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Jubel um Toni Sailer in Cortina 1956
 
Leben 31. August 2009

Wenn du gewinnen willst, musst du bereit sein zu verlieren...

...Toni Sailer in einem seiner letzten Interviews in der aktuellen Ausgabe der "Sport- und Präventivmedizin".

Der "schwarzen Blitz aus Kitz“, erlag vor einer Woche seinem Krebsleiden und wurde am vergangenen Wochenende in Kitzbühel beigesetzt.

Mit den legendären Olympischen Winterspielen 1956 in Cortina d’Ampezzo und je eine Goldmedaille im Slalom, im Riesenslalom und in der Abfahrt, sowie mit der Goldmedaille in der nichtolympischen Kombination bleibt der Jahrhundertsprotler mit seinen zusätzlichen sieben Weltmeistertiteln nach wie vor einer der erfolgreichsten Skirennläufern aller Zeiten.

Das Interview führte Univ. Doz. Dr. Peter Baumgartl am siebenten Juli 2009 in Kitzbühel.

Worauf führen Sie Ihre damalige Dominanz im Skirennsport zurück? Wie war Ihre Trainingsvorbereitung?

Toni Sailer: Ich war sicher ein Talent, aber ohne Training ging es auch damals nicht. Die Trainingsinhalte stellte ich mir selber zusammen. Es konnte schon vorkommen, dass ich um 5 Uhr 30 mit dem Fahrrad von Kitzbühel zum Wilden Kaiser fuhr, dort 3 Gipfel bezwang und dann zurück zur Arbeit musste. Am Nachmittag spielte ich dann Tennis, ging dann zum Fußballtraining und später am Abend noch Geräteturnen. Viel hielt ich auch vom Bergablaufen (ca. 1200 m) und danach spielte ich noch oft 18 Löcher Golf. Alpinspezifisch hielt ich viel vom Intervalltraining mit vielen Schnellkraftkomponenten. Das regelmäßige Einhalten von Regenerationspausen war mir wichtig und ich versuchte bewusst zu essen und in den Trainingsphasen ausreichend zu schlafen. Wenn ich vor dem Rennen Gymnastik machte oder Stretchübungen durchführte, wurde ich zur damaligen Zeit nicht ernst genommen.

Sehr achtete ich auf eine gute Atemtechnik beim Rennen. Ich führte schon zur damaligen Zeit Konzentrationsübungen durch und versuchte dabei alle „herandrängenden“ Gedanken auszuschalten. Erst viel später erfuhr ich, dass diese Übungen auch der Dalai Lama empfahl. Stets war mir bewusst, dass sich in Bezug auf Erfolg viel im Kopf abspielt. Meine mentale Vorbereitung auf die nächste Saison fand im Sommer statt und war im Herbst abgeschlossen. Dann musste ich wissen was ich wollte. Wenn du etwas Großes gewinnen willst musst du auch bereit sein zu verlieren. Damit nimmst du dir die Last von den Schultern und bist im Stande, ohne den Druck siegen zu müssen, den jeweils idealen Schwung zu fahren.

Gab es einen „Materialfaktor“?

Das Material spielte eher eine geringe Bedeutung, wir wachselten unsere Ski selbst und oft noch sogar die Ski unserer Freunde, die ja gleichzeitig unsere Konkurrenten waren.

Welche Entwicklung hat Ihrer Meinung nach den Skirennsport am meisten beeinflusst?

Toni Sailer: Dies sind wohl die bessere Pistenpräparierung und eine Materialverbesserung, welche allerdings vor allem bei den Damen noch nicht abgeschlossen ist. Die veränderte Pistenpräparierung hat aber auch Nachteile. Früher musste man viel mehr Eigenverantwortung übernehmen und das Tempo viel mehr variieren und kontrollieren. Es gibt keine großen Finessen der Kurssetzer mehr und ich habe oft den Eindruck „dass selbst ein Blinder heutzutage fahren könnte“. Mehr Eigenverantwortung wäre gefragt. Als Alpinchef der FIS weise ich auch immer wieder darauf hin. Dass die Sicherheit bei Rennen eine wichtige Rolle spielt ist klar und daran muss noch weiter gearbeitet werden.

Wie erfolgte die Auswahl zur Aufnahme in die Ski-Nationalmannschaft?

Toni Sailer: Man musste sich langsam die Leiter hinaufarbeiten, wobei ich mich frage, wo einige der Schülermeister geblieben sind, so manch einer ist „verschwunden". Die Entscheidung für die Aufnahme in die Nationalmannschaft lag beim Cheftrainer, der sich aber nicht nur auf die gefahrenen Zeiten, sondern auch auf sein „Gefühl“ verließ. Aber es kam schon vor, dass er vom Technischen Direktor „overruled“ wurde.

Gab es zu Ihrer Zeit schon eine sportmedizinische Versorgung?

Toni Sailer: Diese entwickelte sich erst langsam. Vor den Olympischen Spielen 1956 wurden wir lediglich ein Mal am Institut in Innsbruck untersucht, vor den Weltmeisterschaften 1958 fand diese Untersuchung zwei Mal statt und im Trainingsprozess wurden wir spirometrisch getestet, indem wir mit dem Douglassack über die Pisten geschickt wurden. Auch Blutuntersuchungen wurden damals durchgeführt.

Gab es damals bereits Doping oder dopingähnliche Substanzen, die verabreicht wurden?

Toni Sailer: Daran dachten wir nicht, wir waren froh, wenn wir etwas zu essen bekamen.

In Ihrer Zweitkarriere als Künstler haben Sie u.a. den „Wedel Bamba“ gesungen und als Schauspieler in mehreren Filmen mitgewirkt. Welches Lied würden Sie als Hörprobe empfehlen bzw. welche Film sollte man ansehen, wenn man der heutigen Jugend Toni Sailer als Song- und Filmstar näher bringen will?

Toni Sailer: Die Lieder wie z.B. „Abends am Kamin“ oder „Die Welt ist wie ein Tummelplatz“ wurden in Text und Melodie als Filmbegleitung kreiert und ich glaube schon, dass sie ins Ohr gehen. Von den Filmen war „12 Mädchen und ein Mann“ vor allem skifahrerisch eine Herausforderung. Auf einem Ski im Bruchharsch oder mit einem Menschen am Buckel die Hänge hinunterzufahren war nicht ohne.

Sie gelten als Nationalheld und Vorbild eines sauberen und fairen Sports. Welche Botschaft möchten Sie unseren Lesern/innen mitgeben?

Toni Sailer: Erst kürzlich wurde ich in Cortona/Toskana zum Fair Play Ambassador ernannt. Dies ist eine große Ehre und Verpflichtung. Fair play und Sport sollen untrennbar miteinander verbunden sein! Dazu ein Beispiel: Wenn ein Golfspieler aus einem für seinen Mitspieler nicht einsehbaren Graben einen Schlag ausführt und dieser nimmt an, dass der Spieler nun mit 3 Schlägen „liegt“, der jedoch steigt aus dem Graben und sagt er „liege“ mit 5 Schlägen ,da er da unten zwei Mal daneben gehaut hat, so ist das genau das was, ich mit „Fair play“ bezeichne.

Ich verabscheue Doping als Betrug anderen gegenüber. Aber das Verurteilen von oft sehr jungen Sportlern, welche oft gar nicht wissen, auf was sie sich einlassen, ist unfair. Verfolgt und verurteilt gehören die Drahtzieher im Hintergrund.

Zitate:
"Wenn Du etwas Großes gewinnen willst, musst Du auch bereit sein zu verlieren."
"Fairplay und Sport sollen untrennbar miteinander verbunden sein."

Das Interview führte Univ. Doz. Dr. Peter Baumgartl am 07.07.2009 in Kitzbühel.

 

Zur Person

Anton „Toni“ Sailer
(geb. am 17. November 1935 in Kitzbühel, Tirol) ist ein ehemaliger österreichischer Skirennläufer und Schauspieler. In seiner Zweitkarriere wirkte Toni Sailer in zahlreichen Film- und Fernsehproduktionen mit und veröffentlichte als Schlagersänger 18 Schallplattenaufnahmen. Von 1986 bis 2006 war Sailer Rennleiter bei den Hahnenkammrennen in Kitzbühel, fungierte bei diversen internationalen Alpin-Skirennen als Technischer Direktor der FIS und ist zudem Ehrenmitglied verschiedener Sportorganisationen. Im Jahr 1999 wurde er als Österreichs Sportler des Jahrhunderts ausgezeichnet.

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