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Fotos (3):  Nanut/Regal
Die von Auenbrugger ersonnene Perkussion ermöglichte sozusagen den „Blick“ ins Körperinnere, ganz ohne Messer.

Johann Leopold Auenbrugger, Edler von Auenbrugg (1722–1809): Um seine Klopf-Methode zu testen, experimentierte er auch mit Leichen.

Nach der Veröffentlichung 1761 wurde ihre klinische Bedeutung lange völlig unterschätzt.

 
Leben 20. August 2009

Der Widerhall aus der Lunge

Die Geschichte der Pulmologie begann in Wien.

„Klopfkurs“ nennen Medizinstudenten jene Lehrveranstaltung, in der am Beginn der klinischen Semester die physikalische Krankenuntersuchung theoretisch und praktisch vermittelt wird. Und tatsächlich: Auch heute noch ist das „Klopfen“, trotz aller verfügbaren High-Tech-Verfahren, die Grundlage jeder Untersuchung am Krankenbett – oder sollte es zumindest sein.

 

Zahlreiche Präparate verschiedenster Erkrankungen der Atmungsorgane im Pathologisch-anatomischen Bundesmuseum erinnern nicht nur an seltene, heute kaum mehr zu beobachtende Lungenerkrankungen oder an die Tuberkulose-Epidemien, die am Beginn des 20. Jahrhunderts über ganz Europa hinwegfegten, sondern auch daran, dass die Geschichte der Pulmologie – da meist das gesamte System der Atmung betroffen ist, bevorzugen manche Lungenfachärzte heute den Begriff „Pneumologie“ – eigentlich in Wien begann.

Hier entwickelte Johann Leopold Auenbrugger, Edler von Auenbrugg (1722–1809) bereits im 18. Jahrhundert eine Methode, mit der er durch Beklopfen am lebenden Patienten die Lunge untersuchen konnte.

Es war dies tatsächlich erstmals der Versuch, ohne Messer in das Körperinnere zu „schauen“. Bisher begnügten sich die Ärzte ja mit der Beobachtung der Ausscheidungen – Faeces oder Urin – oder von Veränderungen der Haut oder der Atmung ihrer Patienten.

Geklopft, nicht geschüttelt

Dieses „Beklopfen“ der Lunge, die Perkussion, erfand Auenbrugger, Sohn eines Grazer Gastwirtes und Schüler Gérard van Swietens. Auf die Idee habe ihn sein Vater gebracht, der beklopfte seine Fässer im Wirtshauskeller, um den Füllungszustand festzustellen, so die Legende. Inventum novum nannte er seine 1761 bei Trattner in Wien erschienene nur 95 Seiten starke Schrift. Mit ihr wurde er zum Pionier der physikalischen Diagnostik. Obwohl seine damals berühmten akademischen Lehrer in Wien durchaus offen waren für Neuerungen in der Medizin, erkannten interessanterweise weder van Swieten noch Anton de Haën – die Begründer der „Ersten Wiener Medizinischen Schule“ – die immense klinische Bedeutung dieser „Erfindung“. Eine Tatsache, die manche Medizinhistoriker auch heute noch van Swieten und de Haen vorwerfen. Möglicherweise warfen sie die „Perkussion“ Auenbruggers in einen Topf mit der bereits seit Hippokrates bekannten „Succussio Hippocratis“, bei der versucht wurde, durch Schütteln des Patienten an den Schultern Flüssigkeitsansammlungen im Thorax festzustellen.

Im selben Jahr wie Auenbrugger veröffentlichte der italienische Anatom Giovanni Battista Morgagni (1682–1771) sein bahnbrechendes Werk De sedibus et causis morborum per anatomen indagatis. Erstmals verglich hier ein Anatom bestimmte Krankheitssymptome mit pathologischen, organmorphologisch fassbaren Organveränderungen. „Ubi est mors?“ – Dieses Rätsel beschäftigte damals sowohl Morgagni als auch Auenbrugger. Der Anatom Morgagni stellte sich diese Frage am toten Körper, Auenbrugger am Lebenden.

Später verglich und überprüfte er, wenn der Patient verstorben war, seine primär am lebenden Patienten erhobenen Befunde mit der an der Leiche vorgefundenen Organpathologie. Was er am Lebenden durch den veränderten Klopfschall gehört hatte, verglich er mit dem Befund am toten Körper. Experimentell füllte er sogar die Brusthöhle von Leichen mit Flüssigkeit, um zu zeigen, dass die Schalldämpfung beim „Beklopfen“ abhängig ist von der Höhe des Flüssigkeitsspiegels in der Brusthöhle. Auenbrugger beschrieb bereits damals – allerdings mit ein wenig anderen Worten – die auch heute noch üblicherweise so bezeichneten Schallqualitäten, wie etwa den tympanitischen, den gedämpften und den Schenkelschall.

Unverständnis bei van Swieten und de Haën

Höchst enttäuschend war es vermutlich für Auenbrugger, dass weder sein von ihm hochgeschätzter Lehrer van Swieten noch de Haën seine Arbeit würdigten. Mangelndes Verständnis auf Seiten seiner Kollegen, aber auch der Widerstand vieler Patienten, die sich dieses neumodische und lästige Herumfummeln an ihrem Körper nicht gefallen lassen wollten, beendeten vorerst einmal Auenbruggers Untersuchungsmethode zur Erkennung von Erkrankungen der Lunge.

Später Triumph

Erst ein halbes Jahrhundert später bestätigte der Leibarzt Napoleons, Jean Nicolas Corvisart (1775–1821), die von Auenbrugger erhobenen Befunde. Durch sein mit Kommentaren und Ergänzungen strotzendes Werk – aus Auenbruggers schmalen 95 Seiten entstand ein 440 Seiten starkes Buch – wurde die Auenbruggersche Perkussion in die medizinische Ausbildung in Frankreich aufgenommen und etablierte sich relativ rasch – vermutlich nicht zuletzt deshalb, weil Corvisart sie als Leibarzt Napoleons auch an seinem prominenten Patienten praktizierte.

Corvisart würdigte in einer 1808 erschienenen Übersetzung des Inventum novum nicht nur die Verdienste Auenbruggers, sondern erhob sogar die Auenbruggersche Methode zum zentralen diagnostischen Verfahren der Pariser Klinik. Diesen persönlichen Triumph erlebte Augenbrugger noch. Der spätere Doyen der physikalischen Krankenuntersuchung, der Internist Joseph Skoda (1805–1881), der diese Untersuchungsmethode weltweit endgültig zur Basis der medizinischen Diagnostik machte, war zu diesem Zeitpunkt gerade einmal drei Jahre alt.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche 30 /2009

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