zur Navigation zum Inhalt
 
Gesundheitspolitik 2. Mai 2007

Niedergelassener Bereich fühlt sich übergangen

Das Land Niederösterreich geht in Sachen Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs einen Weg ohne die Einbindung der niedergelassenen Ärzte. Das entspricht aus Sicht der Ärztekammer nicht unbedingt der ständig propagierten Aufwertung des niedergelassenen Arztes. Doch nicht nur das: Man will offenbar versuchen, die Niedergelassenen als unbezahlte Aufklärungsärzte ins Boot zu holen.

Mitte April wurde bekannt, dass das Land Niederösterreich eine flächendeckende Impfaktion gegen Gebärmutterhalskrebs fördert. Die Kosten für die drei Teilimpfungen sollten 270 Euro statt der ansonsten üblichen 600 Euro betragen. Die Ärztekammer hat in dieser Angelegenheit zunächst verhalten reagiert und vorsichtige Kritik an dem Umstand geübt, dass die niedergelassenen Ärzte nicht in die Aktion mit einbezogen würden. Unmittelbar danach erging ein Informationsschreiben der Kammer an alle Mitglieder, in dem sie auf mehrere Missverständnisse und Fehlinformationen in diesem Zusammenhang aufmerksam machte. Die Aktion sei weder in Abstimmung noch mit Zustimmung der Ärztekammer erfolgt. Man hätte sich auch in Form eines Briefs an die Verantwortlichen von dieser Aktion distanziert und die Einbeziehung der niedergelassenen Ärzte in solche Aktionen gefordert. Der Weg des öffentlichen Schlagabtauschs würde vermieden, da der Nutzen für die Kammer – von Experten versichert – nicht erkennbar gewesen wäre und nur zu einer Verschärfung der Situation geführt hätte. Vizepräsident Dr. Christoph Reisner kritisierte bereits vergangene Woche (ÄRZTE WOCHE Nr. 17, 2007) diesen Umstand und forderte eine schärfere Gangart der Kammer, da man an solchen Aktionen genau ablesen könne, welches Spiel entgegen den Lippenbekenntnissen der Verantwortlichen wirklich im Bereich der niedergelassenen Ärzte gespielt würde. Diese schärfere Gangart scheint nun auf Druck der Ärzteschaft durchaus in Gang zu kommen.

Ärztekammer wird aktiv

Die Ärztekammer hat zwischenzeitlich in einem Schreiben alle für diese Impfung in Frage kommenden niedergelassenen Ärzte aufgefordert, die Bestände an betreffendem Impfstoff zu melden und ein vorbereitetes Schreiben an den Landeshauptmann zu schicken, in dem von der jeweiligen Ordination angeboten wird, die Aktion mit zu unterstützen. Man ersucht in diesem Brief um Bekanntgabe, wo der verbilligte Impfstoff zu beziehen sei. Die IGMed hat sich mit einem ähnlich formulierten Brief dieser Aktion angeschlossen. Doch nicht nur das: Dr. Christian Schwarz, Schriftführer der IGMed und selbst niedergelassener Arzt für Allgemeinmedizin mit Hausapotheke, hat sich mit dem Hersteller des Impfstoffs in Verbindung gesetzt. Er hat hierbei sein Bedauern zum Ausdruck gebracht, von der Versorgung der Bevölkerung bei dieser Aktion Impfung quasi ausgeschlossen zu werden. „Durch die Komplettübernahme der Impfkosten durch das Land Niederösterreich zu einem Preis, der für die Patienten nur wenig mehr als die Hälfte meines Einkaufspreises als hausapothekenführender Arzt oder in öffentlichen Apotheken beträgt, bin ich so wie alle anderen niedergelassenen ÄrztInnen nicht mehr in der Lage, diese Impfung durchzuführen.“ Schwarz erwartet vom Anbieter nun, den Impfstoff zum gleichen Preis zu bekommen, der dem Land verrechnet wird.

Formblatt mit möglichen Rechts-folgen für Niedergelassene

Inzwischen ist das Formblatt der Landesregierung aufgetaucht, mit Hilfe dessen die Impfung in den Spitälern durchgeführt wird. In diesem Infoblatt sind unter anderem die Bedingungen für die Impfung beschrieben: „Die Impfung selbst findet in den Landeskliniken statt, wobei Ihr Termin bei der telefonischen Anmeldung vom jeweiligen Landesklinikum vereinbart wird. Achtung: Bei der telefonischen Anmeldung wird lediglich die Terminvereinbarung vorgenommen, für weitere medizinische Fragen wenden Sie sich bitte an einen Arzt Ihres Vertrauens.“ Weiters wird der Patient über die Rechtsfolgen informiert: „Mit der Unterschrift bestätigen Sie bzw. der/die Erziehungsberechtigte, dass Sie bzw. der/die Erziehungsberechtigte das Informationsblatt gelesen hat /haben und zusätzliche Fragen ausreichend durch einen Arzt des Vertrauens beantwortet worden sind und somit über die HPV-Impfung, alle Wirkungen und Nebenwirkungen informiert ist/sind.“ Nach Schwarz´ persönlicher Rechtsmeinung kann eine Unterschrift beziehungsweise auch eine Aufklärung eines „Arztes des Vertrauens“ keinesfalls die Verantwortung und Pflicht der allumfassenden Aufklärung durch den Impfarzt ersetzen, sondern ganz im Gegenteil. „Dieser ist allein für alles verantwortlich, gegebenenfalls besteht zusätzlich noch eine Haftung des Arztes des Vertrauens“. Mag. Markus Lechner, Rechtsanwalt aus Lochau, teilt die Rechtsansicht von Schwarz: „Aufklären sollte nur jener Arzt, der die Impfung auch tatsächlich durchführt. Führt die Aufklärung nicht der Impfarzt durch, sondern ein anderer Arzt, würde auch dieser für Folgen etwaig mangelhafter Aufklärung haften, genauso wie die Aufklärung durch einen anderen Arzt den Impfarzt nicht von seiner Aufklärungspflicht exkulpieren kann.“ Nicht haften würde der „Aufklärungsarzt“ freilich für nicht lege artis durchgeführte Impfungen oder für Impfungen, bei denen Nachteile dadurch entstehen, dass die Patientin nicht impftauglich war. „Für die Beurteilung der Impftauglichkeit hätte stets der Impfarzt einzustehen.“ Es besteht für den niedergelassenen Bereich aus Sicht von Lechner auch keine Verpflichtung, das Aufklärungsgespräch durchzuführen. „Mir ist keine Sonderregelung bekannt, ich lasse mich aber gerne eines Besseren belehren. In Ermangelung dieser Sonderregelung dürften auch die Kassen kein Honorar für das Aufklärungsgespräch übernehmen, sodass die Kosten für das Aufklärungsgespräch privat von der Patientin zu tragen wären.“

Reine „Aufklärungsärzte“

Er betont jedoch auch, dass es dem Land NÖ selbstverständlich freisteht, die Impfung in den Landeskliniken gegen Selbstbehalt anzubieten. „Ansonsten müssten Patientinnen die Kosten für den Impfstoff zur Gänze selbst tragen, dies ebenso wie die Kosten für die Impfung selbst, wobei diesfalls die Patientinnen sich den Arzt des Vertrauens aussuchen könnten.“ Lechner empfiehlt jedenfalls allen niedergelassenen Ärzten, die Patientinnen darüber aufklären, dass es eine „Impfaktion“ des Landes gibt, bei der das Land einen Großteil der Kosten für den Impfstoff und die Kosten für die Impfung selbst übernimmt. Weiters sollte den Patientinnen mitgeteilt werden, dass dann, wenn dennoch die Impfung und Aufklärung durch den niedergelassenen Arzt gewünscht wird, die Kosten sowohl für den Impfstoff als auch für die Impfung zur Gänze privat zu tragen sind. Die niedergelassenen Ärzte sollten jedenfalls keinesfalls die Rolle des reinen „Aufklärungsarztes“ übernehmen.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben