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Gesundheitspolitik 4. Juli 2008

Blickdiagnose: Warum Medikamente kosten, was sie kosten

In der Debatte um die vorliegende Gesundheitsreform geht es neben möglichen Erhöhungen auf der Einnahmenseite vor allem um Einsparungen auf der Ausgabenseite. Zwar machen die Kosten für die Erhaltung der Spitäler und die Honorare für die Ärzte den größten Teil der Aufwendungen aus, dennoch fokussieren sich die Argumente auf die Medikamentenkosten. Dass vom Arzneimittelpreis der Hersteller selbst jedoch lediglich 53 Prozent kassiert, sich den Rest aber Distributeure, Verkäufer und der Staat einverleiben, bleibt allzu oft unerwähnt.

Im ersten Quartal 2008 seien Medikamentenkosten um zehn Prozent gestiegen, gab der Hauptverband bekannt. Auf das Jahr hochgerechnet, erwarte er eine Steigerung um sieben Prozent gegenüber 2007, womit in Summe über drei Milliarden Euro für Arzneien ausgegeben würden. Zu viel, argumentieren Kritiker, schleunigst müssten die Arzneimittelpreise gesenkt werden. Gehe nicht, kontert die Pharmaindustrie, hiesige Preise für die Pillen lägen im EU-Vergleich eh schon weit unter Durchschnitt.

Entwicklungskosten für neue Arzneien stiegen wegen rasanten Fortschritts, sagt die Industrie, 900 Millionen Euro und mehr müssten für ein Medikament gerechnet werden. Und da der Patentschutz lange vor dem Handel zu laufen beginne, blieben nach Markteinführung nur etwa fünf Jahre, um diese Kosten wieder einzuspielen. Zudem schaffe es von 5.000 getesteten neuen Arzneien lediglich eines auf den Markt.
Nun ist es aber so, dass das Gros aller neuen Medikamente, die auf den Markt kommen, gar keine Innovationen, sondern Weiterentwicklungen sind: Eine entsprechende Untersuchung der Harvard Medical School in Boston kam zu dem Ergebnis, dass in einem Zeitrum von fünf Jahren von den insgesamt 487 neu auf den Markt gekommenen Medikamenten 78 Prozent von der US-Arzneimittelbehörde als vermutlich nicht besser als bereits vorhandene eingestuft worden waren. 68 Prozent bestanden nicht aus neuen Wirkstoffen, sondern waren alte Arzneien in neuen Darreichungsformen oder Kombinationen.
Nun muss man der Pharmabranche zugute halten, dass selbst weiterentwickelte Arzneien vor Zulassung eine teure Phase-III-Studie an Tausenden Menschen durchlaufen müssen. Daraus ergibt sich für die Unternehmen, die ja keine karitative Einrichtung darstellen, sondern wirtschaftlichen Zwängen ausgesetzt sind, ein Dilemma: Wenn in der Pipeline nicht der nächste große Blockbuster absehbar ist, müssen sie trotzdem versuchen, Mitarbeiter, Markt und Aktionäre zufriedenzustellen.
Aber selbst Innovationen stammen nicht immer von Big Pharma, sondern etwa auch aus mit öffentlichen Geldern finanzierter Forschung, die in staatlichen Labors oder an Unis durchgeführt wird. Faktum ist jedenfalls, dass Pharmafirmen lediglich 15 bis 20 Prozent ihres Kapitals in Forschung und Entwicklung investieren.
Oft übersehen wird bei der Diskussion um die Medikamentenpreise, dass die Preisbildung nicht auf dem freien Markt geschieht, sondern durch komplexe unternehmerische und staatliche Eingriffe erfolgt. Vergleicht man die österreichischen Arzneimittelpreise mit jenen in anderen EU-Staaten, zeigt sich ein differenziertes Bild: Trotz eines unterdurchschnittlichen Fabriksabgabepreises seitens der Industrie ist der Apothekenverkaufspreis für den Patienten beziehungsweise für die Kassen überdurchschnittlich hoch. Grund ist, dass die meisten EU-Staaten sich nicht am Leid ihrer Bürger bereichern und entweder keine oder eine drastisch verringerte Umsatzsteuer auf Medikamente einheben. Österreich hat den mit Abstand höchsten Steuersatz. Die Preisregulierung beginnt schon, bevor ein Medikament überhaupt auf den Markt kommt.
Acht bis zwölf Jahre dauert es, bis ein Medikament die Marktreife erlangt hat und alle für die Zulassung erforderlichen Daten bei der zuständigen Behörde abgegeben, von dieser begutachtet und akzeptiert sind. Erst nach Marktzulassung kann der Hersteller auch den Antrag auf Kassenerstattung beim Hauptverband einreichen. Bis zu diesem Zeitpunkt hat er sich bereits den Kopf über den Hersteller- respektive Fabriksabgabepreis zerbrochen. Dieser wird auf Basis der Preise von möglichen Konkurrenzprodukten, von erwartetem Absatz und nicht zuletzt in Anbetracht des bereits laufenden Patentschutzes vom Pharmaunternehmen selbst festgesetzt – teils in beachtlicher Höhe. Dann hört der Spielraum für den Hersteller auf, beginnt jener des Staates Österreich.
Die Entwicklung der Arzneimittelpreise unterliegt ab nun in sämtlichen Vertriebsstufen einer gesetzlichen Regelung. Auf Basis des vom Pharma-Unternehmen festgesetzten Fabriksabgabepreises (FAP) gibt es neben der amtlichen Preisfestsetzung durch ministeriellen Bescheid für den Hersteller auch die Möglichkeit, den FAP selber an die Behörde zu melden. Reagiert die Behörde nicht binnen sechs Wochen, gilt der gemeldete Preis.
Soll das Arzneimittel von der Sozialversicherung bezahlt werden, muss der Hersteller noch Verhandlungen mit dem Hauptverband zwecks Aufnahme der Produkte in eine der Erstattungsboxen führen. Dabei werden häufig Preise vereinbart, die die genehmigten bzw. gemeldeten Höchstpreise (FAP) unterschreiten. Dann folgen die Preisspannen für den Großhandel und die Apotheken, schließlich wollen auch die etwas verdienen. Allerdings gibt es auch hier amtlich geregelte Höchstaufschläge.
Vergleicht man die jeweiligen Anteile, die alle Involvierten in Österreich an einer Arznei verdienen, sieht die Sache so aus: der Hersteller 53 Prozent (in Portugal 69, in Deutschland 55 Prozent), der Großhandel 7 Prozent (in Irland 10, in Finnland 4), die Apotheken 23 Prozent (in der Schweiz 32, in Portugal 19) und der Staat über die Umsatzsteuer 17 Prozent (in Irland nichts, überall sonst viel weniger).
Dennoch gilt Österreich weiterhin als Medikamenten-Billigland.

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