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Gesundheitspolitik 15. Oktober 2008

Ungarn: Ein System, das auch an Reformen bastelt (Globale Hilfe 3)

Dr. Armin Farid lebt gerne in Ungarn. Der österreichische Zahnmediziner hat auch nicht vor, wieder in seine Heimat zurückzukehren. „Ich habe mir hier gemeinsam mit meiner Frau eine Existenz aufgebaut, lebe sehr gut, und außerdem ist Budapest eine wunderschöne Stadt.“

Als Sohn zweier aus dem Iran stammender Eltern 1969 in Wien geboren und in Ried im Innkreis aufgewachsen und maturiert, zog es Farid schon zum Studium nach Budapest, an die deutsche Sektion der Semmelweis-Universität. „Das war noch zu einer Zeit, als man in Österreich das gesamte Medizinstudium brauchte, danach auf eine Warteliste gesetzt wurde, um dann irgendwann seine Ausbildung zum Zahnmediziner machen zu dürfen“, erinnert sich der heute 39-Jährige. „Das war für mich zu uninteressant, dauerte viel zu lange, und außerdem hatte ich damals gehört, dass die zahnmedizinische Ausbildung in Ugarn um etliches besser sei als in Österreich.“ Was sich bewahrheitet habe.

Sehr starker Praxisbezug

An der Semmelweis-Universität unterrichtete man damals bereits nach dem Heidelberger System: fünf Jahre Zahnmedizinstudium mit einem enormen Praxisbezug. „Als meine Kollegen in Wien noch für Zahnärzte sinnlose Theorie büffelten, arbeitete ich schon an Patienten“, sagt Farid. Heute führt er in Budapest eine eigene Praxis, in der seine Frau Parvaneh, die aus dem Iran stammt, als Allgemeinmedizinerin die Patienten gleich auch homöopathisch behandelt.
Weiters ist Armin Farid als Gerichtsgutachter tätig. Seine Ausbildung zum forensischen Zahnmediziner hat er in Ungarn und den USA absolviert. Eine Spezialisierung, die in Europa sehr selten ist. In Ungarn hat der Sachverständige dann ein „Disaster Victim Identification“-, ein DVI-Team mitgegründet, das nach Katastrophen wie Flugzeugabstürzen, Tsunamis, Erdbeben oder Terroranschlägen die Identifikation der Opfer anhand der Zähne durchführt. Daneben unterrichtet der umtriebige Arzt an der deutschen Sektion der Semmelweis-Universität.
„Mangels Studenten soll dort aber die zahnmedizinische Abteilung bald geschlossen werden“, bedauert Farid. Wenngleich die Ausbildung nach wie vor ein sehr hohes Niveau habe. Aber in Ungarn sei das gesamte Gesundheitswesen langsam am Zusammenbrechen. Das beginne bei den Ärzten, die trotz ausgezeichneter Qualifikation fast nichts verdienten und mangels Ärztestellen zusehends arbeitslos würden. Die Folge sei eine derzeit starke Abwanderung von Fachkräften, bevorzugt nach England. „Die Prognosen gehen davon aus, dass Ungarn bald Ärzte aus der Ukraine und Rumänien holen muss.“
Und bei den verbleibenden Spitalsärzten entspreche es einer langen Tradition, dass sie von ihren Patienten ein „Taschengeld“ bekämen, wenn diese eine schnellere oder bessere Behandlung als den Standard wünschten. „Aufgrund der äußerst schlechten Bezahlung von Ärzten in öffentlichen Spitälern und auch von Niedergelassenen mit einem Kassenvertrag bringen sie nicht allzu viel Motivation auf“, beklagt Farid.
In Ungarn bestehe ähnlich wie in Österreich ein System der Pflichtversicherung, allerings gäbe es in dem Land nicht derart viele Krankenkassen, sondern lediglich die nationale Krankenversicherung, bei der jede und jeder versichert sei und die – abgesehen von der Zahnmedizin – auch alles bezahle. Allein: „Viele Spitäler sind in einem fragwürdigen Zustand, und auch wenn man darin zusammengeflickt wird, stellt sich die Frage, in welchem Zustand man nachher ist.“ Dem Staat fehle das Geld.
Die Regierung plane schon seit Jahren tiefgreifende Reformen im Gesundheitssystem, doch diese würden kaum umgesetzt, im Gegenteil: „Die letzte Regierungskoalition ist daran zerbrochen.“ Alles, was umgesetzt werde, seien kleine kosmetische Systemoperationen, erklärt Farid: „Um Geld aufzustellen und das Trinkgeldwesen abzustellen, haben sie vor kurzem eine allgemeine Visitengebühr von 300 Forint, das sind etwa 1,5 Euro, eingeführt. Der Widerstand war gewaltig, viele Pensionisten, die oft bis zu viermal in der Woche zum Arzt müssen, konnten sich das nicht leisten. Also wurde dieser Reformschritt, den ich persönlich begrüßt habe, nach sechs Monaten wieder rückgängig gemacht“, sagt der Zahnmediziner.

Laufende Verschlechterung

In Ungarn ändere sich am Gesundheitssystem immer wieder etwas, vieles würde dann wieder gekippt und jede Regierung habe neue Ideen. In Summe aber gehe nichts voran und alles verschlechtere sich zunehmend. Dies sei auch der Grund, warum immer mehr Privatkrankenhäuser mit Luxusambiente entstünden. Diese behandelten ausländische Patienten, die entweder selbst bezahlten oder aber deren Krankenversicherungen die Kosten übernähmen. „Schließlich müssen die ungarischen Ärzte auch von etwas leben.“
„Die Zahnmedizin“, schildert Armin Farid, „ist bereits zu 90 Prozent privat.“ Er selbst habe auch keinen Kassenvertrag. Zwar sei die ungarische Zahnmedizin in weiten Teilen besser als in anderen europäischen Ländern, dennoch zögen die Zahnärztekammern in diesen Ländern nach wie vor mit Falschmeldungen gegen die ungarischen Zahnärzte zu Felde und versuchten, Patienten von einer dentalen Budapestreise abzuhalten. Die Kollegen außerhalb Ungarn sähen eben nur einzelne Problemfälle, nicht aber das Gros der zufriedenen Patienten, denn die gingen nie wieder zu einem Zahnarzt in ihrem Land, sondern kämen immer wieder nach Ungarn. Dass man in Ungarn beispielsweise keine Gewährleistung auf seine Zahnsanierung bekäme, sei nicht richtig, er selbst gebe je nach durchgeführter Leistung minimum ein Jahr Garantie.
Und dass die Qualität bei den ungarischen Preisen nicht besonders gut sein könne, stimme ebenfalls nicht: „Wir verwenden die modernsten Materialien und arbeiten nach höchstem wissenschaftlichen Standard“, argumetiert Farid. „Was den enormen Preisunterschied ausmacht, sind Lohnniveau, Steuersätze und vor allem Infrastruktur.“ In Ungarn koste die Einrichtung einer Praxis um Dimensionen weniger als etwa in Österreich und auch die Mietkosten seien viel geringer. „Wir müssen unseren Patienten nicht zusätzlich Geld abnehmen, um die Investitionskosten wieder hereinzubekommen.“

Keine Zusatzversicherung

Freilich, gibt Armin Farid zu, der ungarische Kassenpatient habe nichts davon. Zwar sagten die Ungarn über sich selbst, dass sie nie mit etwas zufrieden seien, „doch beim Gesundheitssystem stimmt das. Das ist wirklich furchtbar.“ Einen Ausweg gebe es auch für Zahlungskräftige nicht: es gebe keine private Zusatzversicherung.

 Das Gesundheitssystem in nüchternen Zahlen betrachtet

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