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Gesundheitspolitik 24. April 2007

Das Einkommen von Kassenärzten

Die österreichische Bevölkerung glaubt noch immer, dass Ärzte horrende Einkommen haben. Einschlägige Statistiken weisen ebenfalls aus, dass Ärzte eher zu den Gutverdienern unserer Gesellschaft gehören. Aber entspricht das Einkommen auch der Ausbildung, Verantwortung und Leistung?

Wir haben einen umfangreichen Kreis von Steuer- und Finanzexperten gebeten, uns einmal darzulegen, welches Nettoeinkommen sie für einen niedergelassenen Arzt für angemessen halten, und vor allem auch, welchen Stunden­umsatz man erzielen muss, um dieses Einkommen dann auch zu erzielen. Die Vorgabe war hierfür ein Kassenarzt für Allgemeinmedizin, der ohne Hausapotheke arbeitet und die durchschnittliche klassische „1.000-Scheine-Praxis“ betreibt. Die Ansätze waren mannigfaltig: So wurden Vergleiche zu Klinikärzten genauso gezogen wie zu akademischen Freiberuflern anderer Art wie Steuerberater, Notare oder Rechtsanwälte. Raimund Eller von der MEDTAX-Steuerberatungskanzlei Jünger aus Innsbruck berichtet in Sachen Angemessenheit von seiner Erfahrung als Betriebsprüfer: „Für Geschäftsführer einer kleinen GmbH hält die Finanz bei der Beurteilung, ob überhöhte Gehaltszahlungen an einen Geschäftsführergesellschafter vorliegen, etwa 100.000 Euro brutto pro Jahr für angemessen.“

Basis Dienstverhältnis

Für dieses Beispiel lässt sich errechnen, dass auf Basis eines unselbständigen Dienstverhältnisses etwa 60.000 Euro pro Jahr lukriert werden. Also etwa 4.000 Euro als normaler Monatsbezug, durch die Steuerbegünstigung etwas mehr bei den Sonderzahlungen. In Summe etwa 4.600 Euro netto pro Monat auf zwölf Monate gebrochen. In dieser Größenordnung plus/minus 500 Euro befinden sich übrigens alle bei uns eingebrachten Vorschläge für ein angemessenes Einkommen entsprechend der Vorgaben. Inklusive „Lohnnebenkosten“ beträgt das notwendige Bruttoeinkommen in diesem Fall etwa 120.000 Euro. Das entspricht einem Umsatz von etwa dem doppelten Betrag bei „normal“ geführter Ordination, also 240.000 Euro pro Jahr. „Der Wohlfahrtsfonds und die Pensionsversicherung müssen bei dieser Berechnung berücksichtigt werden“, weiß Harald Reigl, Regionalleiter Nieder­österreich der Ärztebank. So werden je nach Einstufung beträchtliche Beträge in die Zukunftsvorsorge investiert, die steuerlich als Betriebsausgabe abgesetzt werden können. „Zieht man daher den Durchschnittswert von etwa 30.000 Euro pro Jahr über das Berufsleben ab, kommt man auf 210.000 Euro notwendigen Umsatz, um das Einkommen zu erreichen.“ „Die Realität lehrt uns leider, dass Ärzte diese Zahlen immer häufiger nicht erreichen“, so Harald Kuttner, Unternehmensberater aus Wien. „In Anbetracht der Mehrverantwortung, der persönlichen Belastung sowie der Bedeutung für die Gesundheitsversorgung in der Bevölkerung wäre aus meiner Sicht eine deutliche Verbesserung der finanziellen Situation des durchschnittlichen Allgemeinmediziners wünschenswert.“ Nun zurück zu den notwendigen 210.000 Euro Umsatz, um das von unserer Expertenrunde als adäquat formuliertes Einkommen verdienen zu können. Dies muss in durchschnittlich 42 Wochen erwirtschaftet werden, da Urlaub, Fortbildung und auch die Anzahl der Krankenstandstage mit berücksichtigt werden müssen. Um einem Vergleich mit anderen Berufsgruppen standzuhalten, ist die Anpassung auf 40 bis 50 durchschnittliche Wochenstunden sicherlich als angemessen zu bezeichnen.

60 Prozent bezahlte Arbeit

Nachdem sich die Arbeitszeit eines Arztes immer weniger mit Diagnostizieren und Behandeln ausfüllt und immer mehr Zeit für Bürokratie und Verwaltung verwendet wird, muss man auch das berücksichtigen. Schließlich ist nur die aktive Zeit am Patienten dem System etwas wert, ABS-Bewilligungen oder die Kassenabrechnung müssen unentgeltlich durchgeführt werden. Wenn nur 40 Prozent der Arbeitszeit für unhonorierte Tätigkeiten verwendet werden, liegt der notwendige Stundensatz für die honorierten Tätigkeiten bei den definierten Rahmenbedingungen bei rund 200 Euro. Vergleicht man diese Zahl mit unseren Recherchen über die unterschiedlichen Honorierungen der Leistungen in den Bundesländern, wird die Sachlage klar. Wir konnten nicht nur krasse Unterschiede feststellen, sondern auch eine derartige Unterbezahlung, dass oft nur noch unter gro­ßen Kompromissen gearbeitet werden kann. Wen wundert also noch, wenn sich Patienten bei den derzeit von der Gebietskrankenkasse bezahlten Honoraren immer mehr über die Minutenmedizin beklagen?

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