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Leben 9. September 2009

Akupunktur-Nadel im Heuhaufen


Auch wenn man nicht viel Ahnung von der Traditionell Chinesischen Medizin hat: Man kann ja zumindest so tun. Und so nehmen viele Institutionen im Gesundheitswesen zunehmend fernöstlich wirkende Dinge ins Repertoire.

Ein lieber Kollege von mir, der mit Akupunkturnadeln umzugehen versteht, wie Lobbyisten mit Schmiergeldern, sorgt unermüdlich dafür, dass die östliche Medizin in Österreich ihren verdienten Stellenwert bekommt. Dieser Mann steckt Nadeln in Körperteile, von denen wir nicht einmal wussten, dass wir sie haben. Das macht nicht nur Patienten und Ärzte neugierig, sondern auch wirtschaftlich denkende Betriebe aus der Gesundheitsbranche, wo fast schon eine kleine Goldgräberstimmung aufkommt.

Buddha, Yin-Yang und Co

So ist der ferne Osten durchaus en vogue. Absolut hip zur Zeit: Die Traditionell Chinesische Medizin, kurz TCM. Kaum eine Privatversicherung, die ihre Werbespots nicht mit – für die Marketingabteilungen durchaus chinesisch klingenden – Melodien aus der Restaurant-Beriesel-Sparte hinterlegt, kein Wellness-Ressort (ehem. Kuranstalt), das nicht mindestens eine Buddha-Statue im Foyer, ein gesticktes Yin-Yang-Emblem am Froteebademantel oder ein Ming-Plätscherbrunnen-Imitat an der Rezeption sein eigen nennt.

Alles, was irgendwie traditionell aussieht, findet sich im hiesigen Gesundheitsbereich wieder. Fernost ist Fernost und China, Tibet oder Japan sind ja nahezu ident. Irgendwie.

Diesem Trend wollen sich natürlich viele moderne Krankenanstalten nicht ganz verschließen. Auch wenn man keine Ahnung von der Materie hat. Es genügt schon, ein paar Gegenstände anzuschaffen, ein paar Sachen umbenennen. So wird man von der Spitalsküche ein „Traditionell Chinesisches Mittagsmenü“, inklusive Pflaumenwein aufgetischt bekommen, auf der Psychiatrie kann man sich seinen „Thai-Wahn“ behandeln lassen und am Eingang zur Pathologie steht „Platz des Himmlischen Friedens“. Die „5 Elemente der Oberschwester“ bestehen aus Blasentee, Badewasser, Seifenlauge, Kaffee für die Patienten und Kaffee für die Schwestern.

Das Schweigen des Oberarztes bei der morgendlichen Visite wird ab sofort als „Meditation“ verstanden und im Labor kommt das Blut in die „Zen“-trifuge. Fernost trifft auf hiesige Spitalskultur – das ist Brutalität.

Von Dr. Ronny Teutscher , Ärzte Woche 37 /2009

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