zur Navigation zum Inhalt
 
Gesundheitspolitik 5. Juli 2007

Gesunde Politik statt Gesundheitspolitik

Im internationalen Vergleich wird in Österreich derzeit nur ein geringer Anteil der öffentlichen Gesundheitsausgaben für Prävention aufgewendet, noch weniger für Gesundheitsförderung. Höhere Investitionen in diesen Bereich, die das System langfristig entlasten sollen, werden häufig gefordert. Aber bisher gibt es noch wenige Forschungsergebnisse, die den Nutzen derartiger Maßnahmen belegen könnten.

„Im internationalen Vergleich entfällt in Österreich nur ein relativ geringer Teil der öffentlichen Gesundheitsausgaben auf Präven­tion“, weiß Mag. Dr. Wolfgang Dür vom Wiener Ludwig-Boltzmann-Institut für Medizin- und Gesundheitssoziologie. Dies werde durch eine aktuelle Arbeit des Institutes für Höhere Studien zum Thema „Effizienz im Gesundheitswesen“ belegt. Laut dieser betrage der Anteil der Prävention an den gesam­ten öffentlichen Gesundheitsausgaben in Österreich nur 1,9 Prozent, in Deutschland oder den Niederlanden hingegen vier Prozent. „In Australien werden sogar rund fünf Prozent für Prävention ausgegeben, und unter Experten gilt dieser Anteil auch als jene ,kritische Masse’ an Investitionen, mit der dann tatsächlich spürbare Einsparungen im kurativen Bereich erzielt werden können“, sagt Dür. Zudem werde der Begriff „Prävention“ in der IHS-Studie weit gefasst und schließe neben Gesunden-, Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen, Screenings und Impfungen auch den In-vitro-Fertilisationsfonds sowie bestimmte Erste-Hilfe-Leistungen und Ausgaben für psychosoziale Dienste ein.

„Gesundheitsförderung“ und „Prävention“

Das mögliche inhaltliche Spektrum von „Prävention“, also von Maßnahmen, die Krankheiten verhindern sollen, ist weit (siehe Kasten). Hier soll nur von „Gesundheitsförderung“ und „nicht-medi-
zinischer Primärprävention“ die Rede sein. Erstere ist im Gegensatz zur Prävention nicht darauf ausgerichtet, Krankheiten zu verhindern, sondern die Gesundheit zu stärken. Letztere versucht zum Beispiel durch Maßnahmen zur Unfallverhütung oder ergonomische Arbeitsplätze Krankheiten und Unfälle zu vermeiden. Dies ist wiederum von medizinischer Primärprävention, wie etwa Impfungen, zu unterscheiden. „Wenn nur dieser nicht-medizinische Bereich betrachtet wird, so ist davon auszugehen, dass wiederum nur ein sehr geringer Teil der öffentlichen Präventionsausgaben darauf entfällt“, meint Dür.

Ökonomischer Nutzen

Stellt sich die Frage, ob dieser sehr geringe Teil gut angelegt ist. Sogenannte „harte Fakten“ dazu gibt es laut den von der Ärzte Woche befragten Experten in aller Regel nur für den Bereich der Betrieblichen Gesundheitsförderung (BGF). Eine Publikation des deutschen Bundesverbandes der Betriebskrankenkassen beziffert das Kosten-Nutzen-Verhältnis durch Programme für Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz als zwischen 1:2,5 und 1:10,1 liegend und beruft sich dabei auf einen Literaturüberblick von Stephen G. Aldana von der Brigham Young University, Utah, USA, der im Mai/Juni 2001 im American Journal of Health Promotion erschienen ist. Eine weitere Meta-Analyse stammt von Larry S. Chapman, Chairman und Senior Consultant der Summex Corporation, eines US-Unternehmens, das sich mit betrieblicher Gesundheitsförderung beschäftigt. Sie ist im Jänner/Februar 2003 im American Journal of Health Promotion erschienen und gibt für 16 Studien eine durchschnittliche Kosten-Nutzen-Relation von 1:5,93 an.

Kosten-Nutzen-Relation

„Als fundiert sind Ansätze zu betrachten, bei denen in die Berechnung der durch betriebliche Gesundheitsförderung möglichen Kostenersparnisse ausschließlich die Reduktion der Krankenstände sowie Erhöhungen der Produktivität einbezogen werden“, meint Dür. Auf dieser Basis sei eine Kos­ten-Nutzen-Relation von 1:2,5 durch BGF auf jeden Fall als realistisch einzuschätzen, so der Gesundheitssoziologe. Wesentlich schwieriger werde es jedoch, wenn es um Gesundheitsförderung insgesamt gehe, also beispielsweise auch um Maßnahmen, mit denen die Gesundheit von Menschen in den Lebensumwelten Schule oder Gemeinde gefördert werden solle. „Hier ist weitaus mehr wissenschaftliche Forschung als bislang notwendig“, fordert Dür.

Mehr Lebensqualität

Prof. Dr. Wolfgang Freidl vom Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie der Medizinuniversität Graz hat gemeinsam mit Mag. Dr. Christine Neuhold bereits eine derartige Erhebung durchgeführt: einen „Gesundheitssurvey“, für den rund 1.100 Personen aus zehn so genannten „Gesunden Gemeinden“ in der Steiermark wiederholt interviewt wurden. „Gesunde Gemeinden“ sind Ortschaften, in denen nach einem entsprechenden Beschluss des Gemeinderates eine Struktur für Gesundheitsförderung geschaffen wurde. Diese kann unter anderem einen überparteilichen Gesundheitsbeirat umfassen, der dann konkrete Maßnahmen von Bewegungskursen über den Sportplatzbau bis zu Vorträgen zum Thema gesunde Ernährung anregen und umsetzen kann. „In den vier Studienjahren von 2001 bis 2005 zeigte sich, dass durch die gesundheitsförderlichen Maßnahmen zwar nicht der Gesundheitszustand, aber die Lebensqualität im Durchschnitt gesteigert werden konnte“, fasst Freidl die Ergebnisse zusammen.
Gesundheitsförderung sei mehr, als den Menschen nur vermitteln zu wollen: „Raucht nicht!“ und „Ernährt Euch gesünder!“, sagt Sozialmediziner Freidl, der auch als Projektbeirat der österreichischen Gesundheitsförderungsinstitution „Fonds Gesundes Österreich“ tätig ist, die ein Jahresbudget von rund 7,25 Millionen Euro verwaltet. „Gesundheitsförderung muss bei einer Veränderung der Lebensverhältnisse ansetzen, was vom Bau von Radwegen bis zu Bildungsmaßnahmen reichen kann. Sie muss die Menschen vor allem befähigen, ihre gesundheitlichen Potenziale besser zu nutzen“, so Freidl.
„Gesundheitsförderung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die Risikoverhalten wie Rauchen oder einseitige Ernährung als Resultat einer bestimmten Lebenssituation betrachten muss und nicht nach dem Motto „Blaming the Victim“ die Betroffenen dafür verantwortlich machen sollte“, meint auch Prof. Dr. Jost Bauch. „Ich bin allerdings skeptisch, ob das Argument der Kostenreduktion geeignet ist, mehr Investitionen in Gesundheitsförderung und nicht-medizinische Primärprävention durchzusetzen“, ergänzt der deutsche Medizinsoziologe.

Geringe Einsparpotenziale

Denn durch gesundheitsfördernde Initiativen könne bei einer steigenden Lebenserwartung nur versucht werden, im selben oder einem etwas höheren Ausmaß auch den Zeitpunkt nach hinten zu verschieben, zu dem die ersten gröberen Gebrechen und Behinderungen auftreten. „Dadurch können aber wahrscheinlich keine besonders großen Einsparungspotenziale realisiert werden“, meint Bauch. „Denn dass dieser Zeitpunkt schließlich im Durchschnitt betrachtet nur mehr wenige Wochen oder Monate vor dem Tod liegt, ist nicht anzunehmen.“
Die Diskussion über den Nutzen von Gesundheitsförderung und nicht-medizinischer Primärprävention sollte deshalb nicht auf den Kostenaspekt reduziert werden, so der deutsche Medizinsoziologe: „Das wirklich stichhaltige Argument für Gesundheitsförderung kann nur lauten: Sie kann dazu beitragen, unsere Lebensqualität zu erhöhen.“

 Fakten

Siehe auch Artikel 'Koordinierte Vorgangsweise'

Mag. Dietmar Schobel, Ärzte Woche 27/2007

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben