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Gesundheitspolitik 24. April 2008

Blickdiagnose: Zwei Klassen?

In der laufenden Diskussion über die notwendige Gesundheitsreform wird von allen Seiten darauf Bedacht genommen, nur keine Änderungen anzustreben, die zu einer gefürchteten Zwei-Klassen-Medizin führen könnten. Dabei wird außer Acht gelassen, dass das österreichische Gesundheitssystem aufgrund seiner Struktur und Finanzierung ohnedies keine Ein-Klassen-Medizin, keine Gleichheit kennt. Eine Zwei-Klassen-Medizin hat Österreich dennoch nicht. Hierzulande sollte man ehrlicherweise endlich von einer bereits existierenden Mehr-Klassen-Medizin sprechen.

Medien sind unbarmherzig. In schöner Regelmäßigkeit breiten sie Geschichten über Ärzte aus, die gegen eine kleine Zuwendung einen Operationstermin zu Gunsten des Zuwenders vorreihen. Oder Geschichten über Zusatzversicherte, die auf Kosten von Pflichtversicherten medizinisch bevorzugt würden – was nicht im Sinne der Sonderklasseversicherungen ist. Oder Geschichten darüber, dass man heutzutage Ärzte persönlich kennen müsste, um überhaupt adäquat behandelt zu werden. Nun, alle Vorwürfe sind sicher nicht erfunden. Doch dies allein stellt noch keine Zwei- oder Mehr-Klassen-Medizin dar. Da kommt mehr dazu.

Scharfe Kritik an den Vorwürfen kommt naturgemäß aus der Ärztekammer. Vizepräsident Dr. Harald Mayer bezeichnete die anonymen Anschuldigungen als Teil einer „pauschalen Diffamierungskampagne“. Und Gesundheitsministerin Dr. Andrea Kdolsky assistierte ihm: „Der Vorwurf einer Zwei-Klassen-Medizin ist völlig aus der Luft gegriffen und dient lediglich der Verunsicherung der Patienten.“ Allein Kammeramtsdirektor Dr. Karlheinz Kux kommentierte das in einem Radiointerview etwas anders: „Zwei-Klassen-Medizin gibt es deshalb schon ganz offiziell, weil es in Österreich das System der Sonderklasse gibt und ein Viertel aller Spitalsbetten dafür zur Verfügung steht.“
In Österreich gibt es rund eine Million Sonderklassepatienten, die neben der Pflichtversicherung eine private Zusatzversicherung haben. Diese ermöglicht ihnen die Unterbringung in Ein- oder Zweibettzimmern sowie die freie Arztwahl, berechtigt sie aber nicht zur Bevorzugung bei Operationen. Auch wenn dies gesetzeswidrig mitunter vorkommen mag. Die Sonderklasse-Honorare fließen zu 60 Prozent an den Primararzt, der Rest ist für das andere Stationspersonal.
Die zweite Möglichkeit, bei Operationen bevorzugt zu werden, ist, so wird behauptet, der persönliche Bezug zum Arzt. Unter Freunden kann man sich hier und da schon helfen. Und die dritte Möglichkeit ist schließlich das viel zitierte Geldkuvert. Auch wenn sich die Ärztekammer gegen die Vorwürfe wehrt: Das hat es gegeben und wird es geben, gängige Praxis ist das freilich nicht.
Interessant dabei ist jedoch der Umstand, dass es besagte Wartelisten gar nicht gibt. Zumindest keine offiziellen, kontrollierbaren. Sonst könnte man nämlich nachsehen, warum welcher Patient von welchem Arzt für die Operation vorgereiht wurde. Das alles spielt sich in einer Grauzone ab und scheinbar hat niemand Interesse daran, dieses System transparent und damit kontrollierbar zu machen.
Zusatzversicherungen, Zuwendungen und Freundschaftsdienste – das alles macht noch keine wirkliche Mehr-Klassen-Medizin aus. Die basiert vielmehr auf den 19 Krankenversicherungen mit ihren unterschiedlichen Leistungen.
Umgelegt auf jeden Versicherten (Kopfquote) gab etwa die Eisenbahnerversicherung 2003 (die jüngsten vorhandenen Daten) 477 Euro für ärztliche Hilfe aus, die Bauernversicherung lediglich 252. Und an Heilmitteln gewährte die Burgenländische GKK 340 Euro, die Salzburger nur 225.
Freilich, wird jemand überfahren, wird er unabhängig von sozialem Stand und Versicherungsstatus versorgt. Überlebensnotwendige Grundversorgung wird gleichermaßen gewährt. Doch darüber hinausgehende Leitungen werden ungleich erbracht.

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