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Jens Petersen, Neurologe in Ausbildung und 33. Ingeborg-Bachmann Preisträger
 
Leben 1. Juli 2009

Sterbehilfe als letzter Liebesdienst

Was haben Anton Tschechow, Alfred Döblin, Gottfried Benn und Arthur Schnitzler gemeinsam? Sie alle waren Arzt und Autor. Das ist auch Jens Petersen, der beim 33. Ingeborg-Bachmann-Wettlesen in Klagenfurt den ersten Preis gewonnen hat.

Medizin und Literatur

Die eine, sagte Anton Tschechow (1860-1904), sei seine Ehefrau, die andere seine Geliebte. Ginge die eine ihm auf die Nerven, nächtige er bei der anderen. Das sei vielleicht unanständig, doch so würde ihm zumindest nie langweilig.Tschechow war ein aufopferungsvoller Arzt, der unentgeltlich die behandelte, die kein Geld hatten. Mehrere Jahre verbrachte er auch auf der Gefangeneninsel Sachalin, der Einöde schlechthin. Er kannte die harte und raue Seite des Lebens – und trotzdem (oder deshalb?) schrieb er die schönsten und zugleich berührendsten Komödien, die das Theater kennt. Die Kunst war für Tschechow ein willkommener Freiraum.

Bei Arthur Schnitzler (1862-1931) lagen Medizin und Literatur nicht so weit auseinander wie bei seinem russischen Kollegen. Lotete der Wiener Autor doch in seinen Theaterstücken und Erzählungen die Tiefe der Seele aus, und das so kenntnisreich, dass kein Geringerer als Sigmund Freud sagen sollte, dass seine Theorie der Psychoanalyse bereits bei ihm, Schnitzler, vorweggenommen sei.

"Bis dass der Tod"

Auch bei Jens Petersen, dem Preisträger des 33. Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs, ist ein Naheverhältnis zwischen beiden Professionen festzustellen. Der deutsche Mediziner, 1976 in Pinneberg bei Hamburg geboren und derzeit in Ausbildung zum Neurologen an der Universitätsklinik Zürich, präsentierte bei den Klagenfurter Tagen der deutschsprachigen Literatur einen Ausschnitt aus seinem Roman „Bis dass der Tod“.

Darin geht es ums Sterben, um die totkranke Anna, die den Speichel nicht mehr halten und sich nur noch  über Blinzeln und Nicken verständigen kann. Welche Krankheit sie hat, das erfahren wir in diesem Ausschnitt nicht, auch nicht, wie ihr Vorleben war. Umso besser lernen wir Alex kennen, ihren Freund. Mit Anna macht er eine Autofahrt, ihre letzte gemeinsame. Er hat sich entschlossen, Anna den größten und letzten Liebesdienst zu erweisen: sie zu töten. Und das macht er denn auch. Er leistet Sterbehilfe. Ob er sich anschließend auch selber umbringt, wie er es sich vorgenommen hat, bleibt ungewiss – und wahrscheinlich erst dem Roman zu entnehmen, der erst zu Ende geschrieben und veröffentlicht werden muss.

Kein Unbekannter - "Beklemmt und klaustrophobisch berührt"

Einen Verlag zu finden, dürfte für Petersen keine Schwierigkeit sein. Sein bislang einziger Roman, „Die Haushälterin“, der vor vier Jahren erschienen ist, war schon ein großer Erfolg und wurde mit dem Aspekte-Literaturpreis, dem Bayrischen Kunstförderpreis, dem Kranichsteiner Literaturförderpreis und dem Evangelischen Buchpreis ausgezeichnet.

Die Jury in Klagenfurt zeigte sich von dem ganz im Präsenz gehaltenen Textausschnitt beeindruckt – teils spürte sie sich auch beklemmt und klaustrophobisch berührt. Die moderne Technik macht es möglich: Im Internet können wir uns die Lesung des Autors und die anschließende Diskussion auf der offiziellen Wettbewerbsseite noch einmal zu Gemüte führen. Und auch das Video ansehen, das die Person Petersen vorstellt.  

In der Medizin wird die Kreativität unterdrückt

Wir sehen Petersen erst bei der Arbeit im Universitätsspital Zürich. Und dann mit seinem offenen Saab aufs Land fahren, in die Abgeschiedenheit. Zum Schreiben braucht er nämlich Abstand von seinem normalen Alltagsleben. In der Medizin, sagt Petersen, wird die Kreativität unterdrückt und ist Konformismus gefragt. In der Literatur gebe es dagegen überhaupt keine vorgegebenen Strukturen. Ein bisschen mehr Freiheit in der Medizin und ein bisschen mehr Vorgabe in der Literatur, das wäre ideal, meint der Autor.

Mag. Wenzel Müller , Ärzte Woche 28/2009

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