zur Navigation zum Inhalt
Fotos (2): Arno und Alice Schmidt
Einfache Landschaftsaufnahme in Schwarz-weiß und im eher ungewöhnlichen quadratischen Format: ein typisches Foto von Arno Schmidt.

Arno Schmidt (1914 – 1979), Autor, Fotograf und passionierter Spaziergänger in seiner Heimat, der Lüneburger Heide.

 
Leben 9. Juli 2009

Lebensbilder, Heideansichten

Neu im Suhrkamp Verlag: SchwarzweißAufnahme.

Er zählt zu den „bedeutendsten Schriftstellern im deutschen Sprachraum nach dem Zweiten Weltkrieg“, so lautet zumindest die Angabe im Internet-Lexikon Wikipedia. Arno Schmidt (1914 – 1979) hat auch leidenschaftlich fotografiert. Nun ist ein neuer Band mit seinen Aufnahmen erschienen.

 

Man blättert das Fotobuch durch und sucht nach dem Besonderen. Doch das ist nicht zu finden, jedenfalls nicht auf Anhieb. Alles gewöhnliche Schwarz-weiß-Aufnahmen, bei keiner wird etwa einmal der Hell-dunkel-Kontrast oder die Schärfentiefe betont. Auch die Motive sind nicht weiter aufregend: Wald und Wiese, Haus und Garten, Verwandte und Bekannte. Was einzig etwas aus dem Rahmen fällt, ist das quadratische Format der Fotos. Aber auch das steht ja gerade für Spannungslosigkeit.

Ein normales Familienalbum, könnte man denken. Aber es ist ein Fotobuch, SchwarzWeißAufnahme betitelt und ist im renommierten Suhrkamp Verlag erschienen. Die Fotos stammen nicht von irgendjemandem, sondern von Arno Schmidt (1914 – 1979), einem der „bedeutendsten Schriftsteller im deutschen Sprachraum nach dem Zweiten Weltkrieg“, so jedenfalls die Angabe im Internet-Lexikon Wikipedia. Um genau zu sein: Die Fotos stammen von ihm und seiner Frau Alice, die sich gerne gegenseitig fotografiert haben. Deshalb enthält der Band auch etliche Porträts von ihnen beiden.

Wenn’s um einen Schriftsteller geht, möchten wir auch immer gerne etwas über sein (Privat-)Leben erfahren. Zwar heißt es, dass ein Kunstwerk für sich selbst steht, unabhängig davon, wer es geschaffen hat. Aber das ist Theorie. Uns Leser interessieren sehr wohl biografische Daten des Autors, und sei es auch nur aus purer Neugier, um mögliche Parallelen zwischen den Lebensumständen und dem Werk ziehen zu können.

In dieser Hinsicht sind Briefe und Tagebucheintragungen – und nicht zuletzt auch Fotos - wertvolles Material. Das gilt aus zwei Gründen insbesondere für Schmidt. Erstens zog er mit seinem eigenwilligen Schreibstil – nahe an der Umgangssprache und sich nicht weiter um die Regeln der deutschen Grammatik scherend – im Verein mit seiner zurückgezogenen Lebensweise in Bargfeld, Niedersachsen, die Interpreten geradewegs an wie das Licht die Mücken, ja, es gibt eine wahre Fangemeinde (inzwischen institutionalisiert in der Arno-Schmidt-Stiftung), die mit bisweilen fast schon inbrünstiger Hingabe die Arbeiten des Meisters zu entschlüsseln sucht. Zweitens stellt sich die Frage, ob der Text-Autor Schmidt bisher vielleicht viel zu wenig als Bild-Autor gewürdigt wurde.

Schmidt hat ein umfangreiches fotografisches Werk hinterlassen, mit 2.500 Farb- und 1.000 Schwarz-weiß-Dias. Seine Farbbilder wurden bereits 2003 veröffentlicht, in dem Band Vier mal vier – Fotografien aus Bargfeld“. Nun folgt dieser Band mit Schwarz-weiß-Fotos nach, die in der Zeit von 1950 bis 1978 gemacht wurden. Herausgeber ist in beiden Fällen Janos Frecot, Fotohistoriker und Archivar der Arno-Schmidt-Gesellschaft.

Wir haben es bereits am Anfang gesagt: Die Fotos von Schmidt zeichnet keine zumindest auf den ersten Blick erkennbare Qualität aus. Also das Werk eines normalen „Knipsers“? Oder sollte der unspektakuläre Gestus gerade Absicht und Programm sein? Schmidt lebte seit 1958 in der Lüneburger Heide, einer Landschaft, die für ihre Eintönigkeit bekannt ist. Er liebte diese Gegend – liebte er es auch, unspektakuläre Fotos zu machen? Wir wissen, dass Schmidt die Fotografie als ein Hilfsmittel verstand, im Sinne einer Erinnerungsstütze. Er hielt mit seiner Kamera – kurz nach seiner ersten Buchveröffentlichung, Leviathan (1949), kaufte er sich die Rollfilmkamera Bonafix, und zu seinem 50. Geburtstag bekam er von dem jungen Dichterkollegen Hans Wollschläger eine Yashica 44 geschenkt – Situationen, Landschaften, Tiere fest, um Bildvorlagen zu haben, die ihm bei der schriftstellerischen Arbeit eine große Hilfe waren. Gegenüber dem Finanzamt machte Schmidt die Kamera als Arbeitsmittel, als unabdingbares Handwerkszeug geltend, so wie Stift, Papier und Schreibmaschine. Er schrieb: „Außerdem musste ich als Gedächtnishilfe, (und weil dem menschlichen Auge und Gedächtnis eben doch so manches Detail entgeht), eine Anzahl Farbdias herstellen… und ferner musste ich dafür eine bestimmte Wacholderscenerie bei verschiedenen Beleuchtungen erleben und fixieren.“

Eine Art Skizzenbuch

Die Fotografie als eine Art Skizzenbuch: Diesen Sinn erfüllt sie übrigens auch für Gerhard Roth, wie der Grazer Autor im Vorwort seines erst vor kurzem erschienen Fotobandes „Alphabet der Zeit“ schreibt. Er verstehe sich, betont er, nicht als Fotokünstler. Mag er seine Aufnahmen auch ohne größere Ambitionen machen, so gelingen ihm trotzdem– oder gerade deswegen – Bilder von großer Intensität, Bilder, die der Verleger auch für wert befand, in einem opulenten Fotoband zu veröffentlichen.

Liegt die Qualität von Schmidts Fotos also vielleicht in seiner scheinbaren Beiläufigkeit? Steckt mehr dahinter, als wir im ersten Moment vermuten möchten? Ja, sagt Frecot. Vor allem bei den nach 1960 gemachten Fotos sei der Wille zur Komposition erkennbar: „Sie beziehen ihre faszinierende Wirkung aus der unendlichen Skala von Grautönen … und der Ausgewogenheit der bildnerischen Mittel von malerischer Fläche und grafischem Lineament.“ Spricht da der nüchterne Fotohistoriker oder der Verehrer von Schmidts Werk?

Fotos von leeren Schwimmbädern

Besonders hebt Frecot jene Aufnahmen hervor, auf denen der fotografierende Schmidt mit seinem eigenen Schatten zu sehen ist, ein Motiv, das sich auch bei Heinrich Zille und Lee Friedlander findet. Es bleibt allerdings die Frage: Hat Schmidt hier bewusst eine Tradition fortgesetzt? Oder war das Spiel mit dem Schatten seine eigene Idee? Oder ist ihm das mehr oder weniger „passiert“, weil er im Augenblick der Aufnahme die Sonne im Rücken hatte? Es gibt darauf keine sichere Antwort.

In einer Hinsicht sind die Fotos aber zweifellos wertvoll: als Dokumente von Schmidt und seinem Lebensumfeld, vor allem, weil auf ihnen auch die Vor-Bargfeld-Zeit und die wenigen Ausflüge der Schmidts festgehalten sind.

Schmidt soll geradezu obsessiv leere Freibäder fotografiert haben. Solche Aufnahmen finden sich allerdings weder in dem einen noch in dem anderen Buch – die wären in der Tat eine Veröffentlichung wert!

Von Mag. Wenzel Müller , Ärzte Woche 27 /2009

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben