zur Navigation zum Inhalt
 
Gesundheitspolitik 28. März 2008

Planen, nicht: sich täuschen

Systematische Vorbereitung in Betrieb oder Ordination ist der vernünftigste Weg, gegen eine pandemische Influenza-Krise gerüstet zu sein. Derzeit würde aber Vogel-Strauß-Politik betrieben, warnt Sozialmediziner Kunze.

Zuerst herrschte medienbedingte Hysterie. Dann floppten die Masken, spektakulär. Weil die Influenza-Pandemie nicht ausbrach. Nun das Schweigen der Medien. Als sei das Thema keines mehr: „Es ist Ruhe eingekehrt, weil die Schwäne nicht tot vom Himmel fallen“, kritisierte Sozialmediziner Prof. Dr. Michael Kunze bei der Veranstaltung Influenza-Pandemie – eine Bedrohung für die Wirtschaft? Anfang März in Wien trügerisches Sicherheitsgefühl.
Drei bis sechs (pandemische) Grippeausbrüche pro Jahrhundert seien üblich, sagte Kunze mit Verweis auf die verheerenden Folgen der Grippe-Pandemien des 20. Jahrhunderts: bis zu 50 Millionen Todesfälle der Spanischen Grippe A (H1N1) 1918/19, ca. zwei Millionen Opfer der Asiatischen Grippe A (H2N2) 1957/58 und ca. eine Million Tote 1968/69 bei der Hongkong-Grippe A (H3N2). Kunze: „Die österreichischen Medien gehen mit dem Influenza-Problem sehr gelassen um, die Impfraten sind sehr gering!“ Viel zu gering, nach Meinung der Experten. Dabei sei „die Impfung das Beste, was wir haben“, sagte Kunze und lobte die hiesigen Vorkehrungen, die garantieren, dass „auf jeden Österreicher zwei Impfdosen kommen“.
Österreich sei „gut im Neuraminidasehemmer-Bevorraten, wir belegen den zweiten Platz, man kann an Neuraminidasehemmern nicht genug haben“, skizzierte Kunze mit eindringlicher Darstellung die Lage. Zu der einfachen, physikalischen Erreger-Barriere mittels Schutzmasken (rund zehn Millionen Stück waren für den Verkauf vorgesehen), von denen ein paar „Obergescheite gesagt haben: Brauchen wir nicht“ oder „was da an Unsinn geredet wurde, war ja beinahe erschreckend“, meint Kunze: „Das war sowieso nur eine verschwindend geringe Menge im Vergleich zur Schweiz, wo für jeden Bürger 50 Masken vorgesehen sind. Natürlich nutzen Masken.“1

Nach Plan vorgehen

Pandemie-Vorsorge ist nach wie vor ein aktuelles gesundheitspolitisches Thema. Die OMV, der größte österreichische Industriekonzern mit 33.000 Mitarbeitern, hat für den Casus belli einen firmeneigenen Pandemieplan erstellt. Bei Ausbruch einer Pandemie müsse die Energieversorgung gewährleistet sein, so Dr. Jadwiga Linemayr, Chief Medical Officer der OMV und als solche wesentlich mitbeteiligt an der Entstehung des OMV-Pandemieplans. Was der Plan bringen soll, ist knapp zu umreißen. Es geht u.a. um Business Continuity im Pandemie-Fall, um die Erfüllung der nationalen Verpflichtung zur Energieversorgung, eine gute Performance in einer Krisensituation und ... um einen Wettbewerbsvorteil am internationalen Markt.
In einem Unternehmen derartiger Größe stellen sich organisatorische, logistische und unternehmenspolitische Fragen, auf die es zu antworten gilt: Wer bekommt wann was? Wer zählt zum Schlüsselpersonal und ist dadurch für spezielle Prävention und Behandlung vorgesehen?
Und natürlich geht es auch um finanzielle Fragen. Beispielsweise erhält OMV-Schlüsselpersonal fünf Packungen Tamiflu® und 18 Masken zur Prävention. Prinzipiell, so die schlüssige Aussage Linemayrs, sollte „jeder Pandemieplan der Unternehmensgröße und Unternehmenskultur angepasst werden“. Was für die Großen gilt, hat somit in Abwandlung für die kleinen Unternehmen Gültigkeit. Grundsätzlich empfiehlt Linemayr, „für jeden, den er (oder sie) liebt, ein Packerl Tamiflu® vorrätig zu halten“.

Knackpunkte der Umsetzung

Folgende Schritte zu unternehmerischer, also auch für Ordinationen anwendbare Vorsorge wurden angeführt: Welche Informationen, Medien und Wege sind in Abhängigkeit der Unternehmensgröße vorzusehen? Welche allgemeinen Hygienemaßnahmen bieten Schutz? Was kann bei beabsichtigten (Dienst-)Reisen empfohlen werden?
Als weitere Knackpunkte der Umsetzung nannte Linemayr die Bedarfserhebung (Wie viel wovon ist zu bevorraten?), die Logistik (Wer bekommt auf welchem Weg welche Vorsorge/Therapie?) und nach welchem Zeitplan ist im Pandemiefall vorzugehen? Checklisten seien dabei sinnvolle Orientierungshilfen, auch der Austausch mit nationalen und internationalen Unternehmen wird von Linemayr nahegelegt.
Je früher diese Überlegungen angestellt werden, desto besser. Schließlich, so Linemayr, „baute Noah die Arche vor der Sintflut“.

1 vgl. Dawes M: Handwashing and wearing masks, gloves and gowns are highly effective … BMJ 2008, 336:55-56.

Info: Vorbereitung auf eine Influenza-Pandemie, Leitfaden für Unternehmen, Hrsg.: BMGFJ,
www.bmgfj.gv.at

Mag. Peter Bernthaler, Ärzte Woche 13/2008

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben