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Gesundheitspolitik 15. Oktober 2008

Nur eine gerechte Welt ist eine gesunde Welt

Das European Health Forum Gastein (EHFG) hat Anfang Oktober zum elften Mal stattgefunden. Das Motto der führenden gesundheitspolitischen Fachveranstaltung in der Europäischen Union lautete diesmal „Werte und Gesundheit – von der Vision zur Realität“. Die Schlussfolgerung aus den Expertengesprächen, an denen mehr als 600 führende Vertreter aus Gesundheitspolitik, Gesundheitsverwaltung, Medizin, Wissenschaft, Industrie und NGOs teilgenommen haben: Es gibt volle Übereinstimmung über die ethischen Prinzipien, an denen sich das Gesundheitswesen orientieren muss, an der Umsetzung ist noch zu arbeiten.

Bei der abschließenden Plenarsitzung des EHFG wurden die anwesenden internationalen Vertreter der Gesundheitspolitik – EU-Gesundheitskommissarin Androulla Vassiliou, die stellvertretende WHO-Regionaldirektorin Nata Menabde sowie mehrere Gesundheitsminister europäischer Staaten – mit der Forderung nach einer Orientierung an folgenden fünf Grundwerten konfrontiert, die von den in Gastein tagenden Experten definiert worden waren: Allgemeiner Zugang zu Gesundheitsleistungen; Verfügbarkeit von qualitativ hochwertiger Gesundheitsversorgung; Gleichheit und Abbau von sozial bedingten Unterschieden; Solidarität und als fünfter Punkt finanzielle Nachhaltigkeit. Außerdem wurden für die beim EHFG 2008 behandelten Themen Kriterien definiert, an Hand derer messbar sein soll, ob die Forderung nach einem werteorientierten Gesundheitssystem sich auch in der Praxis der Gesundheitssysteme niederschlägt. Dazu gehört etwa die Transparenz der politischen Entscheidungsfindung und der gesellschaftlichen Debatte, klare Verantwortlichkeiten im Rahmen von Gesundheitspolitik und -verwaltung, fairer Ausgleich von Patientenrechten und Allgemeininteressen, gerechte Lösungen für Minderheiten, z. B. im Bereich seltener Krankheiten, Zugang zu grenzüberschreitenden Gesundheitsleistungen, die Nutzung von Informations- und Telekommunikationstechnologie, um den Zugang zu Gesundheitsleistungen weiter zu verbessern sowie nicht zuletzt Qualifikationsmaßnahmen für die im Gesundheitswesen Beschäftigten.

Allgemeines Anliegen Ethik

„Es ist schön, dass sich Experten von so vielen verschiedenen Interessensgruppen auf gemeinsame Grundwerte und Ziele verständigen konnten“, erklärt EHFG-Präsident Dr. Günther Leiner. „Aber es kommt nicht darauf an, dass wir gemeinsame Werte haben, wir müssen sie auch tatsächlich leben.“ Im Gesundheitsbereich, der nicht primär materiellen Zielen verpflichtet sein könne, sei die Anwendung ethischer Prinzipien unverzichtbar. Allerdings müssten alle eingebundenen Gruppen dazu beitragen. „Ethische Prinzipien können nicht verordnet werden“, betont Leiner, „sondern sie müssen zu einem allgemeinen Anliegen werden. Wir brauchen Leadership auf vielen Ebenen, damit unser Gesundheitssystem nicht nur funktioniert, sondern den gesellschaftlichen Vorstellungen von Humanität und Gerechtigkeit entspricht.“

Ungleichheiten abbauen

Der Schlüssel zur Verbesserung der Gesundheitssituation der Menschen liegt in den meisten Teilen der Welt weniger im Bereich der medizinischen Versorgung, sondern vielmehr im Bereich der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Das ist die wichtigste Schlussfolgerung der WHO-Kommission für Soziale Determinanten von Gesundheit aus einem kürzlich vorgelegten Bericht. Dieser auf Basis von mehreren tausend Einzelstudien erstellte Report wurde vom Vorsitzenden der Kommission, Prof. Sir Michael Marmot, beim European Health Forum Gastein (EHFG) mit führenden europäischen Gesundheitsexperten diskutiert.
„Die medizinische Versorgung kann zu besseren Krankheitsverläufen und höherer Lebenserwartung führen, jedoch sind es in erster Linie die sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen, die die Menschen überhaupt krank machen“, so Marmot. „Daher sind Verbesserungen in diesen Bereichen für die Gesundheit der Gesamtbevölkerung ungleich wichtiger. Dieser Tatsache muss die Gesundheitspolitik Rechnung tragen.“ Das gelte keineswegs nur für Entwicklungsländer. Auch in den reichen Industriestaaten seien soziale Unterschiede die Hauptursache für Ungleichheiten im Gesundheitsstatus der Bevölkerung. „Wir sprechen über kein Thema der 3. Welt, sondern über ein Problem, das wir täglich vor unserer Haustüre sehen können – wenn wir es sehen wollen“, so Marmot. Dabei gehe es nicht nur um materielle Armut, sondern auch um soziale Faktoren wie Vereinsamung, Arbeitslosigkeit, fehlende Wertschätzung und Familienverhältnisse.
Der Tatsache, dass diese Umfeldbedingungen nicht kurzfristig geändert werden können, trägt bereits der Titel des kürzlich der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vorgelegten Berichts Rechnung. „Closing the Gap in a Generation“ empfiehlt einen multidisziplinären Ansatz, bei dem Gesundheitsziele in alle Politikbereiche einfließen, unter anderem Erziehung, Umweltpolitik, Gleichbehandlungsfragen und Budgetpolitik. „Wir müssen uns diesen mit sozialer Ungleichheit verbundenen Problemen stellen, auch wenn es weder einfache noch rasche Lösungen geben wird“, so Marmot. „Aber nur eine gerechte Welt kann eine gesunde Welt werden.“

Zielgruppe Junge

Der neue EU-Gesundheitsplan hat vor allem junge Menschen im Fokus. Vassiliou betonte, dass es ein vorrangiges Ziel ihrer „Europa für Patienten”-Kampagne sei, die Aufmerksamkeit junger Menschen auf gesundheitsspezifische Themen zu richten. „Gesundheit ist eine entscheidende Voraussetzung für ein erfolgreiches und produktives Leben, derzeit wird sie aber von viel zu vielen vermeidbaren negativen Einflüssen gefährdet.“
Ein Kernelement der „Europa für Patienten”-Strategie ist eine für die nächsten zwei Jahre geplante Anti-Raucher-Kampagne, die sich speziell an junge Menschen richtet und für die 35 Millionen Euro zur Verfügung stehen. Zusätzlich wird die EU-Kommission aktiv auf Mitgliedsstaaten zugehen, um Möglichkeiten der Zusammenarbeit in einer umfassenderen Kampagne, die auch Ernährung, Bewegung und Alkoholmissbrauch umfasst, zu suchen. „Junge Europäer leben heute internationaler als die älteren Generationen. Deshalb ist es entscheidend, nationale und europäische Aktivitäten zu bündeln, um nachhaltig erfolgreich zu sein.“

Presse-Info EHFG

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