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Gesundheitspolitik 23. Mai 2008

Regeneration für pflegende Angehörige

Familienmitglieder zu pflegen geht oft bis an die physischen und psychischen Belastbarkeitsgrenzen. Die Sozialversicherung der Bauern ermöglicht seit zehn Jahren ihren Versicherten einen Erholungsaufenthalt, der vor allem von Frauen genutzt wird.

Seit 1998 bietet die Sozialversicherungsanstalt der Bauern (SVB) die Möglichkeit einer Auszeit in Form eines Erholungsaufenthaltes für Personen, die Angehörige im eigenen Haushalt pflegen. Die SVB hat damit ein Angebot ins Leben gerufen, für das es bis zu diesem Zeitpunkt keine Vorbilder in Österreich gab: Im Rahmen des betrieblichen Vorschlagwesens in der SVB war die Anregung eingebracht worden, pflegenden Personen zur Entlastung, Erholung und Hilfestellung einen Erholungsaufenthalt zu gewähren. Sowohl der SVB-Gesundheitsausschuss als auch der SVB-Vorstand bejahten das Angebot dieser Gesundheitsaktion.

Erschöpfungszustände

1998 wurden die ersten zwei Turnusse durchgeführt, die 47 Personen in Anspruch nahmen. Nach aktuellem Wissensstand, so die SVB, existiert ein ähnliches Angebot seitens der Sozialversicherungsträger derzeit lediglich für Versicherte der oberösterreichischen Gebietskrankenkasse (ANNA – „Angehörige nehmen Auszeit“).
Die Teilnehmerstatistik macht deutlich: Der überwiegende Anteil der Erholungssuchenden sind Frauen. Von den 199 Teilnehmern 2007 waren 194 Frauen, fast die Hälfte (92) befand sich in der Altersgruppe zwischen 51 und 60. Das erlaubt den Schluss, dass die (unbezahlte und kaum diskutierte) Angehörigenpflege in Österreich zu einem guten Teil von Frauen dieses Alters getragen wird. Sehr viele Antragsteller leiden an Erschöpfungs- bzw. Ermüdungszuständen in Folge von Mehrfachbelastungen durch das Pflegepensum, die Arbeit am Hof und im Haushalt. Es könne vom Vorliegen einer Überforderungssymptomatik gesprochen werden, so Dr. Wolfgang Fischer, Leitender Arzt der SVB.
Grundsätzlich kann einen Erholungsaufenthalt für pflegende Angehörige in Anspruch nehmen, wer 1. bei der SVB kranken- und/oder pensionsversichert ist, 2. die Hauptlast der Pflege einer Person trägt, die Pflegegeld bezieht, und 3. keine gesundheitlichen Probleme hat, die eine Teilnahme am Programm ausschließen.
Eine Altersregelung besteht nicht. Bei Erfüllung der Voraussetzungen kann an einem Pflegeturnus prinzipiell zwei Mal teilgenommen werden. Ein dritter Aufenthalt ist nur nach besonderen Anlasssituationen möglich, wenn sich bspw. die Pflegesituation durch Erhöhung des Pflegeaufwandes wesentlich ändert oder ein zusätzlicher Pflegling dazukommt – dann wird im Einzelfall entschieden. Für die Aufenthalte ist eine einkommensabhängige Kostenbeteiligung vorgesehen, die normalerweise aktuell 174,88 beträgt. Eine begünstigte Kostenbeteiligung beläuft sich auf 79,26 Euro. Die SVB streicht hervor, dass sich das Angebot an bäuerliche Versicherte „in ganz Österreich“ richtet.

Idealdauer zwei Wochen

Für die zweiwöchigen Erholungsaufenthalte sprechen im Wesentlichen zwei Faktoren: Zunächst können sich viele potenzielle Teilnehmer eine Pflege-Auszeit zeitlich kaum vorstellen. Sie glauben, dies sei nicht machbar. Üblicherweise wird die Pflege dann aber meist von anderen Familienmitgliedern übernommen.
Außerdem können Organisationen wie z.B. Hilfswerk und Caritas oder eine Kurzzeitpflege in einem Pflegeheim entgeltlich in Anspruch genommen werden. Bund bzw. Land leisten bei Erfüllung bestimmter Voraussetzungen einen Beitrag zur Abdeckung der Kosten, die im Falle der Verhinderung der Hauptpflegeperson anfallen, um eine professionelle oder private Ersatzpflege organisieren zu können. Und zum anderen habe man mit der Dauer sehr gute Erfahrungen gemacht, so die SVB, da ein gewünschter Erholungseffekt erreichbar sei.

Positives Zeugnis

Zweck des Aufenthaltes ist die körperliche und seelische Erholung der pflegenden Angehörigen. Daneben erhalten sie nützliche Tipps und Hilfen für die belastende Pflegetätigkeit. Am Ende des Turnusses erfolgt eine Evaluierung mittels Fragebögen. Die individuellen Bewertungen des Aufenthaltes durch die TeilnehmerInnen sind laut SVB äußerst positiv. Viele Teilnehmer bestätigen, beim Aufenthalt vieles gelernt zu haben, auch der Erfahrungsaustausch mit Gleichgesinnten wird als äußerst wichtig und wertvoll bezeichnet. Der Aufenthalt trage dazu bei, körperliche und seelische Belastungen reduzieren zu können. Last but not least soll „durch das gebotene Programm die körperliche und seelische Gesundheit der Teilnehmer langfristig erhalten bleiben bzw. verbessert werden.“

Mag. Peter Bernthaler, Ärzte Woche 21/2008

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