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Gesundheitspolitik 17. Jänner 2008

Mit Brief und Siegel

In Deutschland sollen Hausärzte die Compliance ihrer chronisch kranken Patienten per Unterschrift bestätigen, damit diese finanzielle Vorteile auf Grund ihrer Therapietreue lukrieren können. Österreichische Mediziner halten von der Idee nicht viel.

 Vertrag

Foto: Buenos Dias/photos.com

Die Ärzteschaft im Nachbarland lehnt das Ansinnen der Patientendisziplinierung vehement ab. Die Mediziner wollen nicht zur Bespitzelung verpflichtet werden und sehen sich außerstande, das therapiegerechte Verhalten der an einer chronischen Erkrankung leidenden Patienten mit gutem Gewissen zu bestätigen.
Im Gesetzesentwurf zur jüng­sten Gesundheitsreform wird als Beispiel angeführt, dass eine Einschreibung in ein Disease Management Programm (DMP) als Nachweis für die Compliance gilt. Oder der Arzt bestätigt in einem kurzen Satz, dass sich der Patient an die vereinbarten Therapiemaßnahmen hält.
In Österreich stimmen die Ärzte dem Protest ihrer deutschen Kollegen vollinhaltlich zu. Derartige Disziplinierungsmaßnahmen dürften für Österreich auch auf längere Sicht nicht denkbar sein, verlautet etwa der Präsident der Österreich­ischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und oberösterreichische Hausarzt Dr. Erwin Rebhandl. Wenn Ärzte darüber befinden müssten, welche Patienten für ihr gesundheitliches (Fehl-)Verhalten finanziell zur Verantwortung gezogen werden sollten, drohte das für den Heilungserfolg besonders wichtige vertrauensvolle Arzt-Patienten-Verhältnis aus dem Gleichgewicht zu geraten. Gefragt seien heute gemeinsam getroffene Entscheidungen zwischen dem Patienten und dem behandelnden Arzt. Diese dann wie in einem Vertrag als Zielvereinbarung von beiden Seiten unterschreiben zu lassen, wie das etwa bei Disease Management Programmen wie beispielsweise „Therapie Aktiv“ vorgesehen ist, kann jedenfalls nicht mit der deutschen Regelung verglichen werden. Denn dabei handelt es sich lediglich um den Versuch, die Patienten zu motivieren, den Ratschlägen des Arztes zu nötigen Lebensstiländerungen, Rauchstopp und zur medikamentösen Therapie zu folgen – ganz ohne finanzielle Konsequenzen.
Die deutsche Regelung wirft viele brisante Fragen auf Im Zusammenhang mit der Diskussion über die verpflichtende Abnahme von Therapiegelöbnissen eröffnen sich aber grundsätzliche Fragen: etwa die, inwieweit Patienten eine moralische Verpflichtung haben, alles für ihre Gesundheit Nötige zu tun, um der Solidargemeinschaft nicht zu sehr zur Last zu fallen. Oder wie Maßnahmen wie die deutsche Chronikerregelung mit dem obersten Prinzip im Arzt-Patienten-Verhältnis zu vereinbaren sind, der Patientenautonomie.

Klicken Sie hier um die Antworten zu dieser Debatte zu lesen.

Inge Smolek, Ärzte Woche 3/2008

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