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Gesundheitspolitik 5. Juni 2008

Blickdiagnose: Standardisierter Weg zur besten Therapie

Für die einen sind sie der erste Schritt zu einer Verlagerung der Gesundheitsleistungen vom niedergelassenen in den stationären Bereich und zu einer staatlich erzwungenen Zentralisierung der Medizin. Für die anderen sind sie ein Mittel zur Kosteneinsparung bei gleichzeitiger Effizienzsteigerung von Diagnose und Therapie: die sogenannten Behandlungspfade. Abseits dieser in Österreich vorwiegend politisch geführten Debatte um dieses medizinisch-logistische Mittel gelangen Studien zu eindeutigen Ergebnissen: Behandlungspfade sind verdammt gut.

Behandlungspfade sind multidisziplinäre Prozessbeschreibungen zur optimalen klinischen Behandlung bestimmter Patientengruppen mit klar definierter Diagnose, welche die Koordination und die Ausführung hochqualitativer Patientenversorgung unterstützen.

Die Kosteneffizienz der Patientenversorgung unter Beibehaltung hoher Qualität gewinnt an Bedeutung. Kosteneffizienz lässt sich vor allem über eine Verkürzung der stationären Verweildauer erreichen. Hierzu haben sich im angloamerikanischen Raum Behandlungspfade als wirksames Instrument erwiesen. Diese Pläne, die sämtliche am Patienten durchzuführenden diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen definieren und zeitlich geordnet darstellen, nutzen vor allem in den USA bereits 80 Prozent der Krankenhäuser. In Österreich hat dieses Managementinstrument noch wenig Fuß gefasst.
Als Niederösterreich für 26 Krankheitsbilder solche Pfade einrichtete, erklärte Gesundheitslandesrat Wolfgang Sobotka, die Behandlungspfade sollten wegweisend sein dafür, „wo ein Patient mit bestimmten Symptomen oder Krankheitsbildern am effizientesten behandelt werden kann und wie er dort hinkommt“.
Leitlinien für die Behandlung würde es für verschiedene Bereiche in der Medizin eh schon lange geben, konterte darauf der damalige Präsident der niederösterreichischen Ärztekammer, Dr. Lothar Fiedler. Abgesehen davon bestehe die „Gefahr, dass die Sicht auf alternative Optionen verstellt wird und die individuelle Betreuung zu kurz kommt“. Fiedler hegte auch den Verdacht, dass die Behandlungspfade als Rechtfertigung für die Verlagerung von Mitteln im Gesundheitswesen in den stationären Bereich dienen und dahinter die Idee einer staatlichen Regulierung stecken könnte. Was aber sind sie wirklich, die Behandlungspfade?
Eine internationale Studie unter Leitung von Dr. Joachim Kugler von der Medizinischen Fakultät Carl Gustav Carus an der Universität Dresden ging dieser Frage nach. Die Forscher aus Berlin, Dresden und Melbourne wollten wissen, wie effizient standardisierte Abläufe in Therapie und Pflege von stationär behandelten Akutpatienten sind. Grundlage bildete die Analyse von 2.386 Studien aus aller Welt, die sich mit der Effizienz von Behandlungspfaden beschäftigten. Damit legten die Forscher die weltweit größte Meta-Studie zu diesem Thema vor. Ergebnis: Nach standardisierten Abläufen behandelte Akutpatienten konnten das Krankenhaus im Durchschnitt 1,7 Tage früher verlassen als andere. Und die Patienten, die in einem Behandlungspfad therapiert werden, kosten das Krankenhaus pro Fall durchschnittlich 200 Euro weniger.
Und die jüngste, erst vor einem Monat auf der 125. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie in Berlin vorgestellte Untersuchung über „Einfluss von Klinikpfaden in der Thoraxchirurgie auf Verweildauer und Behandlungskosten“ kam zu einem noch besseren Ergebnis: Die Verweildauer sank um mindestens die Hälfte der sonst üblichen Zeit und die nur 49 Thoraxpatienten, die in einem Behandlungspfad betreut wurden, sparten dem Spital 106.000 Euro.
Dass die flächendeckende Etablierung von Behandlungspfaden in österreichischen Spitälern kein Punkt in der aus Finanznot geborenen und derzeit heftig umstrittenen Gesundheitsreform ist, verwundert ob solcher Daten.

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