Zoo.

Ein Giftfass im Aquarium, eine Ölförderpumpe bei den Pinguinen und ein Autowrack im Nashorn-Gehege: Mit diesen und ähnlichen „Skulpturen“ thematisiert das Wiener Künstlerduo Steinbrener/Dempf derzeit im Schönbrunner Tiergarten das heikle Verhältnis von Mensch und Tier.

 

Irgendein Haus oder Gehege muss immer erneuert werden, daher sind Baustellen im Schönbrunner Tiergarten, Wien, fast schon so selbstverständlich wie die Tiere. Für die Besucher gehören Kräne und Bauarbeiter längst zum vertrauten Anblick. Doch das ist neu, das hatten sie bisher noch nicht zu sehen bekommen: ein Autowrack im Teich des Nashorn-Parks. War da jemand zu schnell unterwegs und ist von der Fahrbahn abgekommen? So sieht es aus, aber das ist natürlich nicht der Fall. Es handelt sich vielmehr um eine Kunstinstallation von Christoph Steinbrener, 49, und Rainer Dempf, 48, um eine von insgesamt sechs markanten Eingriffen im Wiener Zoo. Titel des Projekts: „Trouble in Paradise“.

Ein kaputtes Auto ist nichts Außergewöhnliches, und ein Zoo auch nicht. Doch ein kaputtes Auto in einem Zoo, das ist ungewöhnlich und überraschend, gewissermaßen ein Reibebaum, der für Irritation sorgt. Und genau das bezwecken die beiden Künstler. Sie agieren nicht im geschützten Raum der Kunst, nicht in Galerien, sondern in der sogenannten wirklichen Welt. „Im Grunde ziehlen wir mit jedem Projekt auf das Unwahrscheinliche oder gar das Unmögliche“, sagt Steinbrener. Bei einem ihrer vorigen Projekte, „Delete“, konnten sie Kaufleute einer beliebten Wiener Einkaufsstraße dazu überreden, ihre Werbeschilder und damit auch sämtliche Firmennamen für zwei Wochen unter gelben Tüchern verschwinden zu lassen. Die Wiener Neubaugasse war vorübergehend ganz in Gelb getaucht.

Keine Gefahr für die Tiere

Für ihre aktuelle Arbeit luden die Künstler gleichsam Müll in dem Tiergarten-Idyll ab. Nicht nur die Nashörner wurden bedacht, unter anderem bekamen auch die Pinguine eine Ölförderpumpe in ihr Gehege und die Fische ein Giftfass in ihr Aquarium. Aber kein Bange: Die Ölförderpumpe und das Giftfass sind nicht echt, und auch das Auto wurde mit bruchsicheren Kunststoffscheiben und zusätzlichen Stahlverstrebungen ausgestattet, damit die Umwelt, speziell die Tiere keinen Schaden nehmen können. Und mehr noch: Die einzelnen Interventionen wurden mit der Zoo-Direktion abgesprochen und so ausgeführt, dass sie für die Tiere Abwechslung, Aktivierung und, wie es im Fachvokabular heißt, Enrichment bedeuten.

Dieses Hintergrundwisssen hat der gewöhnliche Besucher freilich nicht. Was er sieht, ist ein markanter Fremdkörper, etwas, das überhaupt nicht in diese Umgebung passt. Wie bei allen eher radikalen Kunst-Aktionen, sind die Reaktionen auch hier ganz unterschiedlich. Die einen finden das witzig, andere nur einen ungebührlichen Eingriff, ja, eine Schande. Auch diese unterschiedlichen Reaktionen sind ganz im Sinn des Künstlerduos. Sie möchten etwas bewegen, einen Bewusstseinsprozess in Gang setzen. Sie wollen die Beziehung von Tier und Mensch, von Natur und Zivilisation zur Diskussion stellen. „Wir bewegen uns in einem Feld, in dem gesellschaftliche Anliegen thematisiert werden und in dem Menschen aufeinandertreffen, die nicht über denselben kulturellen Hintergrund verfügen“, sagt Steinbrener.

Viele wütende Briefe hat die Direktorin des Tiergartens, Dr. Dagmar Schratter, von aufgebrachten Besuchern erhalten. Doch sie behält in beachtenswerter Weise kühlen Kopf: „Steinbrener/Dempf haben uns mit ihrem Vorschlag fasziniert. Das Projekt ist eine Form von Bewusstseinsbildung: nämlich Aufwecken, Irritieren in einer sogenannten heilen Welt, wobei mit dieser heilen Welt nicht allein der Zoo gemeint ist, sondern die gesamte Natur.“

 

„Trouble in Paradise“ noch bis 18. 10. 2009 im Schönbrunner Tiergarten, Wien

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 42 /2009

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