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Gesundheitspolitik 11. Oktober 2007

Den Willen des Patienten respektieren

Das österreichische Patientenverfügungsgesetz ermöglicht den Bürgern, zu verfügen, welche medizinischen Maßnahmen keinesfalls durchgeführt werden dürfen, sollten sie selbst nicht mehr ihren Willen kundtun können. Das stärkt die Autonomie des Pa­tienten und gibt Rechtssicherheit für den behandelnden Arzt.

Die Debatte über seinen praktischen Nutzen ist auch nach Inkrafttreten des Patientenverfügungsgesetzes nicht verebbt. Der Leiter des Instituts für Ethik und Recht in der Medizin der Universität Wien, Prof. Ulrich H. J. Körtner, erläutert im Gespräch mit der Ärzte Woche seine Sichtweise zu diesem Themenkomplex. Über erste Ergebnisse der Evaluationsstudie zum Gesetz wird die Ärzte Woche demnächst berichten.

Herr Prof. Körtner, wie ist die Reaktion der Ärzteschaft auf das Patientenverfügungsgesetz?
Körtner: Es gibt Ärzte im Bereich Onkologie, Palliativmedizin, die das auch als ihre Verantwortung sehen, und andere, die dagegen Vorbehalte haben. Einerseits mit dem Argument, die Patienten könnten sich damit selbst knebeln, in einer Weise, die ihnen schaden könnte, und andererseits auch aus dieser Haltung heraus: Ich möchte mich in meiner ärztlichen Freiheit, die auch Ausdruck meiner ärztlicher Verantwortung ist, nicht eingeschränkt sehen. Formalrechtlich ist die Autonomie des Patienten heute enorm gestärkt, aber im gelebten Leben gibt es natürlich immer wieder Strategien, das zu unterlaufen.

Es gibt Zweifel, dass Menschen tatsächlich vorhersehen können, was sie im Fall des Falles tatsächlich wollen.
Körtner: Ich finde es legitim, dass ein Arzt in einem Beratungsgespräch zu bedenken gibt, ob es klug ist, sich auf die Erklärung festzulegen, auf Behandlungen verzichten zu wollen. Aber grundsätzlich muss man sagen, im Sinne des Verbots der eigenmächtigen Heilbehandlung, es gibt so etwas wie ein Recht auf Unvernunft. Ich kann gut nachvollziehen, dass Ärzte sagen, aus ihrem Ethos heraus tun sie sich schwer, so eine Entscheidung im konkreten Fall zu respektieren. Aber wenn wir das Prinzip der Autonomie ernst nehmen – und die Hürden für eine verbindliche Patientenverfügung sind ohnedies sehr hoch geschraubt –, dann müssen wir, wie ich meine, die geäußerten Entscheidungen auch res­pektieren.

Viele Ärzte haben auch die Befürchtung, dass sie zur Beihilfe zum Suizid gezwungen werden.
Körtner: Diese ganze Debatte um Suizidbeihilfe oder Euthanasie, die muss offen und vielleicht auch noch intensiver geführt werden, als wir das in letzter Zeit getan haben. Ich bin durchaus der Meinung, dass es Grauzonen gibt, die kein Gesetz der Welt aus der Welt schaffen wird. Trotzdem macht es für mich einen Unterschied, ob eine Handlungsweise von ihrer Intention her in Richtung Tötung bzw. Mitwirkung zur Tötung zielt, oder ob es sich dabei eher um ein Sterbenlassen handelt.

Der Arzt muss nicht sehr nachforschen, ob es eine Verfügung gibt. Der Patient hat damit eine gewisse Unsicherheit, ob sein Wille zur Anwendung kommen wird.
Körtner: Ein Zentralregister ist im Zuge dieser Beratungen um dieses Gesetz abgelehnt worden. Das ist vielleicht auch nicht notwendig, aber es wäre überlegenswert, ob nicht auf der E-card ein entsprechender Vermerk eingetragen werden sollte, ob eine Patientenverfügung vorliegt oder nicht. Es muss nicht unbedingt ein Zentralregister wie bei der Widerspruchslösung sein. Es ist im Interesse von Patienten, dass es einen leichten Zugriff auf die Information gibt, ob eine Patientenverfügung vorliegt oder nicht.

Sie sprechen auch von der Krise der Ressource Vertrauen. Was meinen Sie damit?
Körtner: Wenn jemand glaubt, mit Patientenverfügungen oder Vorsorgevollmachten würden alle Probleme gelöst werden, die bis jetzt in unserem Gesundheitssystem bestanden haben, dann unterliegt er einer Selbsttäuschung. Sie können nicht alles durch Verrechtlichung in den Griff bekommen. Also zu glauben, das Recht wäre ein Ersatz für Ethik, das Recht könnte mir Eigenverantwortung, abnehmen, das halte ich für einen verhängnisvollen Trugschluss.

Das Gespräch führte Inge Smolek

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