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Henrik Ibsen (1828–1906) wollte Arzt werden, schaffte allerdings die Aufnahmeprüfung nicht. So wurde er Dramatiker – ein höchst erfolgreicher.

Als Apothekerlehrling lebte Ibsen in einem Durchgangszimmer, später als gefeierter Autor im wahren Luxus.

 
Leben 30. September 2009

Kampf der Lebenslüge

Besuch im Ibsen-Museum in Oslo.

Eigentlich wollte er Arzt werden, hatte auch schon eine Apothekerlehre erfolgreich abgeschlossen. Doch dann schaffte er die Aufnahmeprüfung nicht. So verlegte sich Henrik Ibsen (1828–1906) aufs Schreiben – mit Erfolg, heute ist er nach Shakespeare der am meisten gespielte Dramatiker in der Welt. Seine einstige Wohnung in Oslo ist inzwischen Museum.

 

Eine 320-Quadrameter-Wohnung für zwei Personen. Das ist wahrer Luxus. In diese Wohnung unterhalb des Schlossparks von Oslo – damals noch Kristiania – zog Henrik Ibsen 1895 ein. Er war damals 67 Jahre alt und ein berühmter Mann. Die Theaterwelt feierte den norwegischen Dramatiker als einen der großen Begründer des „modernen Dramas“.

Ibsen stand im Zenit seines Erfolgs und konnte seinen Lebensabend genießen. Die weniger angenehmen Seiten des Lebens, Entsagung und Enttäuschung, hatte er freilich auch zur Genüge kennen gelernt.

Nach der Schule machte Ibsen zunächst eine Apothekerlehre, in Grimstadt, wo er sich mit wenig Geld und einem Durchgangszimmer begnügen musste. Sein Ziel war, Arzt zu werden. Dazu musste er eine Prüfung ablegen, die er allerdings wegen nicht genügender Leistungen in Griechisch und Mathematik nicht bestand. Nichts wurde aus seinem Lebenstraum! Wie weiter? Ibsen musste sich neu orientieren. Schon als Jugendlicher hatte er gerne mit seinem Marionettentheater gespielt, und so suchte er seine berufliche Zukunft im Theater. Er ging ans Theater in Bergen an der norwegischen Küste, wo er so gut wie alles machte, er schrieb, er inszenierte und er organisierte. Hier lernte er das Theater-Handwerk von Grund auf kennen, hier verschaffte er sich jenes Wissen, das ihm eine große Hilfe beim Abfassen seiner Stücke war, auf das er sich bald verlegen sollte.

Das Theater war zu jener Zeit in erster Linie reines Deklamationstheater. Zudem wurde auf den norwegischen Bühnen Dänisch gesprochen – Dänemarks Hoheit bestand zwar nicht mehr auf politischem Gebiet, sehr wohl aber noch auf kulturellem. Der gängigen Bühnenpraxis setzte Ibsen sein eigenes, radikal neues Theater entgegen, ein Theater, das sich seinen Stoff aus der Mitte des wahren Leben holte, sprich: aus den alltäglichen Verstrickungen und Lügen. Ob Die Wildente oder Nora oder Die Gespenster (demnächst im Wiener Theater der Josefstadt zu sehen), Ibsens Stücke folgen immer dem gleichen dramaturgischen Aufbau: Zunächst wird uns eine heile bürgerliche Welt vorgeführt, mit glücklichen Paaren und zufriedenen Menschen. Doch dann geschieht der Einbruch, die dramatische Wende: Verfehlungen und Lügen, die bisher mit Erfolg verborgen wurden, kommen ans Tageslicht. Und plötzlich zerfällt die eben noch heile Welt in einen einzigen Trümmerhaufen. Die Fassade der Ehrbarkeit zerbricht, die Wahrheit kommt zu ihrem Recht – und reißt alles nieder. Als Nora erkennt, dass ihrem Mann der äußere Schein wichtiger ist als die Liebe zu ihr, sieht sie keinen anderen Ausweg, als zu gehen und nicht nur ihren Mann, sondern auch ihre drei kleinen Kinder zurückzulassen.

Eine Mutter verlässt ihre Kinder: Man kann sich gut vorstellen, dass dieses Stück vor hundert Jahren die Gemüter sehr bewegt hat. Und das tut es auch heute noch – nach Shakespeare ist Ibsen der meistgespielte Dramatiker der Welt.

Ibsens Weg zum Erfolg führte über etliche Skandale, Aufgeregtheiten, Turbulenzen. Er, der nicht Arzt werden durfte, verewigte mehrere Arzt-Figuren in seinen Stücken. So beispielsweise den Arzt Relling in Die Wildente, von dem diese Sentenz stammt: „Nehmen Sie einem Durchschnittsmenschen die Lebenslüge und Sie nehmen ihm zur gleichen Zeit das Glück.“ Oder auch den Badearzt Dr. Stockmann in Der Volksfeind: Er hat zwar die Wahrheit auf seiner Seite, doch ist ganz der Typ unmenschlicher Fanatiker.

26 Jahre lebte Ibsen im Ausland, vor allem in Italien und Deutschland. Die Uraufführungen seiner Stücke erfolgten in erster Linie an den großen deutschen Bühnen. Als armer, unbekannter Autor hatte er Norwegen verlassen, als gefeierter kehrte er zurück. Die 320-Quadratmeter-Wohnung entsprach ganz seinem neuen Status. Heute beherbergt sie das Ibsen-Museum.

Bei einer Führung erfährt der Besucher, dass Ibsen in dieser Wohnung über eine Einrichtung verfügte, die selbst dem König im benachbarten Schloss versagt blieb: ein Wasserklosett. Ibsen lag Hygiene sehr am Herzen. Jeden Tag pflegte er ein heißes Bad zu nehmen, und jeden Tag ließ er auch den Friseur kommen, der sich, so ist anzunehmen, vor allem Ibsens so imposantem wie markantem Backenbart annahm.

Mit des Dichters Arbeitseifer stand es nicht zum Besten. Wie die Museumsführerin erzählt, war es Ibsens Frau, die ihn regelmäßig antreiben musste, dass er sich an seinen Schreibtisch setzte. Daneben hatte Ibsen ein weiteres Stimulans: ein Porträt seines schwedischen Dramatikerkollegen August Strindberg (1849–1912). Das Bild hatte er so aufgehängt, dass er es beim Arbeiten stets im Rücken hatte. Der wenig geliebte Konkurrent als andauernde Antriebskraft.

Jeden Tag im Grand Cafe

Jeden Tag ging Ibsen in das nahe gelegene Grand Cafe. Hier hatte er einen Stammplatz, und die Bedienung wusste, dass sie neugierige Menschen auf Distanz halten musste. Der Dichter wünschte in Ruhe seine Zeitungen zu lesen. Es hatte sich allerdings in der Stadt auch herumgesprochen, dass Ibsen in seiner Wohnung am Nachmittag im Sessel nahe dem Fenster Platz zu nehmen pflegte. So war er von der Straße aus zu sehen – und manchmal bildeten sich, wie die Museumsführerin erzählt, unten vor dem Haus richtige Ansammlungen von Menschen, die einen Blick von dem Dichter zu erhaschen hofften.

Elf Jahre lebte Ibsen in seiner luxuriösen Wohnung. Am 16. Mai 1906 fiel er nach einem erneuten Schlaganfall ins Koma. Als die Pflegerin seiner Frau zuflüsterte, sie habe den Eindruck, Ibsen gehe es schon wieder besser, tönte es vom Bett her: „Im Gegenteil!“ Das waren, dem ärztlichen Protokoll zufolge, seine letzten Worte. Ibsen sollte Recht behalten. Sein ewiger Kampf galt eben, bis zum eigenen Ende, der Lebenslüge.

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 40 /2009

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