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Gesundheitspolitik 29. September 2008

Alles unter Kontrolle

In den kommenden Jahren wird die Gesundheitspolitik vor vielen neuen und großen Herausforderungen stehen: Neue, wirksame Methoden der modernen Medizin werden zusätzliche hohe Kosten nach sich ziehen; intransparente und zersplitterte Gesundheits­finanzierungen erfordern neue Steuerungsmethoden; Einführung und Umsetzung von Methoden der Informations- und Kommunikationstechnologien (ICT); steigendes Bewusstsein der Patienten über Fragen der Qualität; Forderungen der Patienten nach Orientierung und Qualitätstransparenz; effektives Management von relevanten Gesundheitsinformationen; Bedarf nach benutzerfreundlichen Kommunikationsformen und gleichzeitig die Forderung nach Datenschutz auf höchstem Niveau.

Eine Umfrage im Juli 2007 unter Meinungsführern im Gesundheitswesen ergab, dass die Beschleunigung der Übernahmen von Informationstechnologien als effektivste Strategie zur Verbesserung der Qualität und Sicherheit im Gesundheitswesen angesehen wird. An zweiter Stelle wurden öffentlich zugängliche Qualitätsberichte genannt. Mit dem in Österreich begonnenen e-health Projekt (elektronische Gesundheitsakte ELGA) wird ein wichtiger Schritt in diese Richtung getan. Davon gehen zu Recht hohe Erwartungen nach einer vollkommen neuen Form und Qualität des Austausches von Gesundheitsinformationen im öffentlichen Gesundheitswesen aus.

Erwartungen an ELGA

ELGA ist ein neues Gesundheitsinformationssystem, das bestehende Gesundheitsdaten vernetzt und relevante Gesundheitsdaten für den effektiven Behandlungsprozess zugänglich macht. Es ist vergleichbar einer Internet- Suchmaschine, zu deren vernetzten Daten ausschließlich berechtigte Nutzer Zugriff haben. Die Vorteile dieses „Gesamtbildes“ von relevanten Gesundheitsdaten eines Patienten werden sich für Ärzte, Gesundheitspersonal, Krankenhäuser und Patienten auswirken (siehe Vorteile für die Patienten).

Qualität der Diagnose und der Therapie

Die Patientenanwaltschaft ist als Einrichtung des außergerichtlichen Beschwerdemanagements laufend mit der fachlichen Überprüfung von vermeintlichen oder auch tatsächlichen medizinischen Behandlungsfehlern beschäftigt. Bei vielen Überprüfungen zeigt sich, dass ein optimaler Behandlungsverlauf deshalb nicht erreicht werden konnte, weil relevante Gesundheitsdaten nicht schnell genug am Betreuungsort vorlagen. Informations- und Kommunikationsmängel sind die häufigsten Auslöser von medizinischen Behandlungsfehlern und suboptimalen Behandlungsverläufen. Ein leis­tungsfähiges Werkzeug, das die bereits vorhandenen und an den verschiedensten Stellen erhobenen Informationen über die Patienten vernetzt und damit den Behandlern leicht zugänglich macht, wird zu einer wesentlichen Qualitätssteigerung der Behandlung führen.

Patientensicherheit

Das effektive Management von Gesundheitsinformationen und Zusammenführen von Gesundheitsinformationen wird zu weniger Fehlern und Komplikationen führen. So zeigen im Bereich der Medikamentensicherheit internationale Metastudien (Review über 15 Studien) zu KH-Einweisungen, dass 4,3 Prozent aller Krankenhausaufnahmen medikationsbedingt waren, davon waren 59 Prozent vermeidbar. Ein Review englischsprachiger Studien zeigte, dass zwischen einem und elf Prozent aller hausärztlichen Verordnungen fehlerhaft sind. Unerwünschte Medikamentenwirkungen sind einer der häufigsten Gründe für Patientenschädigungen und 50 Prozent dieser Wirkungen sind vermeidbar.
Ein bereits im Pilotbetrieb umgesetztes Vorläuferprojekt eines ELGA Teilbereiches (e-Medikation) im Bundesland Salzburg hat sich in Österreich dieses Themas angenommen und es zeigen sich im Rahmen des Arzneimittelsicherheitsgurtes bereits erste Erfolge: Viele Medikamente werden falsch oder doppelt eingenommen. Die Folge sind Wechselwirkungen und unerwünschte Nebenwirkungen. Eine speziell für Apotheken entwickelte Datenbank überprüft elektronisch, ob die individuell von einem Patienten eingenommenen Medikamente zusammenpassen. Apotheken werden untereinander vernetzt und Patienten können freiwillig über die E-card (als Zugangsschlüssel) ihren Medikamentenstatus abrufen und überprüfen lassen. Die Daten aller verordnenden Ärzte (sowohl praktische Ärzte als auch Fachärzte) und ebenso OTC-Produkte, die in einer Apotheke gekauft wurden, können einbezogen werden. Die E-card dient als Schlüssel für den Zugang, allerdings werden keine Medikamentendaten auf der E-card gespeichert.
In naher Zukunft sollen alle 1.220 öffentlichen Apotheken in Österreich und die 50 Krankenhausapotheken angebunden und vernetzt werden. Zusätzlich besteht eine Schnittstelle zu den ärztlichen Ordinationen.

Patienteninformation

Internationale und nationale Studien zeigen deutlich, dass die Patienten vor allem eines wollen: bessere Information über ihre Behandlungsformen und über die Qualität der Gesundheitsdienstleis­tungen. Die in den vergangenen Jahren wichtigste und umfassendste Studie („The European Patient of the Future“) hat deutlich gezeigt, dass Patienten keine passiven Opfer, sondern als informierte und gleichberechtigte Partner in den Behandlungsprozess einbezogen werden wollen.
Eine im April 2008 präsentierte Umfrage der Europäischen Kommission stellte dar, dass 87 Prozent der Allgemeinmediziner in Europa einen PC verwenden und immer häufiger Patientendaten speichern und übermitteln. Die Kommission geht davon aus, dass sich die Gesundheitsversorgung in Europa bereits verbessert habe, weil die Verwaltung effizienter und die Wartezeiten für die Patienten verkürzt worden seien. In 80 Prozent der Praxen von Allgemeinmedizinern werden Patientendaten elektronisch gespeichert, in 92 Prozent davon auch medizinische Daten.
Eine kürzlich in Österreich durchgeführte Umfrage zeigt, dass die österreichischen Patienten ebenfalls großen Wert auf valide und aufbereitete Informationen legen. So begrüßen es 85 Prozent der Bevölkerung, wenn sie z.B. durch bessere Informationen über Therapien mehr Möglichkeiten zur aktiven Mitbestimmung ihres Gesundheitszustandes haben. Dabei zeigt sich ein ebenso hohes Maß an Bewusstsein, dass der einzelne Bürger mitverantwortlich für seinen Gesundheitszustand ist (97% bejahen die Frage, ob sie mitverantwortlich für ihren Gesundheitszustand sind). Der Hausarzt steht als Quelle für seriöse Gesundheitsinformationen weit an der Spitze (76 Prozent) – die Frage, aus welchen validen Quellen sich der Hausarzt selbst, als erster und wirksamer Ansprechpartner, solche seriösen Gesundheitsinformationen holt, bleibt dabei aber weiterhin offen.

Werbefreies ELGA-Portal

Mit dem ELGA-Portal wird den Patienten valide und gesicherte allgemeine Gesundheitsinformation bereitgestellt – frei von Werbung und Einzelinteressen. Das österreichische Gesundheitswesen wird mit seinen Ansprechpartnern dargestellt und allgemeine Gesundheitsinformationen am aktuellen Stand des medizinischen Wissens werden zur Verfügung gestellt.
Die Patienten werden darüber hinaus erstmals über das Portal direkten Zugang zu den über sie gespeicherten Gesundheitsdaten erhalten und bekommen Auskunft (ELGA-Protokollierung), wer wann auf welche Gesundheitsdaten zugegriffen hat. Das ELGA-Portal wird direkte Eingriffsmöglichkeiten für den Patienten bieten. Die Patienten können die Zugriffserlaubnis auf ihre Gesundheitsdaten erweitern oder auch einschränken.

Selbstbestimmung erhöhen

Die Umsetzung von ELGA wird zu mehr Autonomie für die Patienten führen. In ELGA ist der Grundsatz „Gesundheitsdaten sind Eigentum der Patienten und diese sind darüber verfügungsberechtigt“ lückenlos umgesetzt.
Die Patienten/Bürger werden entscheiden, ob sie mit ihren Gesundheitsdaten an ELGA teilnehmen wollen – es gibt also keine „Zwangsteilnahme“ an ELGA – und sie werden entscheiden, in welchem Umfang ihre Gesundheitsdaten in ELGA aufscheinen. Die Patienten haben jederzeit die rechtliche und technische Möglichkeit (über das ELGA-Portal), ihre Zustimmung zur Sichtbarkeit und damit zur Abrufbarkeit ihrer Gesundheitsdaten in ELGA zu geben oder zu verweigern. Dies gilt für jedes einzelne Dokument und für jeden einzelnen Gesundheitsdiensteanbieter. Die Patienten erhalten die technische Möglichkeit, jederzeit nachzuvollziehen, wer, wann, auf welche seiner Gesundheitsdaten zugegriffen hat.

Geringes Wissen vorhanden

In Österreich fehlt derzeit eine aktive, umfassende und seriöse Information über das Projekt ELGA und die damit zusammenhängenden Chancen und Risiken sowie die Kosten/Nutzen-Relation. Umfragen zeigen, dass die Kenntnisse und das Wissen der Bevölkerung um ELGA sehr gering sind und vor allem Gerüchte und Halbwahrheiten im Umlauf sind – beispielsweise, dass Gesundheitsdaten zentral gespeichert werden oder dass Privatversicherungen und Arbeitgeber auf diese Gesundheitsdaten Zugriff hätten. Derzeit fehlt ein professionelles und umfassendes Akzeptanz- und Informationsmodell, um die Bevölkerung über die elektronische Gesundheitsakte objektiv und umfassend zu informieren.
Dies führt dazu, dass die Projekte von vernetzten elektronischen Krankengeschichten in der öffentlichen Diskussion hauptsächlich unter dem Aspekt der Gefährdung des Datenschutzes geführt werden. Diskussionen laufen beinahe ausschließlich über Gefahren, die sich durch die Zusammenführung und unbefugte Weitergabe von Gesundheitsdaten der Patienten („gläserne Patienten“) ergeben könnten. Besonders seitens der Österreichischen Ärztekammer wird immer wieder direkt an Patienten und Ärzte (mit verzerrten und einseitigen Informationen) herangetreten und Stimmung gegen das Projekt ELGA gemacht.
In der Phase der Projektierung war das Thema Datenschutz in jeder der an Teilthemen arbeitenden Arbeitsgruppen ein wichtiger Punkt. In der Ausformung des Gesamtprojektes zeigt sich, dass Datenschutz einen zentralen Stellenwert hat. Damit ist die These durchaus berechtigt, dass in der täglichen Praxis nach Einführung von ELGA keine Verminderung oder Durchlöcherung des bestehenden Datenschutzes, sondern eine Verbesserung des datenschutzrechtlichen Niveaus zu erwarten ist. Neue Schutzmechanismen, die derzeit nicht vorhanden sind, werden flächendeckend eingeführt.
Die Bürger bestimmen selbst, ob Gesundheitsinformationen über ihre Person in ELGA eingemeldet werden oder nicht. Es sind definierte Zugriffsrechte als Standardeinstellung in Form einer Berechtigungsmatrix vorgesehen, welche für die eigene Person verändert werden können. Vor einem Zugriff auf ELGA-Informationen muss die Zustimmung des Betroffenen eingeholt werden. Vor Abruf von ELGA-Inhalten ist eine Anwesenheits- und Identitätsprüfung vorgesehen.

Zu den neuen standardisierten Vorgaben zählen:

  • strenge Regeln, um in das System Zugang zu bekommen,
  • umfassende und dauernde Protokollierung der Zugriffe,
  • Überprüfung der Zugriffe,
  • ein Patientenrecht, Auskunft über die Zugriffe zu erhalten,
  • neue strenge Strafbestimmungen bei unberechtigtem Zugriff.


Vergessene Patienten?

Patienten, die die neuen Formen der elektronischen Informationstechnologie nutzen wollen und nutzen können, werden viele neue Möglichkeiten bekommen, auf valide und qualitätsvolle Daten zuzugreifen. Die Nutzung dieser Potenziale hat aber zur Voraussetzung, dass neben bestimmten technischen Voraussetzungen (PC, Internet-Zugang etc.) persönliche Kenntnisse und Fertigkeiten über IT vorhanden sind. Jener Teil der Bevölkerung, der mit diesen Technologien umgehen kann, nimmt zwar immer weiter zu (siehe etwa spezielle Kurse für Senioren), ein Teil der Bevölkerung wird aber weiterhin nicht mit IT umgehen können oder wollen. Auf diese Teile der Bevölkerung darf nicht vergessen werden und ich vermisse derzeit Überlegungen und Strategien, wie diese Patienten bestmöglich von ELGA profitieren könnten.

Resümee

Die Gesamtbewertung aus Patientensicht ist also eine positive und die neue Bundesregierung wird dieses Jahrhundertprojekt des österreichischen Gesundheitswesens hoffentlich mit großer Priorität rasch und umfassend umsetzen.

Dr. Gerald Bachinger, Ärzte Woche 39/2008

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