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Fotos (2): Mag. Wenzel Müller
Was ist das nur? Diese Frage lässt die Museumsbesucher im München ganz nah an das Kunstwerk herantreten, an die serielle Installation von Damien Hirst.
 
Leben 27. Juni 2009

Überdimensionierter Apothekenschrank

Museum Brandhorst: Kunst-Installation mit 26.000 Medikamenten.

Außen farbenfroh, innen gediegen und geradezu wohnlich: So präsentiert sich das neue Museum Brandhorst in München. Es zeigt Moderne Kunst, unter anderem auch das Werk von Daniel Hirst mit dem langen Titel „In this terrible moment we are victims clinging helplessly to an environment that refuses to acknowledge the soul“.

 

Am Boden eine schwarze Markierung. Sie soll verhindern, dass Museumsbesucher dem Kunstwerk zu nahe kommen. Eine notwendige Einrichtung, denn immer wieder sieht man Menschen, die sich so weit vorbeugen, dass sie im nächsten Augenblick mit der Nase gegen das Ausstellungsstück zu stoßen drohen.

Was ist das nur? Diese Frage lässt die Museumsbesucher näher herantreten. Dabei ist das Objekt ihres Interesses überhaupt nicht klein, ganz im Gegenteil, es ist sogar ausgesprochen groß, füllt fast die gesamte Breite der Wandfläche aus. Doch aus der Entfernung nimmt man nur einen spiegelnden Glaskasten wahr, mit einigen Farbtupfern hier und da. Tritt man näher heran oder eben ganz nahe, so erkennt man, dass der Glaskasten von unzähligen Pillen und Medikamenten gefüllt ist. Um ganz genau zu sein: von nicht weniger als 26.000 Stück. Es sind braune, schwarze, rote, grüne Pillen – Pillen in allen Farben. Und in allen Formen. Eine serielle Installation vor spiegelndem Hintergrund. Das Kunstobjekt: eine Art überdimensionierter Apothekenschrank.

Damien Hirst hat 2002 dieses Werk mit dem langen Titel „In this terrible moment we are victims clinging helplessly to an environment that refuses to acknowledge the soul“ (Übersetzt heißt das in etwa: „In diesem schrecklichen Moment sind wir Opfer, die sich hilflos an eine Umgebung klammern, die sich weigert, die Seele anzuerkennen“) geschaffen. Ausgestellt ist es im neu errichteten Museum Brandhorst im Zentrum von München.

Young British Artist

Dieses Museum, gleich neben der Pinakothek der Moderne gelegen, beherbergt Moderne Kunst aus der Privatsammlung von Udo Brandhorst, dem Witwer der Henkel-Erbin Annette Brandhorst. Innen wirkt das Haus gediegen und edel, ja geradezu wohnlich, außen bunt und schrill – es ist mit unzähligen farbigen Keramiklamellen bestückt.

Hirst wurde 1965 in Bristol geboren und gehört zur Gruppe der Young British Artists. „Kaum ein anderer Gegenwartskünstler genießt so viel internationale Aufmerksamkeit“, schreibt das Museum, und diese Aufmerksamkeit erlangt der Künstler immer wieder dadurch, dass er in seinen Werken offensiv Stellung nimmt zu gesellschaftlichen Problemen.

In dieser Installation präsentiert er Medikamente und Pillen wie geweihte Hostien, Hirst möchte damit zum Ausdruck bringen, dass die Medizin in unserer Zeit die Rolle übernommen hat, die über Jahrhunderte die Kirche innehatte: als Verheißer ewiger Glückseligkeit. Als Retter unserer Seelen.

Natürlich kann die Medizin dieses Versprechen niemals erfüllen, wie wir wissen. Allen Fortschritten zum Trotz – das Leben ist endlich und wird auch nie frei von Schmerzen sein. Wir dürfen uns nicht beirren lassen, sagt Hirst.

 

Museum Brandhorst, Kunstareal München, Theresienstraße 35a.

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 26 /2009

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