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Demonstration anlässlich der 30. Jahrfeier von pro-woman
 
Leben 7. September 2009

Abtreibung - Pro & Contra

Ende letzter Woche feierte das Ambulatorium "pro:woman" seinen 30. Jahrestag. Tagelange Diskussionen und Protestveranstaltungen im Vorfeld des Festaktes zeigen, dass das Thema „Fristenlösung“ auch heute noch emotional und kontrovers diskutiert wird, auch unter den Medizinern: Ein Pro & Contra zwischen Wolfgang Machold und Christian Fiala.

 

Standpunkte zur Abtreibungsdiskussion
 Pro  Contra
"Wir müssen zur Kenntnis nehmen, das es keine vernünftige Alternative zu legalen Abbrüchen gibt und diese selbstverständlich von Ärzten durchgeführt werden müssen."

"Viele Menschen erkennen das Unrecht in der Tatsache, dass ungeborenen Kindern das Lebensrecht abgesprochen wird."

Christian Fiala

Dr. Christian Fiala

Ärztlicher Leiter
Gynmed Ambulatorium für Schwangerschaftsabbruch und Familienplanung
www.gynmed.at

Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe

Gründer und Leiter
Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch
www.muvs.org

Macholdfin

Ass.-Prof. Dr.Wolfgang Machold

Vorsitzender
Österreichische Lebensbewegung
www.lebensbewegung.at

Facharzt für Unfallchirurgie
Notarzt

Arzt für Allgemeinmedizin

Medizinische Universität Wien, Universitätsklinik für Unfallchirurgie                                         
Finden Sie, dass die Abtreibung dem ärztlichen Ethos widerspricht?

Christian Fiala: Im Gegenteil. Wir sind verpflichtet Frauen in Krisensituationen anzunehmen und bestmöglich medizinisch zu versorgen. Mit jedem korrekt durchgeführten Schwangerschaftsabbruch bewahrt man Frauen vor größerem Schaden oder sogar dem Tod. Es ist hinreichend dokumentiert, dass sie sonst zu "Engelmacherinnen" gehen oder selbst mit einer Stricknadel oder anderen gefährlichen Objekten versuchen einen Abbruch durchzuführen, wenn sie keine Möglichkeit eines legalen und sicheren Abbruchs durch einen Arzt haben. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass es keine vernünftige Alternative zu legalen Abbrüchen gibt und diese selbstverständlich von Ärzten durchgeführt werden müssen.

Wolfgang Machold: Ja, die Abtreibung widerspricht dem ärztlichen Ethos. Ziel ärztlichen Handelns ist es Menschenleben zu retten und nicht zu töten. Innerhalb der Ärzteschaft ist deshalb auch das Ansehen von Abtreibungsärzten schlecht. In Abteilungen wird diese Tätigkeit oft den jüngsten Assistenzärzten aufgebürdet.
Die erste österreichische Frauenministerin Johanna Dohnal bezeichnete die 1975 in Kraft getretene Fristenlösung als großen Erfolg der Frauenpolitik. Sehen Sie das auch so?

Wolfgang Machold: Es kommt auf das Ziel der Frauenpolitik an:
Wenn es das gesellschaftspolitische Ziel ist, die Rolle der Mütter zurückzudrängen und Frauen vorwiegend zur Erwerbsarbeit zu bringen, so stellt jedes nicht geborene Kind natürlich einen Erfolg dar.
Die Mehrheit der Frauen ist jedoch interessiert, sich um ihre Kinder kümmern zu können und dabei ausreichend finanziell abgesichert zu sein. Dafür müsste die Mutterschaft und das Erwerbsleben miteinander vereinbar gemacht werden. Von diesem Standpunkt aus ist die Fristenregelung ein Rückschritt.

Christian Fiala: Die Legalisierung des Abbruchs hat die Gesundheit und das Überleben von Frauen in unserem Land massiv verbessert. Es gibt in der Geschichte keine andere Maßnahme, die eine ähnlich starke Auswirkung hatte. Ferner ist auch die Häufigkeit von Abbrüchen eher zurückgegangen.
Aber auch wir Männer und die Gesellschaft als ganzes haben von der Legalisierung stark profitiert, weil unsere Mütter, Schwestern, Partnerinnen und Töchter seit 1975 in guter Gesundheit überleben.
Widersprechen sich Ihrer Meinung nach das "Selbstbestimmungsrecht von Frauen" einerseits und das "Lebensrecht des ungeborenen Kindes" andererseits?

Christian Fiala: Es handelt sich bei einem Schwangerschaftsabbruch nicht um ein Kind, sondern um einen Embryo in einem sehr frühen Stadium oder häufig sogar noch um einen Fruchtsack. Ein angebliches Lebensrecht eines Fruchtsacks mit dem Lebensrecht der Frau zu vergleichen ist absurd.
Wenn nun jemand Fremdes kommt und meint er könne besser beurteilen, was gut für die Frau und die Schwangerschaft ist, dann ist dies eine ziemlich überhebliche Anmaßung. Alle Erfahrung zeigt, dass die schwangere Frau am besten geeignet ist, auch die Interessen ihres Embryos zu vertreten, selbst wenn dies die Entscheidung für einen Abbruch beinhaltet.

Wolfgang Machold: Es ist immer eine Güterabwägung. Die Fristenregelung setzt das Menschrecht auf Leben hinter das Recht auf Abtreibung. In anderen Bereichen ist die  persönliche Freiheit durchaus höherwertigen Rechtsgütern nachgeordnet, zum Beispiel bei der Pflicht zur Ersten Hilfe oder der Fürsorgepflicht für ein geborenes Kind.
Glauben Sie, dass es Frauen mit Mitteln wie der Abtreibungspille (Mifegyne) zu einfach gemacht wird, eine Abtreibung durchzuführen?

Wolfgang Machold: Es wird Frauen nicht leicht gemacht "Ja" zu ihrem Kind zu sagen.  

Christian Fiala: Ein medikamentöser Abbruch ist nicht einfacher als ein chirurgischer, aber man kann ihn bereits sehr früh in der Schwangerschaft durchführen. Und das empfinden die meisten Frauen als Erleichterung. Grundsätzlich ist festzuhalten, dass die Entscheidung für oder gegen einen Abbruch nach reiflicher Überlegung und keinesfalls leichtfertig getroffen wird. Wenn die grundsätzliche Entscheidung gefallen ist, ist es die Aufgabe unserer Gesellschaft die Frauen darin zu unterstützen und den Abbruch medizinisch so gut es geht und so früh als gewünscht durchzuführen.
In der Altersklasse der 14-19 Jährigen hat zwischen 2005 und 2007 die Abtreibungshäufigkeit von 4 auf 11 Prozent zugenommen. Glauben Sie besteht ein Aufklärungsbedarf oder nehmen die Jugendlichen das Thema Abtreibung zunehmend auf die leichte Schulter?

Christian Fiala: Es ist eine traurige Tatsache, dass unsere Gesellschaft viel zu wenig für die Verhütung ungewollter Schwangerschaften unternimmt. So liegt die Aufklärung von Jugendlichen im Argen, aber auch Verhütungsmittel werden nicht von der Krankenkasse bezahlt und für die ‚Pille danach’ braucht  man immer noch ein Rezept. Österreich ist damit Schlusslicht in Westeuropa.

Wolfgang Machold: Die Ursache liegt am Stellenwert den die Gesellschaft Kindern beimisst. Wenn für Kinder nur wenig Zeit der Eltern abfällt und ein hoher Druck auf ihnen lastet „funktionieren“ zu müssen, so leidet auch das Selbstwertgefühl darunter. Es wird für Jugendliche schwieriger tragfähige Beziehungen aufzubauen. Flucht in Alkohol oder wechselnde sexuelle Beziehungen sind die Folge.
In diesem Zusammenhang stellt Aufklärung  nur einen ersten eher oberflächlichen Therapieansatz da.
Gesetzlich ist das Thema Abtreibung seit 1975 klar geregelt. Die moralische und ethische Diskussion will aber nicht zur Ruhe kommen und wird weiterhin emotional geführt. Warum glauben Sie ist das so?

Wolfgang Machold: Wie die Geschichte zeigt dauert es zwar oft Jahrhunderte bis Grundrechten zum Durchbruch verholfen wird, aber die Wahrheit setzt sich durch. Viele Menschen erkennen das Unrecht in der Tatsache, dass ungeborenen Kindern das Lebensrecht abgesprochen wird.

Christian Fiala: Für die betroffenen Frauen und ihre Partner ist die derzeitige gesetzliche Regelung wichtig, gut und steht außer Frage. Lediglich eine kleine Minderheit von Menschen kann sich mit dieser Situation nicht abfinden. Es ist vielsagend, dass diese Leute häufig auch gegen eine bessere Vorbeugung von ungewollten Schwangerschaften durch eine Verbesserung der  Verhütung sind. Damit ist deren Empörung aber unglaubwürdig. Noch dazu kommen die Widerstände im Wesentlichen aus der katholischen Kirche und von Priestern oder Bischöfen, die ja gar nicht selbst betroffen sind.
Ich denke diese Leute sollten zur Kenntnis nehmen, dass Menschen, die ihre Sexualität leben, sehr wohl auch die Verantwortung dafür selbst übernehmen können. Kommentare von beruflich Unerfahrenen und persönlich Nichtbetroffenen sind wenig hilfreich.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft? Wie sehe ihrer Meinung nach die ideale (gesetzliche) Lösung aus?

Christian Fiala: Aus der Geschichte können wir lernen, dass es umso weniger Probleme mit ungewollten Schwangerschaften gibt, je besser die Menschen über ihre Sexualität informiert sind und je mehr Selbstbestimmungsrecht sie haben. Insofern sollte die Sexualaufklärung verbessert, Verhütungsmittel und Abbruch auf Krankenschein erfolgen. Weiters würde ich mir wünschen, dass der Abbruch aus dem Strafgesetz genommen wird. Damit ließe sich am ehesten umsetzen, was eine bekannte Frau aus Schweden gesagt hat: "Ich träume von dem Tag, an dem alle Kinder, die geboren werden gewollt sind, Männer und Frauen gleich sind und die Sexualität als Ausdruck von Liebe, Freude und Innigkeit gilt." (Elise Ottesen Jensen, Schweden, 1896-1973)

Wolfgang Machold: Eine kinderfreundlichere Gesellschaft. Studien zeigen, dass sich junge Menschen mehr Kinder wünschen, als sie dann tatsächlich später bekommen. Die gegenwärtigen gesetzlichen Regelungen bevorzugen Kinderlose.
Familien investieren Zeit und Geld in Kinder und nehmen dafür einen geringeren Lebensstandard in Kauf. Das geringere Einkommen wirkt sich jedoch nicht nur während der Zeit der Kindererziehung aus, sondern führt auch zu niedrigeren Pensionen, während die Kinder später die hohen Pensionen der Kinderlosen finanzieren. Gesetzliche Regelungen sollten vor allem diese Ungerechtigkeiten beseitigen.
 

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Redaktion

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