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Fotos (3):  Nanut/Regal
Den enormen Schmerzen der Patienten, denen Gliedmaßen abgetrennt werden sollten, konnten die Chirurgen lediglich ihre Kraft und ihre Schnelligkeit entgegensetzen. Mitunter brauchten die Amputeure nicht einmal einen OP-Saal, sondern schnitten und sägten gl

Instrumentarium Mitte 19. Jahrhundert.

 
Leben 25. August 2009

„Wegnehmung grosser Glieder“

Die Amputation – einer der ältesten und „erschrecklichsten“ chirurgischen Eingriffe

„Die Wegnehmung grosser Glieder“ war auch „die grausamste und erschrecklichste Operation der Chirurgie“. Dies sagte selbst der im Kriegsdienst erprobte und vermutlich nicht allzu zart besaitete österreichische Chirurg Lorenz Heister (1683–1758). Eine ausreichende Schmerzbetäubung gab es ja nicht, und so hatte er mit seiner Aussage vermutlich recht. Trotzdem ist die Amputation von Gliedmaßen nach der Schädeltrepanation und der Beschneidung der älteste chirurgische Eingriff.

 

Gelegentlich, wohl eher zufällig überlebte krankheitsbedingte oder traumatische Amputationen waren möglicherweise das Vorbild für die später aus medizinischen oder rituellen Gründen durchgeführten Abtrennungen von Gliedmaßen. So gibt es eindeutige Hinweise auf von Menschenhand ausgeführte Amputationen bereits im alten Ägypten und auch bei den Inkas im alten Peru. Sogar auf steinzeitlichen Höhlenmalereien (6000–4000 v. Chr.) fanden Forscher Darstellungen von Fingeramputationen. In einigen frühen Gesellschaften wurden Finger auch als Zeichen der Trauer oder einer Kastenzugehörigkeit amputiert.

Römische Grundlagen

Die erste Beschreibung mit den letztlich auch heute noch gültigen chirurgischen Grundlagen der Amputation verfasste im 1. Jahrhundert n. Chr. Aulus Cornelius Celsus (25 v. Chr. bis 50 n.Chr.): „Wir führen daher mit einem Messer einen Schnitt bis auf den Knochen zwischen dem gesunden und dem kranken Gewebe ... wobei zu achten ist, dass eher ein Stück gesundes Gewebe mit weggeschnitten wird, als dass ein Stück krankes Gewebe stehen bleibt. Wenn wir auf den Knochen stoßen, wird das gesunde Fleisch so weit zurückgezogen, dass ein Stück des Knochens bloßgelegt wird. Dann wird der Knochen unmittelbar neben dem gesunden Fleisch mit einer Säge durchschnitten.“ Weiter beschrieb er bereits die doppelte Ligatur der Gefäße und die Durchschneidung zwischen den Ligaturen.

Verlorenes Know-how

Dieses Wissen ging aber bald wieder verloren und bis ins Mittelalter scheuten sich die Chirurgen, im gesunden, gut durchbluteten Fleisch zu amputieren. Sie durchtrennten die Gliedmaßen dort, wo es durch den „Brand“ bereits keine Durchblutung des Gewebes mehr gab. So vermieden sie zwar schwere Blutungen, den meist tödlich verlaufenden Wundbrand konnten sie aber nicht beherrschen. Später versuchten Chirurgen mit Glüheisen oder ätzenden Arzneimitteln die Blutungen zu stillen.

Die Wende in der Amputationschirurgie brachte erst der französische Feldscher und später gefeierte Chirurg Ambroise Paré (1517–1590). Er verbannte das damals übliche Ausbrennen – Kauterisieren – der Wunde und ersetzte es durch die weit schonendere systematische Unterbindung der Arterien und Venen mit einem Seidenfaden. Da aber für diese Technik viele Fäden und auch gut ausgebildete Helfer nötig waren, setzten sich die Ligaturen erst durch, als Abbindevorrichtungen zur Verfügung standen – Adernpressen oder Tourniquets –, mit denen das aus der Wunde spritzende Blut so lange zum Stillstand gebracht werden konnte, bis der Chirurg bereit war, die Gefäße zu ligieren. Bis ins 19. Jahrhundert waren die am häufigsten vorgenommenen Operationen – abgesehen von Amputationen im Krieg – Amputationen aufgrund von Unfällen oder Infektionen. Wie sie für die Patienten ausgingen, war reine Glückssache. Wegen der postoperativen Infektionen betrug die Sterblichkeit auch bei dieser einfachen Operation bis zu 40 Prozent. Viel zur Weiterentwicklung der Amputationstechnik leistete der Oberstfeldarzt Napoleons, Dominique Larrey (1766–1842). Er führte nicht nur die „fliegenden Ambulanzen“ ein, mit denen Verwundete mit zweispännigen, gut gefederten Wagen aus dem Getümmel der Schlacht herausgeschafft wurden, sondern erkannte auch, dass seine Erfolgsquote bei Amputationen größer war, wenn er direkt auf dem Schlachtfeld, noch bevor eine Infektion der Wunde eingesetzt hatte, amputierte. So soll er in der Schlacht von Borodino in den ersten 24 Stunden im Kugelhagel etwa 200 Amputationen – eine Amputation in sieben Minuten und 12 Sekunden(!) – durchgeführt haben.

In England war es Robert Liston (1794–1847), der, von manchen Kollegen als der „eitelste, gewalttätigste und gröbste“ Chirurg bezeichnet, die Amputationstechnik am weitesten voranbrachte. Er war ein unglaublich kräftiger Mann, und sein Temperament war angeblich so „scharf wie sein Messer“. Wenn er beide Hände zum Abbinden eines Gefäßes benötigte, pflegte er – wie er es bei einem Fleischhauer beobachtet hatte – das Operationsmesser zwischen den Zähnen zu halten, um Zeit zu sparen. Seine Messer waren so konstruiert, dass er mit einem einzigen Rundumschnitt Haut, Sehnen und Muskulatur bis zum Knochen durchtrennen konnte. Die Haut wurde mit der sogenannten „tour de main“-Handbewegung, die Muskeln und das tiefer liegende Gewebe mit der „tour de force“-Kraftbewegung, durchschnitten. Der Chirurg nahm das Messer derart in die Hand, dass er mit einem Mal um das ganze Glied herumschneiden konnte. Liston war es auch, der am 21. Dezember 1846 im University College Hospital in London die erste Amputation „mit dem amerikanischen Zauberkunststück“, der Narkose, durchführte. Bis dahin konnte der Chirurg den grauenhaften Schmerzen beim Schneiden und Sägen ja nur seine Geschwindigkeit entgegensetzen. So galt Liston als „Englands schnellster Mann mit dem Messer.“ Knapp unter gestoppten 30 Sekunden benötigte er üblicherweise vom Beginn des Hautschnittes bis zu dem Zeitpunkt, da das Bein in der Kiste mit dem Sägemehl neben dem Tisch landete.

Gut vorstellbar, dass es – wie böse Zungen behaupteten – bei dieser hohen Geschwindigkeit manchmal auch zu kleinen Hoppalas kam. So konnte es wohl durchaus vorkommen, dass der Patient bei einer Oberschenkelamputation nicht nur sein Bein, sondern auch noch einen Hoden und der chirurgische Assistent drei seiner Finger verlor.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche 35 /2009

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