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Fotos (2): www.burgtheater.at
Faust I: Gert Voss (Mephisto) und Tobias Moretti (Faust) in den Titelrollen.

Faust II: Mit Videoprojektionen und Musikbegleitung versuchte sich der neue Burgtheaterdirektor dem sperrigen, von vielen auch für unspielbar gehaltenen Text zu nähern.

 
Leben 15. September 2009

Ein Abend, zwei Aufführungen

Faust I und II: Matthias Hartmann feierte einen erfolgreichen Einstand am Wiener Burgtheater.

Das Wiener Burgtheater ist mehr als ein Theater, mehr auch als die „erste Bühne deutscher Zunge“. Österreich leistet sich dieses finanziell bestausgestattete Theater der Welt, um nicht zuletzt allfällig im Land vorhandene Großmachtphantasien zu befriedigen. Mit entsprechend großer Aufmerksamkeit und Spannung wurde nun die Einstandsinszenierung des neuen Burgtheaterdirektors Matthias Hartmann verfolgt.

 

Die Studierstube von Faust: Die Bühne ist ganz dunkel. Dann geht weit hinten ein kleines Licht an. Das markante Apple-Zeichen. Der Doktor sitzt einsam vor seinem Laptop. „Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin…“ Diese Worte sagt er vor sich hin und tippt sie ein. Der berühmte Monolog ganz im Tempo und Rhythmus der Eingabe in den Computer.

Beginn mit Aplomb

Das ist neu. So haben wir die aus dem Schulunterricht sattsam bekannten Verse noch nie gehört. Eine nette Überraschung gleich am Beginn der Faust-Inszenierung, mit der der neue Direktor des Wiener Burgtheaters, Matthias Hartmann, nun seinen Einstand feierte. Aplomb – dieses Wort ließ der gebürtige Norddeutsche, mit voriger Station Zürich, zuletzt immer wieder fallen. Mit Aplomb wolle er seine Spielzeit eröffnen. Für das große Haus nichts Geringeres als Goethes großes Werk. Die Wiener vernahmen das mit Genugtuung. Ist das Burgtheater, ein Relikt aus Monarchiezeiten, doch nicht zuletzt dazu da, allfällig noch im Lande vorhandene Großmachtphantasien zu befriedigen.

Die Kraft der Leichtigkeit

Wer nun gedacht hatte, Hartmann würde auch die Bühnenmaschinerie ordentlich zum Rotieren bringen, der wurde enttäuscht. Oder eben angenehm überrascht: Das Theater präsentierte nicht stolz seine Muskeln, sondern setzte im Gegenteil ganz auf die Kraft der Einfachheit und Leichtigkeit.

Auerbachs Keller oder Marthes Garten: Bei jedem Ortswechsel fährt, besser: schwebt eine neue helle Box auf die dunkle Bühne, eine Wand davon klappt auf und gibt den Blick frei auf die Szenerie. Hinterher entschwebt die Box wieder im Hintergrund oder versinkt im Boden. Alles geschieht ohne großen Aufwand. Keine überbordenden Bilder. Der Phantasie des Zuschauers wird genug Freiraum gelassen.

Gleiches gilt für das Spiel der Darsteller: Mephisto hinkt nicht etwa mit einem Klumpfuß über die Bühne. Gert Voss mimt eher den mürben Gigolo. Sein teuflisches Wesen zeigt sich vor allem in seinem Gesichtsausdruck, diesem „widrigen Gesicht“, vor dem Gretchen schaudert. Die Titelrolle steht traditionell im Schatten von Mephisto. In diesem Fall kommt erschwerend hinzu, dass Faust-Darsteller Tobias Moretti uns als früherer Kommissar in der seichten Fernsehserie „Kommissar Rex“ bestens bekannt ist. Nun hat er den ewig Grübelnden und Zweifelnden zu mimen, und das gelingt ihm überzeugend. Kein zerstreuter Professor mit zerzausten Haaren, vielmehr ein moderner Büromensch mit dem Hang zu tieferen Gedanken. Und schließlich Gretchen. Die Natürlichkeit und Naivität und Unverstelltheit in Person, gespielt von der jungen Katharina Lorenz.

Die vier Stunden Aufführung gehen wie im Flug vorbei. Dann Pause, endlich Luft! Das Lüftungssystem dieses ehrwürdigen Hauses ist auch schon in die Jahre gekommen. Im Zuschauerraum stand während der Premiere geradewegs die Luft, und das Aufsichtspersonal hatte Fächer an das Publikum verteilt.

Plötzlich andere Aufführung

Faust, zweiter Teil: Der gleiche Regisseur, doch plötzlich eine ganz andere Aufführung. Nicht nur, dass nun andere, nämlich viele junge Schauspieler auf der Bühne sind, wir erleben so etwas wie den Versuch einer Annäherung an einen schwierigen, von vielen auch als unspielbar gehaltenen Text. Die Schauspieler improvisieren, stellen dem Publikum die einzelnen Personen vor, formieren sich wie ein altgriechischer Chor. Dazu Videoeinspielungen und Musikbegleitung. Es ist, als wären wir plötzlich mitten in eine Probe geraten. Irgendwann geben wir die Mühe auf, nach einem tieferen Sinn zu suchen und geben uns ganz dem Zauber des Spiels und dem überwältigenden optischen Eindruck hin.

Hier die genaue Einstudierung, dort die pure Lust am Spiel. Hier das Fertige, dort das Prozesshafte. An einem Abend präsentierte Hartmann zwei ganz unterschiedliche Versionen und damit das ganze Potenzial und die wunderbare Bandbreite des Theaterspiels. Das Premierenpublikum dankte es ihm mit lang anhaltendem Beifall.

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 38 /2009

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