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Gesundheitspolitik 24. Oktober 2007

Lange Bank

Geht es nach den Labormedizinern, wird künftig eine spezifische individuelle Diagnostik in der Behandlung von sogenannten Zivilisationskrankheiten besonders wichtig sein. Gendatenbanken sollen dabei eine zentrale Rolle spielen.

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Prof. Dr. Oswald Wagner (re.) und Dr. Georg Endler am Blutprobenkühler.

Foto: C Willi Denk

„Übergewicht und Unterernährung finden wir heute im selben Land: In den sogenannten Schwellenländern wie China oder den Ländern Südamerikas können wir bereits ebenso viele Übergewichtige feststellen wie in den entwickelten Ländern. Eine globale Public-Health-Strategie muss daher Präventionsstrategien entwickeln. Erfolgreiche Prävention basiert auf Prädiktion, wir brauchen neue und spezifische Krankheitsmarker“, so Prof. Dr. Oswald Wagner, Leiter des Klinischen Instituts für Medizin und Chemische Labordiagnostik (KIMCL) der Medizinischen Universität Wien.
Themenschwerpunkt des ers­ten gemeinsamen Kongresses der Österreichischen und Deutschen Fachgesellschaften für Laboratoriumsmedizin und Klinische Chemie Ende September waren Zivilisationserkrankungen und altersassoziierte Erkrankungen sowie Prädiktion, Prävention und Therapiemonitoring. Kardiovaskuläre Medizin, Diabetes und Adipositas sowie Rheumatologie und Osteoporose standen im Zentrum der Kongress-Thematik. Kongresspräsident Wagner: „In diesem Kontext ist auch die Implementierung von großen Biobanken in Europa geplant, die Voraussetzung für die Entdeckung neuer Biomarker sind.“ Auch am Wiener AKH würde derzeit am Aufbau einer derartigen Einrichtung gearbeitet, finanzielle Unterstützung kommt dabei vom Wissenschaftsministerium. In der Biobank sollen Blutproben und DNA sowohl von Gesunden als auch Personen mit erhöhtem Risiko für die Erforschung neuer Marker gesammelt und aufbewahrt werden.

Langzeitprogramm der Biobanken

Die seit Februar 2006 im Aufbau befindliche Biobank am AKH ist nicht die erste Institution ihrer Art in Österreich: Bereits seit einigen Jahren gibt es eine große Biogewebebank in Graz. Die Aufbewahrung menschlichen (genetischen) Materials weckt umgehend Assoziationen zu Datenschutz und Ethik. Prof. Dr. Georg Endler, Mitarbeiter am KIMCL des AKH: „Die Proben werden unter strengster Wahrung des Datenschutzes und nur mit ausdrücklicher Zustimmung des Patienten aufbewahrt und gesammelt.“ Damit werden Zustände wie beispielsweise in Island ausgeschlossen: Dort sei Information über das Erbmaterial der gesamten isländischen Bevölkerung gesammelt worden – allerdings ohne dass die Bevölkerung direkt gefragt worden wäre.
Derzeitiger Proben-Stand im Wiener AKH: Etwa 40.000 Patientenproben lagern in den Kühlaggregaten bei minus 80 Grad. Sie sollen 15 bis 20 Jahre aufbewahrt werden, nach einem solchen Zeitraum sind Folgeerscheinungen von Zivilisationskrankheiten meist erkennbar.
Aktuell wurde eine Studie mit der Uniklinik für Innere Medizin III, Endokrinologie, initiiert, bei der Proben von ambulanten Diabetespatienten gesammelt werden. Ziel der Untersuchung ist herauszufinden, bei welchen Patienten es langfristig zu Komplikationen kommt und intensivere Betreuung notwendig ist. Denn bei Diabetikern dauert es oft bis zu 15 Jahre, bis Folgeerkrankungen wie z.B. Nierenschäden erkennbar werden. In Zukunft soll somit möglichst früh prädizierbar sein, ob der eine oder andere Marker auf potenzielle Folgeerkrankungen bei Diabetes hinweist.
Endler: „Das Problem bei diesen vielen Daten ist, dass man sehr viele Patienten benötigt, um vernünftige Daten zu bekommen.“ Es seien zwar bereits verschiedenste Marker bekannt, noch nicht aber deren prädiktiver Wert. Je mehr Marker mit potenziellen Folgeerkrankungen in Verbindung gebracht werden können, desto eher wird eine bessere Patientenversorgung möglich sein. Gleichzeitig würden durch zielgerichtete Therapien die Effizienz gesteigert und Kosten gespart, so Endler.

Das Geschäft mit der Angst

Ganz entschieden fällt die Ablehnung kommerzieller Gentest-Anbieter aus. Wagner: „Pfeifen Sie auf das genetische Risiko, wenn es Ihnen nichts bringt.“
Trotz des Wissens, dass etwa 40 Prozent des Herzinfarktrisikos auf genetischer Prädisposition basiere, sei das individuelle Risiko z. B. für Herzinfarkt– außer der Familienanamnese – nach wie vor nicht prädizierbar.

Mag. Peter Bernthaler, Ärzte Woche 43/2007

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