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Gesundheitspolitik 15. Oktober 2008

Die Schweiz: Benachbart und doch so wesensfremd (Globale Hilfe 2)

Dr. Thomas Wolber pendelt zwischen zwei Welten – zumindest zwischen zwei Gesundheitswelten. Der 1967 geborene Kardiologe arbeitet zweimal pro Woche in Österreich und dreimal in der Schweiz: als niedergelassener Wahlarzt für Herzerkrankungen in Götzis, Vorarlberg, und als Forscher und Oberarzt für Elektrophysiologie und Herzrhythmusstörungen am Universitätsspital in Zürich.

„Selbst wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht, so sind die Gesundheitssysteme in beiden Ländern grundsätzlich verschieden“, erklärt Wolber. Das seiner Meinung nach effizientere und fairere sei in der Schweiz zu finden.
Die derzeitigen Ansätze einer Gesundheitsreform in Österreich sind für Wolber wenig Erfolg versprechend: „In den laufenden Reformbestrebungen stecken derart viel kontraproduktive politische und wirtschaftliche Interessen, dass Österreich genau auf diesem ineffizienten Weg wohl so lange weitergehen wird, bis das Gesundheitssystem endgültig zusammenbricht.“ Als besonderes Problem sieht Wolber, dass der österreichische Staat, im Gegensatz zur Schweiz, selbst als quasimonopolistischer Anbieter von Krankenversicherungsleistungen auftritt.

Bessere Ausbildung reizte

Aufgewachsen und maturiert in Vorarlberg, begann der Mediziner seine Erfahrungen mit dem helvetischen Gesundheitswesen schon bald nach seinem Studium an der Universität Wien zu sammeln. Da ihm Kollegen beschieden hätten, dass Ausbildung und Karrierechancen in der benachbarten Schweiz deutlich besser seien, sei Wolber nach der Turnusausbildung im Krankenhaus Feldkirch über die Grenze gegangen – in ein kleines Spital in Altstätten, ins Kantonsspital St. Gallen, an die Universitätsklinik Bern und schließlich an das Universitätsspital Zürich.
In der Schweiz sei das Ausbildungssystem sehr strukturiert und gut organisiert. Für die Auszubildenden seien verpflichtende Wechsel zwischen Basisspitälern und Spezialkliniken vorgesehen, erzählt Wolber: „In Österreich hingegen sind die Spitäler auf einen häufigeren Wechsel der Ärzte nicht eingestellt. Da gibt es kaum Flexibilität.“ Oft werde die Facharztausbildung in dem Spital abgeschlossen, in dem sie begonnen wurde.
„Frühzeitige Karriereplanung hat in der Schweiz einen hohen Stellenwert. Weit verbreitet ist eine Art Mentorensystem“, erklärt Wolber: „Universitätsprofessoren, Leitende Ärzte und Assistenzärzte setzen sich zusammen und diskutieren die Karrieremöglichkeiten der Jungen, die von den Älteren gefördert werden.“ Für Jungärzte, die eine universitäre Karriere anstreben, bezahle der Staat Forschungsaufenthalte an entsprechenden Spitzeneinrichtungen im Ausland. Bei Jungfamilien würden meist auch die Kosten für Partner und Kinder übernommen.
Freilich koste das enorm viel Geld, doch rechne es sich, da Schweizer Ärzte derart eine weltweit respektierte Qualifikation erhielten. Und da auch die Bezahlung der Mediziner angemessen sei, gebe es keinen Brain-Drain, keine Abwanderung der Besten ins Ausland, sondern im Gegenteil, fast alle Spezialisten kämen gerne wieder in die Schweiz zurück. Weshalb auch die Bevölkerung mit den ärztlichen Leistung sehr zufrieden sei. Und nicht nur mit dieser.
„In der Schweiz schafft der Staat nur das Regelwerk für das Gesundheitswesen, er schreibt die Basisversorgung vor, dann zieht er sich zurück. Die Versicherungen sind privatwirtschaftliche Unternehmen, es gibt eine Versicherungspflicht und keine Pflichtversicherung“, erklärt der Herzspezialist. Allerdings gebe es in diesem System keine Mitversicherung für Familienangehörige wie in Österreich, hier sei für jedes Familienmitglied eigens zu bezahlen. Aufgrund der generell höheren Einkommen in der Schweiz belaste dies die Familien aber nicht mehr als in Österreich. Sozial Schwache erhielten zusätzliche staatliche Unterstützung. Alles in allem, rechnet Wolber vor, seien die Gesundheitsausgaben gemessen am Bruttoinlandsprodukt in der Schweiz mit 11,3 Prozent nur leicht höher als in Österreich mit 10,1 Prozent.

Keine Zwei-Klassen-Medizin

Dafür bekämen die Schweizer mehr geboten für ihr Geld: Sie könnten sich jene Gesundheitsversicherung aussuchen, die individuell am besten passe. Und aufgrund angemessener Honorierung der staatlich festgelegten medizinischen Grundleistungen hätten Ärzte deutlich mehr Zeit für ihre Patienten. Durch die höhere Ärztedichte gebe es für Patienten kaum Wartezeiten. „In Österreich warten sie auf einen Termin bei einem Facharzt mit Kassenvertrag bis zu einem halben Jahr. Es sei denn, sie sind zusatzversichert“, kritisiert Wolber, „diese Zwei-Klassen-Medizin gibt es in der Schweiz nicht.“
Dennoch schaue man natürlich auch in der helevetischen Föderation auf das Geld. So bezahlten etwa die Krankenkassen lediglich Generika, sobald diese mehr als 15 Prozent günstiger seien als die Originalpräparate. Wolle der Patient das Originalpräparat, müsse er den Differenzbetrag selbst bezahlen. Ein System, das Wolber für wesentlich effizienter hält als das komplizierte österreichische Boxensystem samt Chefarztpflicht und teurem Kontrollapparat. In Österreich gebe es generell keine Kostentransparenz und die unterschiedliche Finanzierung des Gesundheitssystems durch Kassen, Bund und Länder verhindere eine Prozessoptimierung. Zöge sich der Staat auf seine gesetzgeberischen Aufgaben zurück, gebe es weniger politische Interessenskonflikte, und könnte sich Österreich „mit dem gleichen Geld ein wesentlich besseres System aufbauen“. Daneben müsste sich aber auch in den Köpfen der Menschen, die im Gesundheitssystem arbeiten, etliches ändern, so der Kardiologe: „In den Schweizerischen Spitälern gibt es flachere Hierarchien und weniger Selbstherrlichkeit. Es herrscht eine offene Fehlerkultur. Fehler werden nicht als persönliches Versagen betrachtet, sondern als Schwächen im System. Anonyme Fehlererfassungssysteme sind schon seit Jahren weit verbreitet und erlauben Verbesserungen ohne Schuldzuweisungen.“

Wurzeln, die festhalten

Bei all der Euphorie für das benachbarte System drängt sich freilich die Frage auf, warum Wolber überhaupt noch in Österreich lebt und praktiziert. „Das ist leicht erklärt“, antwortete der 41-Jährige, „meine Familie, meine Frau und meine drei Kinder, leben hier in Vorarlberg und meine Wurzeln sind hier. Das will ich nicht aufgeben.“
Seinen jüngeren Kollegen rät der Herzrhythmusexperte, ein paar Jahre ins Ausland zu gehen. Von dieser Erfahrung profitiere man.

 Das Gesundheitssystem in nüchternen Zahlen betrachtet

In der nächsten Ausgabe: Als österreichischer Arzt in den USA.

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