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Gesundheitspolitik 6. September 2007

Von der Wiege bis zur Bahre hausärztlich betreut

Von einer Verbesserung der Situation für Allgemeinmediziner ist nach Ansicht der Kurie niedergelassener Ärzte der Ärztekammer für Wien nichts zu merken. Neue Aufgaben als „Door Opener“ ins Gesundheitssystem, als Drehscheibe der integrativen Versorgung von Patienten und Lebensstilberater sollen eine stärkere Anerkennung der praktischen Ärzte in monetärer wie in medizinischer Hinsicht bringen, forderten Ärztevertreter bei einer Pressekonferenz.

 Podiumsdiskussion
Rolf Jens, Norbert Jachimowicz und Rudolf Hainz fordern eine Besserstellung der hausärztlichen Tätigkeit.

Foto: Ärztekammer für Wien/Gregor Zeitler

„Herr Doktor, Sie machen noch Hausbesuche? Das gibt’s noch?“ Gar nicht so selten sieht sich der praktische Arzt Dr. Norbert Jachimowicz, stellvertretender Obmann der Kurie niedergelassene Ärzte der Ärztekammer für Wien, mit diesem Ausruf konfrontiert. Der Hausarzt, so scheint es, ist in den Köpfen der Menschen nicht mehr präsent. Offenbar gibt es ein großes Informationsdefizit darüber, was Allgemeinmediziner leisten.
Dabei ist die Liste der hausärztlichen Tätigkeiten ansehnlich, die bei der Pressekonferenz im Vorstandszimmer der Ärztekammer für Wien am 22. August den versammelten Fachjournalisten präsentiert wurde: Allgemeinärzte sind für die Akutversorgung ebenso zuständig wie für Impfungen, Mutter-Kind-Pass- und Vorsorgeuntersuchungen, Palliativbehandlungen, beim Patienten zu Hause durchgeführte Chemotherapien, Betreuung von alten Menschen daheim oder in Geriatriezentren, Pensionisten- oder Pflegeheimen, Lifestyle-Beratungen, Substitutionstherapien von Drogenabhängigen, Organisation von sozialen Diensten. Hausärzte spielen zudem, von der Öffentlichkeit wenig beachtet eine zentrale Rolle bei der Erarbeitung der Pandemiepläne.
2006 behandelten die Wiener Hausärzte rund 1,3 Millionen Patientinnen und Patienten. Das summierte sich auf 8,5 Millionen Einzelberatungen in den Ordinationen, 525.000 Hausbesuche und 75.000 Betreuungsbesuche von Betagten in Pensionistenwohnhäusern. Sie verabreichten 652.000 Injektionen im Rahmen der Schmerzbehandlung, 420.000 Infiltrationen und 144.000 Infusionen. Wiener Hausärzte entfernten nicht weniger als 22.000 Fremdkörper aus Ohren und Nasen und führten zudem 25.000 kleine Operationen in ihren Ordinationsräumlichkeiten durch.
„Aber“, sagte der stellvertretende Obmann der Kurie niedergelassene Ärzte der Wiener Ärztekammer, Rudolf Hainz, „die ökonomischen Zwänge machen uns das Leben schwer.“ Allgemeinmediziner Jachimowicz bekräftigte, dass die zunehmende Bürokratie und der überbordende Organisationsaufwand durch e-Card, Arzneimittel-Bewilligungsservice (ABS) und Erstattungskodex (EKO) die ärztlichen Bemühungen zunichte zu machen drohten. Und die geplante elektronische Gesundheitsakte sei ein massiver Eingriff in das Arzt-Patienten-Verhältnis. Jachimowicz: „Hier wird versucht, die Bürgerrechte abzuschaffen. Die Folge wird sein, dass uns die Patienten nicht mehr alles sagen werden, wenn sie fürchten, dass ihr Arbeitgeber Zugang zur Krankenakte erhalten könnte und so beispielsweise über ihre Diabeteserkrankung erfahren könnte.“
Deshalb mahnen die Allgemeinmediziner eine Aufwertung ihrer Tätigkeit ein und gehen mit einem Strauß von Forderungen in die im Herbst beginnenden Verhandlungen mit den Krankenkassen. Denn, so der Obmann der Sektion Ärzte für Allgemeinmedizin, Dr. Rolf Jens, die Ergebnisse der letzten Verhandlungen haben letztlich nur ein „Nullsummenspiel“ ergeben. Zwar wurden die Leistungen besser bewertet, dafür seien seit der Einführung des e-Card-Systems die Behandlungsfälle in den hausärztlichen Praxen deutlich gesunken. „Die ökonomische Schere zwischen den anderen Gruppen und den Hausärzten ist weiter aufgegangen.“ Nun müssten neue Leistungen auch ökonomisch gedeckt werden – etwa die so genannten Zuwendungsleistungen, die oft geforderte „Gesprächsmedizin“ beispielsweise für die psychosomatische oder geriatrische Betreuung. Der Zeitaufwand, beispielsweise für Raucherberatungen, wäre mit der Fallpauschale nicht ausreichend abgedeckt.

Mit e-Card direkt zum Facharzt

Ein weiteres Problem, das die Wiener Allgemeinmediziner beschäftigt: Im städtischen Bereich wenden sich Patienten seit Einführung der e-Card meist gleich an den Facharzt und sind nicht bereit, zusätzliche Wartezeiten beim Allgemeinmediziner in Kauf zu nehmen, um sich über ihre Beschwerden mit einem Allgemeinmediziner auszutauschen. So entstünden unnötige Kosten, argumentierte der stellvertretende Obmann der Kurie niedergelassener Ärzte, Dr. Rudolf Hainz, weil Unwissenheit häufig dazu führt, dass diese Patienten sich an einen Facharzt wenden, der für ihr Leiden gar nicht zuständig ist. Dabei sei der Hausarzt oder die Hausärztin unverzichtbar als erste Anlaufstelle für die Patienten und als „Door-Opener“ ins System.
Aber die Entwicklung gehe in die Richtung, dass sich die praktischen Ärzte zunehmend in der für sie unbefriedigenden Situation sehen, vermehrt Menschen mit chronischen Erkrankungen und alte, multimorbide Patienten behandeln zu müssen, die häufig auch noch aufwändige Hausbesuche benötigen.
Deshalb wünschen sich Allgemeinmediziner mehr Anerkennung – sowohl im medizinischen, als auch im finanziellen Bereich. Hoffnung für die Erlangung eines größeren Stellenwerts in der Gesellschaft setzen die Hausärzte deshalb auf die geplante Einführung des Facharztes für Allgemeinmedizin. Jens: „Wir glauben, dass wir auf unsere Leistungen stolz sein können und einen wesentlichen Beitrag leisten für die Zukunft der Bevölkerung. Wir sind der Meinung, dass wir mehr leis­ten könnten, wenn man uns ließe!“

Inge Smolek, Ärzte Woche 36/2007

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