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Gesundheitspolitik 28. Juni 2007

Innovative Arzneien sollen uns teuer sein

Hochpreisige gentechnisch hergestellte Antikörper, individualisierte Medizin, ein neuer Verhaltenskodex der Pharmabranche und die kritische Debatte um eine „marketingmäßige Bearbeitung“ des Gesundheitsmarktes sind nur einige der Themen, die die Pharmabranche bewegen.

Die beiden Sprecher des Verbands der pharmazeutischen Industrie, Präsident Dr. Hubert Dreßler und Generalsekretär Dr. Jan Oliver Huber, unterhielten sich mit der Ärzte Woche über kommende Entwicklungen der Branche und die Bemühungen um mehr Transparenz.

Herr Dr. Huber, wie sehen Sie die Entwicklung der österreichischen pharmazeutischen Industrie in den vergangenen 20 Jahren?
HUBER: Fakt ist, dass die pharmazeutische Industrie in den letzten 20 Jahren sehr gute Wachstumsraten und viele neue Produkte, so genannte Blockbuster, auf den Markt gebracht hat, das sind jene Produkte, die weltweit über eine Milliarde Dollar pro Jahr Umsatz machen. Das bedeutet, dass Forschung und Entwicklung in die richtige Richtung gegangen sind. Und es gab auch einen Markt dafür. Wir wurden natürlich als Industrie vom Ökonomischen her gesehen sicherlich verwöhnt durch sehr gute Wachstumsraten. Die Entwicklungskosten sind leider immer mehr gestiegen, also auch die gesetzlichen Voraussetzungen, zum Beispiel, wenn man klinische Studien durchführt. Die Patientengruppen werden immer größer, durch die Gendermedizin müssen auch höhere Zahlen von Männern und Frauen und unterschiedlichen Altersgruppen berücksichtigt werden. Also die Anforderungen an die Industrie und die Rahmenbedingungen, in denen geforscht und entwickelt wird, stellen eine immer größer werdende Herausforderung dar. In vielen Bereichen werden bestimmt eine bessere Qualität und ein zielgerichtetes Agieren gesichert, aber es kostet natürlich deutlich mehr Geld. Je mehr Patienten Sie durch Studien schleusen müssen, desto mehr kostet es am Ende des Tages.

Herr Dr. Dreßler, wie wird sich die Pharmabranche zukünftig weiter entwickeln?
DRESZLER: Der momentane Status wird die nächsten Jahre über sicher nicht so bleiben. Die Zahl der Produkte, die durch Generika ersetzt werden, wird kleiner werden. Der Grund liegt darin, dass Biologika nicht so einfach nachgemacht werden können. Bei den großen Indikationen wird es kaum mehr Forschung geben, diese Bereiche sind schon sehr gut abgecheckt. Die großen Firmen werden eher in Nischenforschung investieren. Das ist auch der Grund, warum neue Medikamente eher teuer sein werden. Gleichzeitig gibt es heute eine Entwicklung in Richtung individualisierte Medizin, vor allem auf dem Gebiet der genotypischen Forschung, die individualisierte Medikamente bringen wird. Wir wissen, dass relativ viele Medikamente, die heute am Markt sind, nur bei etwa 30 Prozent der Patienten wirken. Das Problem ist dabei, dass wir im Vorhinein nicht wissen, bei welchen Personen sie wirken. Hier muss noch viel in die Forschung investiert werden. Ein Beispiel ist Herceptin, da wissen wir, dass nur ein gewisser Typus von Frauen darauf anspricht. Und das kann heute bereits ausgetestet werden. Die Entwicklung wird auch Konsequenzen für das österreichische Sozialversicherungssystem mit sich bringen. Die Teuerungen entstehen aus einer Kombination aus besseren Medizintechniken und Medikamenten. Das Gesundheitssystem wird allein aufgrund der Demografie teurer werden. Die letzten zwei Jahre im Leben sind die kostspieligsten. Auch wenn die Menschen heute gesünder alt werden als früher, die chronischen Krankheiten kosten auf jeden Fall mehr. Es geht dabei nicht nur um teure Intensivstationen und Palliativmedizin. Krankheitsfälle treten heute auf, an die man früher nicht gedacht hat. Das Paradebeispiel dafür ist der Morbus Alzheimer – den gab es wegen des geringen Altersdurchschnitts im vorigen Jahrhundert praktisch nie. Auch die gesamte Gelenksersatzindustrie verteuert das System. Wer hat früher schon eine neue Hüfte bekommen? Heute kriegt die praktisch jeder.

Was sagen Sie zur momentanen Debatte um die Finanzierbarkeit der teuren, gentechnisch hergestellten Biologika?
DRESZLER: Zu meinem Leidwesen werden die Biologika dazu beitragen, dass wir wirklich eine festgeschriebene Mehrklassenmedizin bekommen werden. Nicht, weil die Krankenversicherungen nicht mehr zahlen, sondern weil sie die neueren Medikamente nicht mehr bezahlen können. Die Privatversicherungen werden wohl auf den Zug aufspringen und eine Medikamentenversicherung anbieten. Dass aus dem Gemeinwohl für jeden Menschen das Neueste und Beste bezahlt werden kann, wird es nicht geben. Wir haben ja heute schon die Zehnklassenmedizin: Wie gut Sie versorgt werden können, ist abhängig davon, wo Sie wohnen und ob Sie in der Nähe einer Uniklinik zu Hause sind. Es hängt auch davon ab, wie Ihr Bildungsstand ist, welchen Arbeitgeber Sie haben, der Ihnen welche Zusatz-Goodys wie Krankenversicherungen gewährt. Auch das persönliche Einkommen spielt natürlich eine Rolle, wie viel man sich privat leisten kann. Angehörige aus Medizinberufen haben einen besseren Zugang zu medizinischen Leistungen. Von einer Einklassenmedizin zu sprechen ist Unsinn. Sie brauchen sich nur die Verschreibungsgewohnheiten in den Wiener Gemeindebezirken ansehen. Die Unterschiede zwischen den Bezirken gehen bis hin zur Chefarztbewilligung. Menschen aus den „besseren“ Bezirken können sich offensichtlich mehr Gehör verschaffen und eher die Bewilligung für teure Medikamente durchsetzen Menschen aus sozial schlechter gestellten Bezirken.

Sind die hohen Preise für Biologika denn gerechtfertigt?
DRESZLER: Um ein paar Gramm davon zu erzeugen, muss ein 800-Liter-Inkubator zwei bis drei Tage lang gefahren werden. Danach müssen Sie ihn eine Woche lang reinigen, bevor Sie eine neue Bakterienkultur ansetzen können. All das macht auch die Produktion sehr aufwändig und damit teuer. Die Forschung allein ist es nicht. Aber auch sie hat ihren Anteil. Die Forschung an Biologika hat mehr Fehlschläge zu verzeichnen als bei den chemischen Substanzen. Bei den klinischen Studien kann es zu unerwarteten Immunreaktionen auf die Antikörper kommen, so wie das in London geschehen ist, bei dem vier junge Männer schwere Reaktionen hatten. Das kann zuvor nicht bis zum Letzten ausgetestet werden, denn die Immunantwort ist auch immer vom Genotypus beeinflusst, beispielsweise bei Menschen unterschiedlicher Hautfarbe.

Warum fordert die Pharma-Industrie eine Lockerung des Werbeverbots gegenüber Patienten?
HUBER: Es gibt schon einige Bereiche, wo wir glauben, dass es sinnvoll sein könnte, und zwar bei den chronischen Patienten. Es gab vor einigen Jahren schon einmal eine Initiative im EU-Parlament, dass man bei HIV, bei Diabetes und bei Osteoporose aktiver seitens der Unternehmen mit den betroffenen Patienten kommunizieren möchte. Die Patienten in diesen Bereichen sind ja häufig selbst besser informiert als der behandelnde Arzt, weil sie sich Tag und Nacht damit beschäftigen. Ich sehe das nicht nur aus dem Wunsch der Industrie heraus, diese Patienten – und jetzt sage ich bewusst unter Anführungszeichen „marketingmäßig zu bearbeiten“ – nein, das ist es nicht. Denn auch diese Patientengruppen sind so informiert, dass sie durchaus sehr herausfordende und aktive Gesprächspartner für die Industrie sein können. Es geht um ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Das Unternehmen informiert weiter über die Entwicklungen, über die Erfahrungen, die man in verschiedenen Kontinenten mit dem einen oder anderen Produkt gemacht hat, und gibt das quasi an die betroffenen Patientengruppen weiter und holt sich aber selbst wieder Feedback.

Der Pharmabranche wird nachgesagt, mit finanziellen Zuwendungen Selbsthilfegruppen zu beeinflussen. Was sagen Sie dazu?
HUBER: Sie werden sich sehr wehren, die 250.000 Menschen, die in Österreich in Selbsthilfegruppen organisiert sind. Die wissen sehr genau um die feine Trennlinie. Ich hatte in den letzten drei Jahren einen einzigen Fall, wo Selbsthilfegruppen gekommen sind und sich beschwert haben, hier gäbe es möglicherweise eine Einflussnahme. Aber sonst habe ich nur hohes Lob gehört, weil die Unternehmen wissen, dass man sich die Patienten nicht kaufen kann.

Machen Sie Zuwendungen?
HUBER: Ja, aber die sind transparent. Die Pharmig macht Zuwendungen an die ARGE Selbsthilfe, wir geben ihnen Geld, damit sie ihre Aktivitäten entfalten können, aber ohne irgendwelche Bedingungen. Die ARGE Selbsthilfe kriegt gerade einmal 8.000 Euro vom Staat, vom Sozialministerium, das ist nichts, um ein übergeordnetes Sprachrohr für die Selbsthilfegruppen zu sein. Das heißt, auch die Pharmafirmen, die heute Aktivitäten unterstützen, können es nicht mit Bedingungen machen. So wird das nicht funktionieren, weil jeder betroffene Patient wird sagen: „Ich möchte mich artikulieren, ich möchte das Thema in die Öffentlichkeit tragen, ich möchte auch glaubhaft als Patient vorne stehen. Und soweit ich weiß, haben die Selbsthilfegruppen durchaus kein Problem zu zeigen, von wem und welches Geld sie bekommen. Diese Transparenz wird hier auf jeden Fall mehr gelebt, als bei den Krankenkassen.

Es gibt den Vorwurf, dass die pharmazeutische Industrie Ärzte subtil beeinflusst, indem sie Fortbildung, Kongresse und wissenschaftliche Studien finanziert.
HUBER: Gerade wir als Pharmig haben jetzt per 1. Juli unseren Verhaltenskodex wieder neu verändert. Uns ist bewusst, dass das in der Öffentlichkeit oft viel negativer dargestellt wird, als es mittlerweile in Wahrheit ist. Grundsätzlich: Es ist nicht nur per Gesetz verboten, auch unser Kodex untersagt es, Geschenke zu machen, es ist verboten, Veranstaltungen zu unterstützen, die im Ausland stattfinden und nicht der Fortbildung und Information dienen, und alles das, was sonst so angeblich geschieht. Ich glaube Ihnen sogar, dass es leider hin und wieder noch Übertretungen der internen Verhaltenskodexregeln gibt. Wenn sie mir bekannt gemacht werden, haben wir dafür einen eigens eingerichteten Fachausschuss, der darüber urteilt und entsprechende Sanktionen setzen kann. Oftmals ist es übrigens auch so, dass die Unternehmen intern noch viel strengere Richtlinien haben, als dies der Kodex und das Gesetz heute vorgeben.

Das Gespräch führte Inge Smolek

Inge Smolek, Ärzte Woche 26/2007

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