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Gesundheitspolitik 15. Oktober 2008

Die Gesundheitswelt rückt näher zusammen (Globale Hilfe 1)

Die Europäische Union strebt eine Öffnung des Gesundheitsmarkts an. In einzelnen Regionen arbeiten Kliniken bereits grenzüberschreitend zusammen. Und Österreichs Top-Kliniken buhlen mit Spitälern in anderen Ländern um reiche Patienten aus Russland, Asien und dem arabischen Raum. Die Mobilität der Patienten nimmt zu. Doch nicht nur ihre, sondern auch die der Gesundheitsarbeiter.

„Im Süden Österreichs gibt es drei tertiäre medizinische Zentren im Umkreis von zwei Autostunden – in Graz, Triest und Laibach. Ich habe die Vision, dass solche Zentren in einem auch im Gesundheitsbereich vereinten Europa zusammenarbeiten. Sie könnten sich spezialisieren, Schwerpunkte bilden und Patienten austauschen“, sagt der aus Tirol stammende Weltbank-Gesundheitsexperte und gelernte Mediziner Dr. Armin Fidler MPH. Damit könnten die Versorgung verbessert und Kosten gespart werden, überlegte er bei den Alpbacher Gesundheitsgesprächen.

Pilotprojekt in Niederösterreich

In Niederösterreich nimmt diese Vision bereits erste Gestalt an. Vor wenigen Tagen präsentierten in der südböhmischen Stadt Budweis Landeshauptmann Erwin Pröll und Südböhmens Kreishauptmann Jan Zahradnik ein grenzüberschreitendes Gesundheitszentrum. Basis für das Projekt „Healthacross“ ist die geteilte Stadt Gmünd/Ceské Velenice. Auf tschechischer Seite ist vor allem die Notfallversorgung problematisch – der nächste Notarztwagen ist im 35 Kilometer entfernten Trebon stationiert, das nächste Spital 60 Kilometer weiter in Budweis. Tschechische Patienten sollen in Hinkunft das 185 Betten zählende Nö-Landesklinikum in Gmünd nutzen können. Umgekehrt ist eine neue Dialysestation in Jindrichuv Hradec (Neuhaus) für die Waldviertler leicht erreichbar, weiters gibt es in Südböhmen Kur- und Rehabilitationseinrichtungen. Derzeit werden zollrechtliche und allgemeinrechtliche sowie Kostenfragen geklärt, bis 2010 soll „Healthacross“ umgesetzt werden.
Die Böhmen und Niederösterreicher sind mit ihren Ideen für eine grenzüberschreitende Versorgung nicht allein. Die EU-Kommission hat erst vor kurzem einen Entwurf für eine neue Richtlinie vorgelegt, um den europäischen Gesundheitsmarkt zu öffnen. Patienten, die sich jenseits der eigenen Staatsgrenze behandeln lassen wollen, sollen rechtlich abgesichert werden. Im Bereich der Kostenerstattung soll sich die Höhe an den Kosten für dieselbe Behandlung im Herkunftsland orientieren. Beträge, die darüber hinausgehen, zahlen die Versicherten. Die Ärztekammer und der Hauptverband der Sozialversicherungsträger haben allerdings vor finanziellen Belastungen für Österreich gewarnt. Nicht zuletzt deshalb, weil Österreich als das EU-Land mit dem besten Gesundheitssystem gelte. Auch andere EU-Staaten fürchten, dass ein erhöhter Patientenzustrom das eigene Gesundheitssystem überfordern könnte.
Eine kommissionsinterne Analyse ergab, dass sich im Zuge der Liberalisierung des EU-Gesundheitsmarkts pro Jahr voraussichtlich rund 780.000 Versicherte mehr als bisher im Ausland behandeln lassen werden. „Normalerweise lassen sich die Menschen am liebsten von einem Arzt in ihrer Nähe behandeln. Es gibt aber Fälle, in denen eine Versorgung in einem anderen Land sinnvoll oder erforderlich ist“, sagte der ehemalige EU-Gesundheitskommissar Markos Kyprianou. Dies gelte vor allem für EU-Bürger, die in ihrer Heimat aufgrund hoher Zuzahlungen oder langer Wartelisten keine angemessene Versorgung erhalten.
In Großbritannien etwa stiegen die Ausgaben für Arztbesuche jenseits der Grenze von rund 676 Millionen Euro im Jahr 2005 auf rund 955 Millionen Euro im Jahr darauf. Einige Staaten haben sogar Programme aufgelegt, um Patienten den Weg ins Ausland zu ebnen. 2001 stellte zum Beispiel Norwegen eine Milliarde Kronen (entspricht etwa 121,066 Millionen Euro) für den Verkauf von Gesundheitsdienstleistungen bereit, um die Wartelisten zu verkürzen. Für Österreich nicht nur vorteilhaft: Im Jahr 2004 – so die letzten verfügbaren Daten – verursachten EU-Gastpatienten im österreichischen Spitalsbereich Verluste in der Höhe von 32,2 Millionen Euro, vor allem, weil das Geld nicht korrekt abgerechnet werden konnte.

Ärzte werden mobiler

Parallel zu diesen Entwicklungen wächst die Mobilität der Gesundheitsanbieter. So überlegt die EU die Niederlassungsmöglichkeiten zu lockern, gleichzeitig versucht etwa Deutschland verstärkt im Ausland – vor allem in Österreich – Ärzte abzuwerben. Der freiere Zugang zu Österreichs Medizinuniversitäten hat zu größerem Andrang deutscher Medizinstudenten geführt. Heimische Ärzte, die im Ausland sind, begrüßen aber Öffnungen. Im Gespräch der Ärzte Woche mit Ärzten in den USA, England, der Schweiz, Ungarn und anderen Ländern drücken alle ihre Unterstützung für ein Zusammenrücken der Gesundheitswelt aus. Die Erzählungen dieser Auslandsärzte sind ab kommender Woche in dieser Serie zu lesen.

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