zur Navigation zum Inhalt
 
Gesundheitspolitik 15. Februar 2008

Blickdiagnose: Selbstbehalte

Bereits heute werden 30 Prozent aller Gesundheitsdienstleistungen von den Österreicherinnen und Österreichern privat finanziert. Im internationalen Vergleich ist dieser Anteil sehr hoch. Weitere Selbstbehalte, wie so oft gefordert, sind gesundheitspolitisch bedenklich. Sie treffen nämlich primär diejenigen, die am meisten Unterstützung brauchen. Dennoch wird in der laufenden Debatte um eine dringend benötigte Reform des Gesundheitssystems und angesichts der maroden Situation der Krankenkassen der Ruf nach mehr Selbstbehalten wieder laut werden.

Mehr als jeder zehnte in Österreich erwirtschaftete Euro, nämlich genau 10,2 Prozent des BIP, wird für Gesundheit ausgegeben. Das ist deutlich mehr als im OECD-Schnitt, der nur neun Prozent beträgt. Bei den Pro-Kopf-Ausgaben liegt Österreich im Gesundheitswesen mit 2.540 Euro nach den USA, Luxemburg, Norwegen und der Schweiz an fünfter Stelle. Und etwa 30 Prozent der jährlich gut 25 Milliarden Euro, die in Österreich in die Gesundheit fließen, werden privat finanziert. Das sind immerhin 7,5 Milliarden Euro.

Der Anteil von 30 Prozent setzt sich so zusammen: 13,5 Prozent sind indirekte Selbstbehalte, Ausgaben für Leistungen wie Reiseimpfungen, Sehbehelfe, Zahnspangen oder Homöopathie, die nicht von Krankenversicherungen bezahlt werden. 7,6 Prozent sind direkte Selbstbehalte, Kostenbeteiligungen wie Rezeptgebühren und Kuren. Hier zahlen Kassen nur einen Teil. Für private Zusatzversicherungen werden 2,4 Prozent ausgegeben. Der Rest fließt in Bereiche wie Wellness oder Alternativmedizin.
Damit liegt Österreich im internationalen Spitzenfeld. Und nicht alle seiner Bürger können sich das leisten, viele müssen auf privat zu bezahlende Leistungen verzichten.
Dennoch wurden und werden in der Diskussion um die nötige Gesundheitsreform immer wieder Rufe nach weiteren Selbstbehalten laut. Vorwiegend als Steuerungsinstrument. Selbst der Rechnungshof hat in seinem jüngsten Bericht über die finanzmarode Wiener Gebietskrankenkasse dieser vorgeschlagen, ihre Leistungsbilanz mit mehr Selbstbehalten aus den roten Zahlen zu steuern.
Nur wenige Monate zuvor, Ende Juni 2007, kam eine WHO-Studie zu dem Ergebnis, dass weltweit 150 Millionen Menschen jährlich verarmen, weil sie krank werden und die Kosten für ihre Behandlung nicht mehr zahlen können. Zwar lebt das Gros dieser Menschen in Entwicklungsländern, doch auch in den USA, der Schweiz, Spanien und Portugal sei das Phänomen zu beobachten. In der reichen Schweiz kommt pro Jahr eine von 200 Familien durch Krankheit in finanzielle Not. Das System dort ist nämlich so ausgelegt, dass alle gleich viel bezahlen – unabhängig vom Einkommen. Soziale Ungleichheiten werden durch Staatszuschüsse behoben, doch diese reichen oft nicht.
Länder, in denen die Bürger für einen Großteil der Gesundheitskosten selbst aufkommen müssen, riskieren, dass ihre Bürger verarmen, schreibt die WHO. In Österreich bezahlen die Bürger schon rund 30 Prozent der Gesundheitsausgaben aus der eigenen Tasche. Zahlen über die Verarmung der Österreicher durch Gesundheitskosten liegen keine vor. Betroffen sind meist alte Menschen und Alleinerzieherinnen mit Kindern.
Studien zeigen, dass Selbstbehalte nur dann eine Wirkung zeigen, wenn sie in Relation zum Einkommen spürbar sind. Damit wirken sie aber gerade für einkommensschwache Personen als Zugangsbarriere zum Gesundheitssystem. Daraus resultiert eine Abnahme der Frequenz von Arztbesuchen und in Folge eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes der Betroffenen und dadurch wiederum eine noch stärkere wirtschaftliche Isolation und soziale Ausgrenzung.
Aus diesen Gründen mögen Selbstbehalte vielleicht kurzfristig das Gesundheitssystem finanziell entlasten, langfristig kommen dadurch aber noch weit höhere Kosten auf das System zu.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben